Da das Thema inzwischen entsprechende Relevanz für diesen Kontext hat, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um einen kleineren medium/deep dive in den Ist-Zustand der VLS Thematik zu starten. Aktuell schlagen wir uns ja gegenseitig die Köpfe ein, welcher Weg denn nun bezüglich dem VLS zu nehmen ist, das wird hiermit nicht beantwortet. Stattdessen soll das hier mehr eine Art Crashkurs in die Technik der beiden Bestandssysteme - das Mk41 VLS und das SYLVER VLS - sein, um eine Basis für Vergleiche und Abwägungen zu schaffen.
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Die Ursprünge der beiden Systeme gar nicht mal so verschieden. Auch die reine funktionsweise in Bezug auf Abläufe, Beladung usw ist relativ identisch, weshalb ich auf diese Punkte nicht weiter eingehe. Kurz aber ein Paar Eckdaten zu beiden Systemen.
- Das Mk41 VLS wurde in den frühen 1970ern auf eine Initiative der US Navy hin durch Martin Marietta (heute Lockheed Martin, ebenfalls der heutige Hersteller) entwickelt und wird seit 1986 auf Kriegsschiffen verbaut. Weltweit gibt es 16x Nutzer des Systems.
- Das SYLVER VLS wurde in den frühen 1980ern durch DCNS (heute NavalGroup, ebenfalls der heutige Hersteller) entwickelt und wird seit 2001 auf Kriegsschiffen verbaut.
Weltweit gibt gibt es 12x Nutzer des Systems.
Jetzt aber ans Eingemachte, warum sind diese Systeme so unterschiedlich?
Fähigkeitstechnisch waren sie es tatsächlich gar nicht, jedenfalls wenn wir von den IOC Fähigkeiten ausgehen.
Das Mk41 von 1986 war zum Verschuss der RIM-66 (der SM-2MR), der RIM-67 (der SM-2ER) sowie Tomahawk befähigt. Ähnlich wie das SYLVER rund 15 Jahre später, handelte es sich bei dem System zwar um einen "Universalstarter", das war allerdings eher mit "Universallogistik" zu übersetzen, nicht mit einer universalen Anwendung. Das VLS war zu diesem Zeitpunkt noch kein Rückgrad einer Flottendoktrin, der Einsatz war vor allem auf großen Einheiten wie Kreuzern und Zerstörern angedacht, die flexibel zwischen AAW und Land Attack Capabilities wechseln sollten. Erst um die Jahrtausendwende hatte sich das VLS als wirklicher go-to Starter für Lfk weltweit durchgesetzt.
SYLVER war dahingehend schon deutlich "universeller" angelegt, zumindest was das doktrinale Betrifft. In den späten 90ern zeichnete sich der Trend hin zu VLS-basierter Bewaffnung bereits ab, großartige Auswirkungen hatte es in diesem Fall aber kaum, das gilt für beide Systeme was bspw Größe oder Gewicht betrifft, Schiffe wurden zu diesem Zeitpunkt kongruent größer.
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Der Grund, warum beide Systeme so unterschiedlich sind, liegt in der Design-Philosophie.
Entgegen der gängigen Vermutung, war SYLVER bei seiner Indienststellung nicht als "ASTER-only" System ausgelegt. Es war als "PAAMS-only" System ausgelegt.
PAAMS und SYLVER sind mehr oder minder symbiotisch entstanden, ein aufeinander abgestimmter Systemkomplex im Rahmen des Programms, aus dem später die Horizon und der Type 45 entstanden sind. Da hatte man damals noch die Idee, PAAMS (den Systemkomplex, nicht die Software) zu einer Art europäischem AEGIS auszubauen, was... so lala geklappt hat.
Und genau diese Auslegung ist für rund 90% der Kopfschmerzen mit dem System verantwortlich.
Wer einmal ein Mk41 Modul und ein SYLVER Modul in voller Pracht nebeneinander gesehen hat, dem dürfte etwas aufgefallen sein. Das Mk41 wirkt voll, überall Kabel und Kästen. Das SYLVER hingegen wirkt dagegen fast schon "nackt". Und demjenigen, dem das bisher aufgefallen ist, gebührt Lob, denn der hat Recht.
Ein Mk41 Modul in ein in sich geschlossenes Packet. Es verfügt über seine eigene Steuerelektronik und Rechner, die direkt am Starter befestigt sind und auch softwaretechnisch direkter Teil des Modul sind. Damit muss nur noch das Modul mit dem Rechenzentrum des Schiffes gekoppelt werden und ist Einsatzbereit, weshalb es auch bspw außerhalb des AEGIS Ökosystems Anwendung finden kann.
