Deutsche Kolonien
#91
@Quintus

Zugegeben, ich habe mich vom Thema etwas wegbewegt; da sich aber thematisch der Vergleich zum vorkolonialen Zeitalter nun einmal aufgedrängt hat, ein letzter Kommentar zum Malireich als dem wohl reichsten und höchstentwickelten Staat Afrikas vor Beginn der europäischen Kolonialisierung.

Vergleich seiner Errungenschaften mit denen Portugals (als Vorreitermacht der Kolonialisierung Afrikas) an der Schwelle zum 15. Jahrhundert [nach: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs, A. H. de Oliveira Marques, Verlag Kröner, Stuttgart 2001; und nach: en.wikipedia.org/wiki/Mali_Empire]:

Landwirtschaft

Mali: Traditionelle Landwirtschaft zur Eigenernährung, Viehzucht. Bewässerungstechniken werden erwähnt. Keine weiteren Hinweise auf technische Innovationen wie mechanische Pflüge.

Portugal: Hoch diversifizierte Landwirtschaft, regelmäßig Überschuss in der Nahrungsproduktion, ernährt wachsende Bevölkerung. Dreifelderwirtschaft, Bewässerungstechniken, Kehrpflug mit Kummet.

Architektur

Mali: Hauptsächlich Lehm als Baustoff, kein Nachweis für Glas als architektonisches Element, keine repräsentativen Bauten abseits der Herrschersitze und religiösen Zentren (z.B. Timbuktu); wenige Beispiele überdauern

Portugal: Stein, Mörtel als wichtigste Baustoffe, gefolgt von Fachwerk; Glas bei repräsentativen Bauten; gotische Architektur (statisch herausfordernd), repräsentative Bauten bis auf Ebene des wirtschaftlichen Mittelstands und lokaler Machtzentren; zahlreiche Burgen, Kirchen und Verwaltungsgebäude überdauern

Rüstungstechnik

Mali: Keine Feuerwaffen, Einsatz von Angriffs- und Schutzwaffen aus Eisen durch die Elite

Portugal: Feuerwaffen, inklusive Handwaffen; Angriffs- und Schutzwaffen aus gehärteten Eisenlegierungen werden Massenware, proto-industrielle Produktion früher Stähle

Militärwissenschaft

Mali: Große Armeen unter Mansa Musa (er erklärte, 24 Städte erobert zu haben), traditionell gegliedert, Führung liegt bei Stammesnotablen

Portugal: Ab Johann I. standardisierte Heere mit Größen bis 20.000 Mann, Ansätze von Meritokratie bei der Auswahl militärischer Führer

Seefahrt & Navigation

Mali: Keine nennenswerten Errungenschaften

Portugal: nautische Karten, Nutzung astronomischer Tabellen, Kompass

Wissenschaften

Mali: Universität Timbuktu (nachweislich aktiv ab dem 9. Jahrhundert), hauptsächlich religiöse Studien, in geringerem Maße Beschäftigung mit Literatur und Medizin

Portugal: Universität Coimbra, gegründet 1290, Theologie, Rechte, Medizin, Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie

Kultur

Mali: Schriftlich, zahlreiche literarische Werke in Timbuktu überliefert, Eliten konnten Arabisch lesen und schreiben

Portugal: Schriftlich, reicher literarischer Schatz, Eliten beherrschten die Volkssprache und Latein in Wort und Schrift, Teile des Mittelstands ebenfalls alphabetisiert

Verwaltung

Mali: Provinzgouverneure ab Mansa Musa, herrschten durch mündliche Absprachen; kodifiziertes Recht auf Basis der Scharia; keine schriftliche Verwaltung überliefert

Portugal: Straff organisierte, hierarchische Verwaltung; Verwaltungsarchiv ab dem späten 13. Jahrhundert überliefert; Amtsadel, kodifiziertes Recht, Ansätze eines Parlaments

Wirtschaft

Mali: Transsaharahandel, v.a. mit Edelmetallen, Sklaven; immenser Reichtum in der Hand Mansa Musas, sonst keine Quellen

Portugal: Europaweiter Handel, v.a. mit Wein und Oliven, großer Reichtum der Eliten, mit Partizipation der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht

Zusammenfassend gesagt: Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass viele Informationen über das Malireich mündlich überliefert wurden und verloren gingen, sehe ich nicht, wie Du darauf kommst, dass diese beiden Mächte an der Schwelle zum Beginn der europäischen Expansion auch nur annähernd gleich aufgestellt gewesen wären, was ihre Entwicklung anlangt.

