In den russischen sozialen Medien sorgt gerade Ilja Remeslo für Aufsehen, ein Naltschiker Abgeordneter der Gesellschaftlichen Kammer der Russischen Föderation und bisher als loyaler Kreml-Propagandist bekannt; unter anderem verantwortete er eine Hetzkampagne gegen die Nawalnys.
Nun hat er auf 'Telegram' eine bemerkenswerte Kehrtwende hingelegt und seinen knapp hunderttausend Followern erklärt, warum er Wladimir Putin nicht länger unterstützen könne. (
Quelle) Damit nicht genug, in seinem Kommentar nennt er Putin illegitim, fordert seinen Rücktritt und verlangt sogar, ihn vor Gericht zu stellen. Putin sei für das Scheitern des Ukraine-Krieges und die millionenfachen Verluste verantwortlich, habe die russische Wirtschaft ruiniert und sei überhaupt ein Beispiel dafür, dass absolute Macht korrumpiere:
"Erstens, der Ukraine-Krieg:
Begonnen als 'Polizeioperation', hat dieser Krieg bereits 1–2 Millionen Menschenleben gefordert. 2014 unterstützte ich die Annexion der Krim gerade deshalb, weil sie unblutig verlief. Wir alle glaubten, Putin sei der Einiger Russlands. Jetzt sehen wir: blutige Kämpfe, das Schanghaien von Soldaten und viele Ungerechtigkeiten mehr, wie jeder Weltkriegsveteran sie kennen würde. Der Krieg steckt in der Sackgasse, die Verluste sind enorm, und er könnte noch 5 bis 10 Jahre dauern—sind Sie darauf vorbereitet? Niemand fordert einen Angriff auf Russland. Dieser Krieg wird einzig und allein geführt, um Putins Unsicherheit zu stillen; wir, die einfachen Bürger, gewinnen nichts, sondern verlieren nur.
Zweitens: Enorme Schäden für die russische Wirtschaft und das Wohlergehen der Bürger.
Sanktionen, zerstörte Infrastruktur, Verlust von Handelspartnern. Selbst laut offizieller Statistik handelt es sich hier um Milliarden, die für den Bau von Städten, Schulen und Kinderkrankenhäusern sowie für die grundlegende Sanierung des Wohnungs- und Infrastrukturwesens hätten verwendet werden können. Stattdessen werden hauptsächlich Paläste für den Präsidenten und seine Freunde gebaut. Schon vor dem Krieg kämpfte die Wirtschaft mit Problemen—im reichsten Land der Welt leben zig Millionen Menschen in Armut. Die Regierung ist so außer Kontrolle geraten, dass sie den Menschen ihre Tiere wegnimmt, wie kürzlich in Nowosibirsk geschehen.*
Drittens: Unterdrückung der Internet- und Medienfreiheit.
Ironischerweise war es 2017 ich selbst, der Putin auf dem ONF-Medienforum eine Frage zur Internetentwicklung in Russland stellte. Putin sagte mir damals, wir würden nicht Chinas Weg folgen—er hat gelogen. Nun, Putin selbst nutzt das Internet nicht, was für ein Staatsoberhaupt beschämend ist. Wir sehen, dass mobiles Internet selbst in russischen Großstädten nicht funktioniert. Alle westlichen Social-Media- und Messenger-Apps sind blockiert. Telegram ist zu 80 % blockiert, eine vollständige Sperrung ist für den 1. April geplant. Das System ist so außer Kontrolle geraten, dass Telegram gedrosselt wird, obwohl die Kämpfer der Speziellen Militäroperation es benötigen. Gleichzeitig werden Menschen gezwungen, die Messenger-App Max von [Putin-Intimus Wladimir] Kirijenko zu nutzen, damit verlieren sie den Zugang zu Bildung und Gesundheit.
Viertens: Putin ist 74 Jahre alt.
Er ist seit 1999 an der Macht, also seit über 26 Jahren. Und offenbar plant er, mindestens 150 weitere Jahre auf dem Thron zu bleiben. Wie wir wissen, korrumpiert absolute Macht auch absolut—und jetzt soll sie auch noch unendlich sein? Sogar ein moralisch einwandfreier Mensch würde unter solchen Umständen korrumpiert werden. Und Putin war nicht immer so, wie er jetzt ist; vor 2003 war es schwer, ihm etwas vorzuwerfen—deshalb haben ihn viele von uns damals unterstützt. Aber alles hat seine Grenzen.
Wir brauchen einen neuen, modernen Präsidenten.
Fünftens: Putin respektiert seine Wähler nicht und will ihnen nicht zuhören.
Schauen Sie sich eine der letzten 'Direkter Draht zu Putin'-Sendungen an—was für ein Spektakel! Der Präsident interessiert sich offenkundig nicht für die Innenpolitik und die Sorgen seiner Wähler. Er liest nicht, was wir auf Telegram schreiben; unsere tägliche Empörung kümmert ihn nicht im Geringsten. Putin will endlose Kriege (in die seine Kinder und Verwandten nicht verwickelt sind), kein schnelles Internet oder hohe Gehälter.
Von der Opposition will ich gar nicht erst reden—sie existiert nicht. Putin selbst hat 26 Jahre lang hervorgehoben, wie wichtig es sei, die Arbeit von Regierung und Opposition zu kritisieren. Können Sie mir aber ein einziges Parlamentsmitglied oder einen Aktivisten nennen, der Putin kritisiert? Es gibt keinen, und diejenigen, die es versucht haben, sind entweder als ausländische Agenten eingestuft, befinden sich im Ausland oder liegen tot unter der Erde. Putin hat Angst vor Debatten und fairen Wahlen—denn dann würde sofort klar werden, dass der Kaiser nackt ist.
Fazit: Wladimir Putin ist kein legitimer Präsident. Wladimir Putin muss zurücktreten und als Kriegsverbrecher und Dieb vor Gericht gestellt werden. Es lebe die Freiheit, verdammt noch mal!"
Auf 'Telegram' wurde zunächst behauptet, Remeslos Account sei gehackt worden. Daraufhin hat er ein Video hochgeladen, in dem er seine Thesen wiederholt. In der Z-Blogger-Szene herrscht Bestürzung, die Nationalbolschewiken (Girkin) hingegen stimmen unverhohlen zu. Zum jetzigen Zeitpunkt hat sein Kommentar 120.000 Likes (!) und weniger als 1.000 Dislikes.
Remeslo sollte sich demnächst von Fenstern und Teetassen fernhalten.
*) Erklärung: In den vergangenen Tagen sorgten Fälle aus Sibirien und dem Fernen Osten in Russland für Aufregung, wo Nutzvieh beschlagnahmt wurde, angeblich zur Eindämmung von Tierseuchen. Für Misstrauen sorgte, dass die Begründungen variieren, mal ist es diese Seuche, mal jene. Tausende Tiere wurden gekeult, vor allem Rinder. Es geht das Gerücht, dass Agrarkonzerne die bäuerliche Konkurrenz beseitigen wollen.