„Helios“ schrieb:Es verhielt sich also weitgehend konträr zu deiner Behauptung oder Vermutung, und die Marine forderte und rüstete recht eng an den an sie gestellten Anforderungen, wenn auch in der Regel quantitativ schon weniger als nur auf Kante genäht.
Ich halte das für keinen Widerspruch zu dem von mir vermuteten Umstand. Der Anforderungskatalog der Bundesmarine entstand ja nicht im luftleeren Raum und wurde auch nicht extern fokussiert, der Kern der späteren Bundesmarine war in weiteren Teilen an dieser Gestaltung beteiligt und braucht wiederum seine Expertise, Ansichten und Wünsche in diesen Rahmen mit ein. Figuren wie Friedrich Ruge hatten oftmals bereits in Kriegsmarine und Reichsmarine Karriere gemacht, teilweise auch schon in der kaiserlichen Marine, worin ich persönlich auch den Begin dieser… „Doppelidentität“ sehe.
Denn das, was 1950 in den Himmeroder Denkschriften festgehalten wurde und das, was 1956 letztlich in den Force Requirements der Bundesmarine mündete unterscheidet sich recht substanziell in der Auslegung, obwohl beide Strukturen die selben strategischen Anforderungen bespielen. Während erstere vollends auf Fregatten/Zerstörer verzichtete, selbst für die Sicherung der Nachschubwege über die Nordsee, wartet letzteres mit einer recht substanziellen Blauwasserkomponente auf. Dafür entfallen jedoch einige der zuvor skizzierten Komponenten, hauptsächlich am unteren Ende, wie bspw Kutter und weitestgehend auch die U-Jäger. Die unterschiedlichen Resultate werden auch sicherlich teilweise an fortschreitender Technik und Strategie liegen, aber ich halte ich trotzdem für auffällig, wie aus einer Brown Water Navy schnell eine Green Water Navy mit recht substanzieller Hochseekomponente wurde. Ein wenig so als wären die Geister der Reichsmarine aus dem Exil zurückgekehrt und würden Küstenschutzschiffe wieder mit Panzerschiffen ersetzen. Was mich in Anbetracht der damaligen Marineführung auch irgendwo nicht verwundern würde.
Darin sehe ich eine Art kulturell veranlagten Uhrkonflikt, indem die letztliche Struktur der Marine immer eine Art Spagat zwischen der politischen/strategischen Realität und den marineinternen Wünschen darstellte und stellt. Teilweise zu ihrem Vorteil, teilweise zu ihrem Nachteil. Wenn auf harte Grenzen gestoßen wird (wie bspw eben politische oder strategische Anforderungen), lässt man von den eigenen Ideen nicht ab sondern biegt sie um ein Anforderungsbild herum nachdem der Kern schon steht. Was in sich kein Problem sein muss, mMn aber oftmals zu suboptimalen Ergebnissen führt da diese Ideen häufig nicht für die strategische Realität skizziert wurden, mit denen sie letztlich konfrontiert werden. Man stellt (meistens) sicher, dass eine Idee
auch im erwartbaren Anforderungsbild funktioniert, legt sie aber nicht zentral darauf aus. Insofern muss ich auch eine meiner vorherigen Ansichten ein Stück weit revidieren, denn es scheint weniger so als wenn die Marine strategische Realitäten ignoriert, als dass sie sie gleichwertig mit den eigenen Ideen zu verstehen scheint.
„A123“ schrieb:Ich denke, man ging nicht davon aus, in der Ostsee ernsthaft mit großen Überwassereinheiten rumschippern zu wollen/können, von daher denke ich, dass U- Jagd in der Ostsee nicht als primäre Dringlichkeit betrachtet wurde.
„Kokovi79“ schrieb:Und warum hätte man in der Ostsee U-Jagd betreiben sollen? Was gab es denn dort vor U-Booten zu schützen?
Die U-Jagd in der Ostsee bzw. den NATO-Randmeeren sowie im Kattegat war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich sehr relevant, denn anders als heute unterhielten die WP Marinen recht große und gut ausgerüstete U-Komponenten. Mitte der 80er sprachen wir hier von rund 40x SSKs (
Quelle (paywall)) teilweise neu, teilweise älter, die im Konfliktfall eine Gefahr für diverse zivile wie auch militärische Installationen an der deutschen, dänischen und norwegischen Küste dargestellt hätten. Entsprechende U-Jagd Fähigkeiten für Randmeeroperationen wurden daher bspw von der dänischen Marine betrieben. Nach dem „Whiskey on the Rocks“ Vorfall stattete auch die schwedische Marine ihre nachfolgenden Stockholm, Göteborg und Visby Korvetten mit recht umfassenden U-Jagd Fähigkeiten aus.
Die Volksmarine verfügte ebenfalls über solche Fähigkeiten, die Bundesmarine hielt ihre U-Jagd Fähigkeiten hingegen nur auf den Fregatten/Zerstörern vor. Damit hätte man vermutlich auch ASW in den Rand,werden betrieben können, dafür gedacht waren sie aber definitiv nicht. Es gab dafür mal Überlegungen in den Ursprungsplanungen und Anfang der 70er hat man konzeptionell an einer
1000t-Korvette für unter anderem diese Zwecke herumgespielt, aber diese Fähigkeitslücke wurde letztlich nie wirklich geschlossen.
Blieben nur die MPAs, aber das MPAs U-Boote kaum selbst ins Blau aufklären können, haben wir an anderer Stelle bereits diskutiert.