Gestern, 22:55
Hierzu mal ein erstes Feedback: Ich habe nun grob die ersten 100 Seiten durch. Es ist einerseits erstmal erhellend hinsichtlich der Laufbahn von Alibek. Er skizziert seinen Weg, wie er als junger Student in seiner frühen Studienzeit in der UdSSR, zu Beginn der 1970er, erstmals mit Biowaffen in Kontakt kam.
1973/74 bekam er von seinem Mentor, Oberst Aksjonenko, in Tomsk die Aufgabe, nach den Tularämie-Ausbrüchen an der Ostfront 1942 nachzuforschen. Alibek schloss aufgrund der Aktenlage, dass es ein gezielter Einsatz von Tularämie-Erregern durch die Sowjets war. Einerseits hatten sich die Fallzahlen innerhalb eines Jahres verzehnfacht, zwischen 1941 und 1942 stieg die Zahl von 10.000 auf 100.000 Fälle auf sowjetischem Gebiet an, was Alibek darauf zurückführte, dass die via Zerstäubung (Aerosole) der Erreger ausgebracht wurde. Hinzu kam, dass grob 75% der Fälle auf Lungen-Tularämie hindeuteten, was Aerosole wahrscheinlich macht.
Gravierend war jedoch, dass Aksjonenko ihm befahl, seine Arbeiten umzuschreiben, so dass kein Verdacht mehr darauf hinwies, dass eine beabsichtigte Verbreitung stattgefunden habe. Lt. Alibek war der Tularämie-Ausbruch im Vorfeld der Stalingrad-Schlacht ein Versuch Moskaus, mithilfe des Erregers den Vormarsch der Wehrmacht auszubremsen. Leider wurde der Erreger durch den Wind auf sowjetisches Terrain jedoch zurückgetrieben. Hinzu kam, dass STAWKA zehn mobile Feldlazarette in die Region zwecks Impfungen beorderte, während andere Frontabschnitte, die ebenso wegen gewisser Nagerplagen (ein Hauptvektor) Tularämie-Ausbrüche vermeldeten, faktisch leer ausgingen. (Die Nager, etwa Mäuse, hatten sich vermehrt, weil wegen des Krieges die Felder nicht mehr abgeerntet wurden/werden konnten, was aber nur bedingt zutrifft, da die Wehrmacht das verfügbare Getreide rasch aberntete und nach Deutschland transportieren ließ.)
Darüber hinaus berichtet er vom Aufbau verschiedener Labore im ganzen Land. Unter anderem schreibt er auch davon, wie sehr ihn, obgleich er in dieser Zeit (1975 bis 1980) zwei, drei Kinder zeugte, die Tätigkeit körperlich belastete. Unter anderem verfärbte sich sein schwarzes Haar (er war Jahrgang 1950, also 1980 rund 30 Jahre alt) wegen der zahllosen Schutzimpfungen gelblich. Er musste zudem seine Haut täglich mit extremen Feuchtigkeitscremes behandeln, da die Impfungen ihn völlig austrocknen ließen. Er schreibt aber, dass er trotz aller Belastungen psychisch davon ausging, dass er es machen müsse, da ja der Westen die Sowjetunion vernichten wolle. (Eine bemerkenswerte Kohärenz zu heutigen Denkweisen.)
Im März 1983 versagte nachts in Omutninsk, einem der Hauptzentren der sowjetischen Biowaffen-Herstellung, im Gebäude 107 (das kann ich selbst nicht zuordnen), ein Kühlsystem. In der Folge überhitzten sich Ventile. In der Folge drang hochpotentes Tularämie-"Serum" (so nenne ich es) wegen des fehlenden Unterdrucks aus den Röhren. Alibek wurde nachts hinzugerufen. Ein Stromausfall kam wohl hinzu. Er lief mit schwerer Schutzkleidung in die Räume. Alles ging soweit gut, obwohl er mitten in der "Soße" stand. Die Lachen aus hochpotenten Tularämie-Erregern ("gelbbraun-milchig") wurden mit Wasserstoffsuperoxid (sic!) niedergeknüppelt. Und obgleich er vermutlich keinen Fehler gemacht hatte, erkrankte er, und überlebte dank einem Antibiotika-"Dampfhammer".