Da scheint mir schon eher meine Aussage angreifbar, dass ein "Insel-Afrika" diesen Rückstand nicht aus eigener Kraft bis heute aufgeholt hätte. Aber andererseits halte ich das für eine zwangsläufige Schlussfolgerung aus der Tatsache, wie langsam selbst Innovationen in der vorindustriellen Welt gereist sind. Beispiel: Die im Karolingerreich erfundene Dreifelderlandwirtschaft, die Grundlage des europäischen Bevölkerungswachstums ab 1000 n.Chr., brauchte fast drei Jahrhunderte, bis sie sich überall in Europa ausgebreitet hatte, trotz intensiver Wechselbeziehungen durch verbündete Herrscher, Pilger und den grenzüberschreitenden Handel. Warum sollte das in Afrika schneller gehen, trotz weit größerer Strecken und (in vorindustrieller Zeit) geringerer Bevölkerungsdichte?

Im Übrigen: Geringer entwickelte Staaten unterwerfen höher entwickelte durch schieren Kräfteeinsatz (siehe z.B. die Mongolen in ihrer Frühzeit). Da die Europäer den afrikanischen Kontinent (ebenso wie den südamerikanischen) mit geringen Kräften in Besitz nahmen, darf das wohl als Puddingprobe gelten.
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#92
Zunächst mal ist der Zeitpunkt den du hier nennst - Zitat: Schwelle zum 15 Jahrhundert - wohl kaum geeignet. Zum einen weil das Manden Kurufa zu dieser Zeit schon weitgehend zerfallen und allenfalls noch ein Schatten seiner selbst war, zum anderen weil du damit Widersprüche in deinen eigenen weiteren Ausführungen erzeugst und damit die Vergleichbarkeit dahin ist.

Mal als Illustration ein praktisches Beispiel aus deinem Text:

Vergleich seiner Errungenschaften mit denen Portugals (als Vorreitermacht der Kolonialisierung Afrikas) an der Schwelle zum 15. Jahrhundert ...........Große Armeen unter Mansa Musa

Besagte Eroberungen Mansa Musas fanden in den Jahren 1307 bis 1320 statt. Das Jahr 1307 ist aber gewiss nicht die Schwelle zum 15 Jahrhundert. Der Zerfall des Malireiches fand schon ab 1380 statt und zwar rapide. Die Königslisten von Manden Kurufa reißen beispielsweise 1388 ab.

Interessant dass du im weiteren Johann den I nennst, welcher von 1385 bis 1433 regierte. Schlussendlich also zu einem Zeitpunkt als das Malireich gerade unterging.

Nehmen wir also als konkretes Vergleichsjahr das Jahr 1320.

Keineswegs war die Lage in Portugal zu diesem Zeitpunkt so fortschrittlich wie du dies im weiteren darstellst.

Dessen ungeachtet und um jetzt nicht jeden einzelnen Punkt von dir für sich allein widerzukäuen, was auch keinen Erkenntnisgewinn brächte:

Zitat:Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass viele Informationen über das Malireich mündlich überliefert wurden und verloren gingen, sehe ich nicht, wie Du darauf kommst, dass diese beiden Mächte an der Schwelle zum Beginn der europäischen Expansion auch nur annähernd gleich aufgestellt gewesen wären, was ihre Entwicklung anlangt.

Meine Aussage war nicht, dass beide Mächte zu einem Vergleichszeitpunkt 1320 gleich aufgestellt gewesen wären, sondern dass der technologische, kulturelle, sozialkulturelle und zivilisatorische Unterschied nicht so groß war, wie das von vielen einschließlich dir impliziert wird.

Insgesamt gesehen war Portugal in manchen Punkten im Jahr 1320 fortschrittlicher, aber eben nicht so viel fortschrittlicher dass dies wirklich ausschlaggebend oder relevant gewesen wäre. Portugal war zu diesem Zeitpunkt eben nicht insgesamt gesehen so weit voraus, nicht einmal in Bezug auf Feuerwaffen, welche es im Jahr 1320 in Portugal genau so wenig gab wie im Manden Kurufa. Spaßige Randnotiz: während es in Portugal eben noch keine Feuerwaffen gab, wurden in Nordafrika bereits welche verwendet, beispielsweise bei den Kämpfen um Sijilmasa im heutigen Südwest-Marroko im Jahr 1247. Das waren allerdings noch höchst krude Systeme, so wie beispielsweise die allerersten "Kanonen" welche in Italien im Jahr 1322 hergestellt wurden.

