23.01.2026, 06:35
@Quintus
Zugegeben, ich habe mich vom Thema etwas wegbewegt; da sich aber thematisch der Vergleich zum vorkolonialen Zeitalter nun einmal aufgedrängt hat, ein letzter Kommentar zum Malireich als dem wohl reichsten und höchstentwickelten Staat Afrikas vor Beginn der europäischen Kolonialisierung.
Vergleich seiner Errungenschaften mit denen Portugals (als Vorreitermacht der Kolonialisierung Afrikas) an der Schwelle zum 15. Jahrhundert [nach: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs, A. H. de Oliveira Marques, Verlag Kröner, Stuttgart 2001; und nach: en.wikipedia.org/wiki/Mali_Empire]:
Landwirtschaft
Mali: Traditionelle Landwirtschaft zur Eigenernährung, Viehzucht. Bewässerungstechniken werden erwähnt. Keine weiteren Hinweise auf technische Innovationen wie mechanische Pflüge.
Portugal: Hoch diversifizierte Landwirtschaft, regelmäßig Überschuss in der Nahrungsproduktion, ernährt wachsende Bevölkerung. Dreifelderwirtschaft, Bewässerungstechniken, Kehrpflug mit Kummet.
Architektur
Mali: Hauptsächlich Lehm als Baustoff, kein Nachweis für Glas als architektonisches Element, keine repräsentativen Bauten abseits der Herrschersitze und religiösen Zentren (z.B. Timbuktu); wenige Beispiele überdauern
Portugal: Stein, Mörtel als wichtigste Baustoffe, gefolgt von Fachwerk; Glas bei repräsentativen Bauten; gotische Architektur (statisch herausfordernd), repräsentative Bauten bis auf Ebene des wirtschaftlichen Mittelstands und lokaler Machtzentren; zahlreiche Burgen, Kirchen und Verwaltungsgebäude überdauern
Rüstungstechnik
Mali: Keine Feuerwaffen, Einsatz von Angriffs- und Schutzwaffen aus Eisen durch die Elite
Portugal: Feuerwaffen, inklusive Handwaffen; Angriffs- und Schutzwaffen aus gehärteten Eisenlegierungen werden Massenware, proto-industrielle Produktion früher Stähle
Militärwissenschaft
Mali: Große Armeen unter Mansa Musa (er erklärte, 24 Städte erobert zu haben), traditionell gegliedert, Führung liegt bei Stammesnotablen
Portugal: Ab Johann I. standardisierte Heere mit Größen bis 20.000 Mann, Ansätze von Meritokratie bei der Auswahl militärischer Führer
Seefahrt & Navigation
Mali: Keine nennenswerten Errungenschaften
Portugal: nautische Karten, Nutzung astronomischer Tabellen, Kompass
Wissenschaften
Mali: Universität Timbuktu (nachweislich aktiv ab dem 9. Jahrhundert), hauptsächlich religiöse Studien, in geringerem Maße Beschäftigung mit Literatur und Medizin
Portugal: Universität Coimbra, gegründet 1290, Theologie, Rechte, Medizin, Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie
Kultur
Mali: Schriftlich, zahlreiche literarische Werke in Timbuktu überliefert, Eliten konnten Arabisch lesen und schreiben
Portugal: Schriftlich, reicher literarischer Schatz, Eliten beherrschten die Volkssprache und Latein in Wort und Schrift, Teile des Mittelstands ebenfalls alphabetisiert
Verwaltung
Mali: Provinzgouverneure ab Mansa Musa, herrschten durch mündliche Absprachen; kodifiziertes Recht auf Basis der Scharia; keine schriftliche Verwaltung überliefert
Portugal: Straff organisierte, hierarchische Verwaltung; Verwaltungsarchiv ab dem späten 13. Jahrhundert überliefert; Amtsadel, kodifiziertes Recht, Ansätze eines Parlaments
Wirtschaft
Mali: Transsaharahandel, v.a. mit Edelmetallen, Sklaven; immenser Reichtum in der Hand Mansa Musas, sonst keine Quellen
Portugal: Europaweiter Handel, v.a. mit Wein und Oliven, großer Reichtum der Eliten, mit Partizipation der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht
Zusammenfassend gesagt: Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass viele Informationen über das Malireich mündlich überliefert wurden und verloren gingen, sehe ich nicht, wie Du darauf kommst, dass diese beiden Mächte an der Schwelle zum Beginn der europäischen Expansion auch nur annähernd gleich aufgestellt gewesen wären, was ihre Entwicklung anlangt.