Der Vorfall ist wenig bekannt, auch bei Wikipedia findet man es nicht.
Ich bin nun beim Kapitel über Swerdlowsk 1979 (Anthrax) - aber jetzt schon gruselt es einen leicht...
Schneemann
1973/74 bekam er von seinem Mentor, Oberst Aksjonenko, in Tomsk die Aufgabe, nach den Tularämie-Ausbrüchen an der Ostfront 1942 nachzuforschen. Alibek schloss aufgrund der Aktenlage, dass es ein gezielter Einsatz von Tularämie-Erregern durch die Sowjets war. Einerseits hatten sich die Fallzahlen innerhalb eines Jahres verzehnfacht, zwischen 1941 und 1942 stieg die Zahl von 10.000 auf 100.000 Fälle auf sowjetischem Gebiet an, was Alibek darauf zurückführte, dass die via Zerstäubung (Aerosole) der Erreger ausgebracht wurde. Hinzu kam, dass grob 75% der Fälle auf Lungen-Tularämie hindeuteten, was Aerosole wahrscheinlich macht.
Gravierend war jedoch, dass Aksjonenko ihm befahl, seine Arbeiten umzuschreiben, so dass kein Verdacht mehr darauf hinwies, dass eine beabsichtigte Verbreitung stattgefunden habe. Lt. Alibek war der Tularämie-Ausbruch im Vorfeld der Stalingrad-Schlacht ein Versuch Moskaus, mithilfe des Erregers den Vormarsch der Wehrmacht auszubremsen. Leider wurde der Erreger durch den Wind auf sowjetisches Terrain jedoch zurückgetrieben. Hinzu kam, dass STAWKA zehn mobile Feldlazarette in die Region zwecks Impfungen beorderte, während andere Frontabschnitte, die ebenso wegen gewisser Nagerplagen (ein Hauptvektor) Tularämie-Ausbrüche vermeldeten, faktisch leer ausgingen. (Die Nager, etwa Mäuse, hatten sich vermehrt, weil wegen des Krieges die Felder nicht mehr abgeerntet wurden/werden konnten, was aber nur bedingt zutrifft, da die Wehrmacht das verfügbare Getreide rasch aberntete und nach Deutschland transportieren ließ.)
Darüber hinaus berichtet er vom Aufbau verschiedener Labore im ganzen Land. Unter anderem schreibt er auch davon, wie sehr ihn, obgleich er in dieser Zeit (1975 bis 1980) zwei, drei Kinder zeugte, die Tätigkeit körperlich belastete. Unter anderem verfärbte sich sein schwarzes Haar (er war Jahrgang 1950, also 1980 rund 30 Jahre alt) wegen der zahllosen Schutzimpfungen gelblich. Er musste zudem seine Haut täglich mit extremen Feuchtigkeitscremes behandeln, da die Impfungen ihn völlig austrocknen ließen. Er schreibt aber, dass er trotz aller Belastungen psychisch davon ausging, dass er es machen müsse, da ja der Westen die Sowjetunion vernichten wolle. (Eine bemerkenswerte Kohärenz zu heutigen Denkweisen.)
Im März 1983 versagte nachts in Omutninsk, einem der Hauptzentren der sowjetischen Biowaffen-Herstellung, im Gebäude 107 (das kann ich selbst nicht zuordnen), ein Kühlsystem. In der Folge überhitzten sich Ventile. In der Folge drang hochpotentes Tularämie-"Serum" (so nenne ich es) wegen des fehlenden Unterdrucks aus den Röhren. Alibek wurde nachts hinzugerufen. Ein Stromausfall kam wohl hinzu. Er lief mit schwerer Schutzkleidung in die Räume. Alles ging soweit gut, obwohl er mitten in der "Soße" stand. Die Lachen aus hochpotenten Tularämie-Erregern ("gelbbraun-milchig") wurden mit Wasserstoffsuperoxid (sic!) niedergeknüppelt. Und obgleich er vermutlich keinen Fehler gemacht hatte, erkrankte er, und überlebte dank einem Antibiotika-"Dampfhammer".
Der Vorfall ist wenig bekannt, auch bei Wikipedia findet man es nicht.
Ich bin nun beim Kapitel über Swerdlowsk 1979 (Anthrax) - aber jetzt schon gruselt es einen leicht...
Schneemann