Der wesentliche Unterschied ist aber in Wahrheit, dass das Manden Kurufa ab 1380 unterging, während Portugal in genau diesem Zeitraum, also unter Johann dem I begann aufzublühen.

Zitat:Da scheint mir schon eher meine Aussage angreifbar, dass ein "Insel-Afrika" diesen Rückstand nicht aus eigener Kraft bis heute aufgeholt hätte.

?? Diese Aussage von dir habe ich nirgends je bestritten. Im übrigen bist du es, der sie überhaupt erst aufgestellt hat, ohne dass dies auf irgendeine Ausführung von mir zurück geht und dies als Reaktion auf meine Aussage, dass es auch ohne Kolonisierung in den letzten 100 Jahren einen massiven Technologietransfer von Europa nach Afrika gegeben hätte ! Ich halte das von Beginn an für einen Strohmann von dir. Ein Afrika ohne jedes Einwirken von Außen (als theoretisches Konstrukt, also als reines Gedankenexperiment) hätte sich praktisch extrem langsam oder gar nicht entwickelt.

Aber darüber habe ich gar nicht geschrieben ! ich schrieb stattdessen, dass Technologietransfert auch ohne Kolonisierung stattgefunden hätte. Also gerade eben nicht von einem isolierten Afrika, sondern ganz im Gegenteil, von einem massiven Austausch von Technologie. Wofür ich konkrete reale Beispiele nannte.

Zitat:Beispiel: Die im Karolingerreich erfundene Dreifelderlandwirtschaft, die Grundlage des europäischen Bevölkerungswachstums ab 1000 n.Chr., brauchte fast drei Jahrhunderte, bis sie sich überall in Europa ausgebreitet hatte, trotz intensiver Wechselbeziehungen durch verbündete Herrscher, Pilger und den grenzüberschreitenden Handel. Warum sollte das in Afrika schneller gehen, trotz weit größerer Strecken und (in vorindustrieller Zeit) geringerer Bevölkerungsdichte?

Nochmal: ich schreibe nicht von afrikanischen Eigenentwicklungen, denn diese hätte es für viele weitere Jahrhunderte nicht gegeben, sondern vom Technologie-Import !

Ausländische Technologien aber können in der moderne schlagartig übernommen werden. Die europäische Technologie breitete sich ab dem 19 Jahrhundert eben nicht mehr langsam, sondern überall schlagartig aus. Mit und ohne Kolonien. In Kolonien genau so wie in freien Ländern.

Warum ging es in Japan praktisch schlagartig, also über Nacht? Warum ging es in Äthiopien innerhalb weniger Jahrzehnte so dass Äthiopien Buganda überholte obwohl Buganda als Kolonie von den Briten massiv technologisch und von der Infrastruktur her gefördert wurde?

Zitat:Im Übrigen: Geringer entwickelte Staaten unterwerfen höher entwickelte durch schieren Kräfteeinsatz (siehe z.B. die Mongolen in ihrer Frühzeit).

?? Die Mongolen waren militärisch in keinster Weise geringer entwickelt als ihre Gegner, ganz im Gegenteil. Und glaub mir zumindest das, ich weiß wirklich alles über die Mongolen. Wirklich alles.

Zitat:Da die Europäer den afrikanischen Kontinent (ebenso wie den südamerikanischen) mit geringen Kräften in Besitz nahmen, darf das wohl als Puddingprobe gelten.

Puddingprobe ?! Zunächst mal ist Kraft eine Frage der Kampfkraft, also der Feuerkraft. Keineswegs nahmen die Europäer in diesem Kontext Afrika mit geringen Kräften ein. Zweitens waren für die Einnahme einheimische Kräfte, Eliten usw. von erheblicher Bedeutung und die Unfähigkeit der meisten Afrikaner tribalistische Strukturen zu überwinden. Entsprechend kämpfte man lieber mit den Europäern gegen den verhassten Nachbarclan und umgekehrt, als sich gegen die Eroberung des gesamten Gebietes durch die Europäer zu stellen.

Die wenigen relevanten Ausnahmen, wie die Mahdisten, die Zulu usw. fielen schlussendlich der höheren Feuerkraft zum Opfer und hätten die für ihre Unterwerfung erforderlichen gar nicht unerheblichen Streitkräfte ansonsten mit Leichtigkeit überrannt.