Da scheint mir schon eher meine Aussage angreifbar, dass ein "Insel-Afrika" diesen Rückstand nicht aus eigener Kraft bis heute aufgeholt hätte. Aber andererseits halte ich das für eine zwangsläufige Schlussfolgerung aus der Tatsache, wie langsam selbst Innovationen in der vorindustriellen Welt gereist sind. Beispiel: Die im Karolingerreich erfundene Dreifelderlandwirtschaft, die Grundlage des europäischen Bevölkerungswachstums ab 1000 n.Chr., brauchte fast drei Jahrhunderte, bis sie sich überall in Europa ausgebreitet hatte, trotz intensiver Wechselbeziehungen durch verbündete Herrscher, Pilger und den grenzüberschreitenden Handel. Warum sollte das in Afrika schneller gehen, trotz weit größerer Strecken und (in vorindustrieller Zeit) geringerer Bevölkerungsdichte?
Im Übrigen: Geringer entwickelte Staaten unterwerfen höher entwickelte durch schieren Kräfteeinsatz (siehe z.B. die Mongolen in ihrer Frühzeit). Da die Europäer den afrikanischen Kontinent (ebenso wie den südamerikanischen) mit geringen Kräften in Besitz nahmen, darf das wohl als Puddingprobe gelten.
Zugegeben, ich habe mich vom Thema etwas wegbewegt; da sich aber thematisch der Vergleich zum vorkolonialen Zeitalter nun einmal aufgedrängt hat, ein letzter Kommentar zum Malireich als dem wohl reichsten und höchstentwickelten Staat Afrikas vor Beginn der europäischen Kolonialisierung.
Vergleich seiner Errungenschaften mit denen Portugals (als Vorreitermacht der Kolonialisierung Afrikas) an der Schwelle zum 15. Jahrhundert [nach: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs, A. H. de Oliveira Marques, Verlag Kröner, Stuttgart 2001; und nach: en.wikipedia.org/wiki/Mali_Empire]:
Landwirtschaft
Mali: Traditionelle Landwirtschaft zur Eigenernährung, Viehzucht. Bewässerungstechniken werden erwähnt. Keine weiteren Hinweise auf technische Innovationen wie mechanische Pflüge.
Portugal: Hoch diversifizierte Landwirtschaft, regelmäßig Überschuss in der Nahrungsproduktion, ernährt wachsende Bevölkerung. Dreifelderwirtschaft, Bewässerungstechniken, Kehrpflug mit Kummet.