Beim SYLVER hingegen war der Großteil dieser Elektronik und Reichenleistung nicht Teil des Starters, sondern Teil des Schiffsystems auf dem das VLS verwendet wurde. Vorgehalten als Teil des schiffseigenen Reichenzentrums, nicht als "Plug-In-Modul", dass lediglich mit dem Rest des Schiffsystems verbunden wurde. Und genau damit hat man sich retroperspektivisch ganz schön ins Knie geschossen, wobei man fairerweise 1995 auch nicht unbedingt mit CAMM, IRIS-T und co zu rechnen hatte.
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Aufgrund seiner Bauweise konnte das Mk41 somit relativ einfach weiterentwickelt werden. Die Verbindung zwischen dem geschlossenen Mk41-System und den restlichen Systemen eines Schiffes war standardisiert, somit hatte man im Mk41 selber freie Bahn für allerlei Änderungen an Software/Hardware. Somit gestalteten sich die Integration von NSSM und VL-ASROC relativ einfach. Später wurden Anpassungen an Hard- und Software nötig um bspw die ESSM ab 2004 im Quadpack verwenden zu können, was tatsächlich in älteren Mk41 Baselines so nicht möglich ist.
Beim SYLVER ging das nicht so ohne weiteres. Dessen Steuerelektronik und Software hing zu diesem Zeitpunkt noch fix im PAAMS Systemkomplex, jegliche Änderung daran wäre eine Änderung im Systemkomplex an sich (was keine gute Idee wäre). Zwar wurde PAAMS selber im Laufe der Jahre Modularisiert (was soweit ich weiß mit den FREMMs begann), aber Geld und Nachfrage um an der grundsätzlichen Symbiotik der Systeme zu fummeln, war nicht da, entsprechend beschränkte man sich nur auf geringfügige Anpassungen.
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Es war allen Beteiligten aber klar, dass das nicht ewig so weitergehen könnte. PAAMS setzt sich nicht europaweit durch und mit der Zeit kamen neue Effektoren und Quadpacking auf, auch in Europa. Weshalb man sich soweit ich das beurteilen kann ab Anfang der 2010er an die Arbeit machte, um SYLVER von PAAMS zu entkoppeln. Zunächst physisch (also die Segregation der SYLVER Steuerelektronik in eigene standalone "Schränke") und danach intern (Also die Überarbeitung der dann SYLVER-eigenen Software).
Dieser Prozess ist, stand heute, vollständig abgeschlossen.
Heute ist SYLVER ein standalone System, das vollkommen unabhängig von bestehenden Systemkomplexen verwendet werden kann. Die systemeigene Steuerelektronik und Software ist heute getrennt von den schiffseigenen Rechenzentren in eigenen "Schränken" untergebracht, die separiert von CMS und co arbeiten.
Die Software dahinter wurde vollständig neu konstruiert,
hier nachzulesen (Grüße gehen raus an Voyageur), und ist per preset in der Lage, jeglichen integrierten Fk zu erkennen und zu verschießen. Die Systemlogik ist nun so angeordnet, dass mehrere SIMBoxen (Typvertreter) pro SEQBox (Anwednungstyp) pro Zelle angehängt werden können, was die vorherige Obergrenze an verwaltbaren FK aufhebt und SYLVER uneingeschränkt zum Quadpacking befähigt. Das ist bspw auch der Grund, warum es inzwischen möglich ist, CAMM per SYLVER im Quadpack zu verschießen.
Hierfür ist die Integration eines FK in Steuerungssoftware (und CMS) vorab natürlich nötig, die sich selber, aufgrund der Aufhebung der PAAMS-Symbiotik (was die Integrationsschwierigkeiten erst bedingt hat) nicht schwieriger Gestaltet, als eine Integration in vergleichbare VLS-Systeme.
Obgleich ein wenig ursprüngliche DNA in diesen Systeme nach wie vor enthalten ist, was sich hauptsächlich auf schiffbauliche Aspekte auswirkt. Wie angesprochen ist die Steuerungselektronik in eigenen "Schränken" untergebracht, die relativ groß sind, über 2m hoch. Die müssen natürlich irgendwo untergebracht werden, auch wenn deren Austausch bei einem Auswechseln der SYLVER-Startanlage später zum Glück nicht mehr notwendig ist.
Desweiteren überdauert die Eigenart des Systems, dass die einzelnen Module nach wie vor nur an der kürzeren Seite direkt miteinander verbunden werden können, was zu den
charakterischen "Lücken" bei horizontal angelegten Modulblöcken führt. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, kann ich zum gegenwertigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Anscheinend hat das Vorteile für den Wartungsbetrieb (auch wenn das eher ein Nebeneffekt ist), braucht aber natürlich mehr Platz.
Auch wurde an den Dimensionen des Systems grundsätzlich nichts verändert, womit der Zellendurchmesser etwas kleiner ist als der einer Mk41 Zelle. Das hat nach meinem Kenntnisstand zwar aktuell keine Auswirkungen auf bspw Quadpacking, könnte aber perspektivisch relevant werden und eine Vergrößerung nach sich ziehen, sofern erfoderlich.
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Das ist der Status Quo 2026.