Aber da wir hier über deutsche Kolonien schreiben:

Es war beispielsweise die Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika welche bereits im Jahr 1888 dann Maschinengewehre gegen die Afrikaner einsetzte. Hermann von Wissmann erhielt für seine Operationen sogar das erste Maxim-MG überhaupt welches nach Deutschland gelangt war.

Gerade für die Eroberung Afrikas zum Ende des 19 Jahrhunderts waren die Maschinengewehre einer der wesentlichsten Faktoren. Die Bedeutung der Maschinengwehre gerade für die Aufteilung Afrikas Ende des 19 Jahrhunderts und für die fast totale Kolonisierung werden heillos unterschätzt. So beschließe ich also mit Hilaire Belloc:

“Whatever happens, we have got
The Maxim gun, and they have not.”
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#93
(19.01.2026, 20:42)Kongo Erich schrieb: das mit den Kannibalen-Stämmen lässt bei mir Fragen aufkommen. Was waren das für Kanibalen?
Kopfjäger, die andere Menschen zum fressen gejagt haben - so wirkt die Aussage.
Tatsächlich schein es da auch Bestattungsriten gegeben zu haben, also rituelle Akte an bereits verstorbenen Angehörigen; und damit scheint ein möglicherweise anderer ethischer Hintergrund auf. Etwas, das mit unserer Sepulkralkultur nicht zusammen passt und für uns abstoßend wirkt - nur habe ich mich mit diesen Aspekten noch nicht befasst. Das kommt mir nur gerade irgendwie in den Hinterkopf.

Rituelle und Glaubensgründe, sowie Krieg und Rache spielten da wesentlich mehr eine Rolle als der hungrige "Kopfjäger".
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#94
Allein schon das Bild "hungriger Kopfjäger" ist derart überkommenes rassistisches Denken des 19 Jahrhundert dass es einfach nur noch amüsant ist.

Tatsächlich gab es in Afrika gerade bei Stämmen mit einer niedrigen Entwicklungsstufe zwar einzelfallweise Kannibalismus, dies jedoch gerade bei solchen Völkern fast immer aus rein kultischen Gründen.

Es gab in Schwarzafrika jedoch einzelfallweise durchaus Kannibalismus nur zum Zweck der Fleischgewinnung und des Essen, dies aber gerade eben nicht bei den "Primitiven", sondern begrenzt auf einige wenige der "fortschrittlicheren" Völker, die teilweise schon länger in Kontakt mit den Europäern waren. Desweiteren spezifisch im Gebiet von Belgisch Kongo, wo im übrigen der Kolonialismus eben nichts (!) gegen den Kannibalismus mancher Gruppen dort unternahm.

Und das macht Belgisch Kongo zu einem besonders interessanten Beispiel in diesem Diskurs, wo der Kolonialismus ja so segensreich gewesen sein soll, weil er zumindest den Kannibalismus verdrängte. In Belgisch Kongo war dies in keinster Weise der Fall und man ließ den Kannibalismus der Einheimischen komplett unangerührt. Erst nach der Unabhängigkeit wurde der Kannibalismus dann von der neuen Regierung massiv bekämpft und schließlich (weitestgehend) unterdrückt.

Wie lime es zudem so richtig betont war (und ist) Kannibalisimus in Afrika oft eine Form von Kriegsführung bzw. Rache. In diesem Kontext ist es beispielsweise bemerkenswert, dass gewisse Gruppen nicht selbst Kannibalismus betrieben, sondern unterworfene Feinde, Kriegsgefangene usw. dazu zwangen gegen ihren Willen Kannibalismus zu betreiben. Solche Fälle gibt es selbst heute noch im Süd-Sudan.

Wir können also hier mehrere verschiedene Formen unterscheiden:

Aus kultischen / religiösen Gründen - dies mehr bei "primitiven" Stämmen
Tatsächlich zur Nahrungsgewinnung - dies primär im Gebiet des heutigen Nigeria und im Kongo
Als Mittel der Kriegsführung, insbesondere in der Sonderform des erzwungenen Kannibalismus - dies insbesondere im Sudan und Ostafrika
Sowie aus medizinischen Gründen - dies relativ weit verbreitet

Zum letztgenannten sollte man noch anmerken, dass in Europa beispielsweise noch erstaunlich lange Zeit Teile von Mumien als Medizin verkauft und eingenommen wurden, im vollen Wissen darum dass es sich um Leichenteile handelt. Im weiteren wenn man als Europäer hier die ach so großartige europäische Überlegenheit hochhält sollte man mal realisieren, dass früher mit Leichenteilen von Hingerichteten ein regelrechter Handel getrieben wurde, aus medizinisch-magischen Denken heraus.