Architektur
Mali: Hauptsächlich Lehm als Baustoff, kein Nachweis für Glas als architektonisches Element, keine repräsentativen Bauten abseits der Herrschersitze und religiösen Zentren (z.B. Timbuktu); wenige Beispiele überdauern
Portugal: Stein, Mörtel als wichtigste Baustoffe, gefolgt von Fachwerk; Glas bei repräsentativen Bauten; gotische Architektur (statisch herausfordernd), repräsentative Bauten bis auf Ebene des wirtschaftlichen Mittelstands und lokaler Machtzentren; zahlreiche Burgen, Kirchen und Verwaltungsgebäude überdauern
Rüstungstechnik
Mali: Keine Feuerwaffen, Einsatz von Angriffs- und Schutzwaffen aus Eisen durch die Elite
Portugal: Feuerwaffen, inklusive Handwaffen; Angriffs- und Schutzwaffen aus gehärteten Eisenlegierungen werden Massenware, proto-industrielle Produktion früher Stähle
Militärwissenschaft
Mali: Große Armeen unter Mansa Musa (er erklärte, 24 Städte erobert zu haben), traditionell gegliedert, Führung liegt bei Stammesnotablen
Portugal: Ab Johann I. standardisierte Heere mit Größen bis 20.000 Mann, Ansätze von Meritokratie bei der Auswahl militärischer Führer
Seefahrt & Navigation
Mali: Keine nennenswerten Errungenschaften
Portugal: nautische Karten, Nutzung astronomischer Tabellen, Kompass
Wissenschaften
Mali: Universität Timbuktu (nachweislich aktiv ab dem 9. Jahrhundert), hauptsächlich religiöse Studien, in geringerem Maße Beschäftigung mit Literatur und Medizin
Portugal: Universität Coimbra, gegründet 1290, Theologie, Rechte, Medizin, Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie
Kultur
Mali: Schriftlich, zahlreiche literarische Werke in Timbuktu überliefert, Eliten konnten Arabisch lesen und schreiben
Portugal: Schriftlich, reicher literarischer Schatz, Eliten beherrschten die Volkssprache und Latein in Wort und Schrift, Teile des Mittelstands ebenfalls alphabetisiert
Verwaltung
Mali: Provinzgouverneure ab Mansa Musa, herrschten durch mündliche Absprachen; kodifiziertes Recht auf Basis der Scharia; keine schriftliche Verwaltung überliefert
Portugal: Straff organisierte, hierarchische Verwaltung; Verwaltungsarchiv ab dem späten 13. Jahrhundert überliefert; Amtsadel, kodifiziertes Recht, Ansätze eines Parlaments
Wirtschaft
Mali: Transsaharahandel, v.a. mit Edelmetallen, Sklaven; immenser Reichtum in der Hand Mansa Musas, sonst keine Quellen
Portugal: Europaweiter Handel, v.a. mit Wein und Oliven, großer Reichtum der Eliten, mit Partizipation der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht
Zusammenfassend gesagt: Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass viele Informationen über das Malireich mündlich überliefert wurden und verloren gingen, sehe ich nicht, wie Du darauf kommst, dass diese beiden Mächte an der Schwelle zum Beginn der europäischen Expansion auch nur annähernd gleich aufgestellt gewesen wären, was ihre Entwicklung anlangt.
Da scheint mir schon eher meine Aussage angreifbar, dass ein "Insel-Afrika" diesen Rückstand nicht aus eigener Kraft bis heute aufgeholt hätte. Aber andererseits halte ich das für eine zwangsläufige Schlussfolgerung aus der Tatsache, wie langsam selbst Innovationen in der vorindustriellen Welt gereist sind. Beispiel: Die im Karolingerreich erfundene Dreifelderlandwirtschaft, die Grundlage des europäischen Bevölkerungswachstums ab 1000 n.Chr., brauchte fast drei Jahrhunderte, bis sie sich überall in Europa ausgebreitet hatte, trotz intensiver Wechselbeziehungen durch verbündete Herrscher, Pilger und den grenzüberschreitenden Handel. Warum sollte das in Afrika schneller gehen, trotz weit größerer Strecken und (in vorindustrieller Zeit) geringerer Bevölkerungsdichte?
Im Übrigen: Geringer entwickelte Staaten unterwerfen höher entwickelte durch schieren Kräfteeinsatz (siehe z.B. die Mongolen in ihrer Frühzeit). Da die Europäer den afrikanischen Kontinent (ebenso wie den südamerikanischen) mit geringen Kräften in Besitz nahmen, darf das wohl als Puddingprobe gelten.