Medizinischer Kannibalismus war gerade in Deutschland im 16 Jahrhundert weit verbreitet, und erreichte um 1600 herum einen regelrechten Höhepunkt. In Deutschland (!) in dieser Zeit kam die Bevölkerung mit ihren Kranken und Siechen zu Hinrichtungen und bezahlte den Scharfrichter dafür, sich vom Blut des Hingerichteten eine Tasse oder Schale füllen zu dürfen, und dann trank man dieses menschliche Blut. Und noch bis ins 18 Jahrhundert hinein wurde in Deutschland menschliches Fett aus medizinischen Gründen konsumiert oder äußerlich aufgetragen und es bestand eine so hohe Nachfrage danach, dass man sie mit den Hinrichtungen gar nicht decken konnte und deshalb es sogar witzigerweise immer wieder Fälschungsdelikte deswegen gab.

Nun urteilt man also heute, dass der Kolonialismus gut war, weil den Kannibalismus in Afrika eindämmte. Was bereits damals im 19 Jahrhundert eine der üblichen Legitimationen war. Jedoch (!) zum einen waren die Europäer noch bis ins 18 Jahrhundert nicht so viel besser in diesem Aspekt als der Gros der Afrikaner und zum anderen wurde ironischerweise gerade in den Gebieten in Afrika in denen es wirklich massiven Kannibalismus gab dieser von den Kolonialmächten eben nicht bekämpft, sondern bestand dort weiter, wobei das absurdeste Beispiel der Kongo ist.

Das größte Ausmaß aber hatte der Kannibalismus nicht mal im Kongo, sondern im Gebiet des heutigen Nigeria. Und auch hier unternahm die Kolonialmacht erstaunlich wenig dagegen. Noch vor den Europäern bzw. parallel zur Kolonialherrschaft war es im Norden Nigerias primär der sich ausbreitende Islam, welcher dort den Kannibalismus zurück drängte (und analog im Süden das zunehmende Christentum).

Zum Schluss noch was zu deutschen Kolonien: von den Kolonialmächten war das Deutsche Reich tatsächlich das, welches am schärfsten auf solche Vorfälle reagierte. Im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten welche solche Praktiken in Wahrheit oft ignorierten oder im Fall des Kongo sogar aktiv benutzten (beispielsweise um die eigenen einheimischen Truppen dadurch zu ernähren). In Ostkamerun löschten deutsche Truppen beispielsweise 1910 mehrere Dörfer und Gruppen der Maka deswegen aus als Berichte über Kannibalismus bei diesen bestätigt wurden. Zwar war man zu dieser Zeit ohnehin im Krieg mit den Maka (1906 bis 1910) und ging ohnehin mit extremer Gewalt gegen diese vor. Nach dem aber Kannibalismus bei diesem Feind tatsächlich nachgewiesen wurde, vernichtete man die betroffenen Dörfer einfach vollständig und tötete sämtliche Frauen, Kinder, alte Menschen usw. ohne Ausnahme und zwar genau mit der Begründung, dass es sich um Kannibalen handele und diese damit jedes Lebensrecht verwirkt hätten.

Das Deutsche Reich wich auch sonst von anderen Kolonialmächten dahingehend ab, dass Übergriffe und Verbrechen von deutschen Kolonialtruppen und Kolonialbeamten die in anderen Kolonialmächten nicht einmal berichtet worden wären in Deutschland öffentliche Skandale waren die durchaus Folgen für die Beteiligten hatten (wenn auch meist geringe, aber immerhin)

Das unterschied Deutsche Kolonien deutlich von denen der Franzosen, Briten usw. wo vergleichbare Übergriffe als ganz normaler Teil des Kolonialismus gesehen wurden (von Extremen wie dem Kongo fang ich hier gar nicht erst an). Diese sogenannten Kolonial-Skandale sind heute in Deutschland praktisch völlig unbekannt, haben aber immerhin inzwischen sogar mal einen zusammenfassenden Wiki-Artikel, welchen ich der Einfachheit halber hier mal einstelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kolonialskandal

Das sind so einige Vorfälle, die heute völlig aus dem Geschichtsbewusstsein verschwunden sind und die teilweise regelrecht kurios sind, so beispielsweise der Fall Rechenberg:

https://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_von_Rechenberg
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