Kampfmesser
#46
Wohin die Klinge im Kampf fahren muß, und warum sie es oft nicht tut, ergibt meinem Grübeln nach vier Punkte:

1. Theoretisch ist die Halspartie das lohnendste Ziel. Jedenfalls in der Theorie des Seziertisches. Die Praxis im Feld ist naturgemäß eine andere. Man hat es mit einem Feind zu tun, der um sein Leben kämpft. Es ist nicht so, daß der Gegner einfach nur "Empfänger" ist. Im Nahkampfgetümmel ist der Hals eine bewegliche, instinktiv geschützte Kleinzone. Im Ringkampf (Grappling) ist das gut zu beobachten: Der Würgegriff ist das Ende jedes Kampfes, aber käme man so leicht an die Gurgel des anderen, gäbe es nur noch Würgetechniken. Die Wirklichkeit ist ein zähes Ringen um Winkel und Gelegenheit.

2. Die stärkste physiologische Wirkung erzielt ein Messereinsatz durch Verbluten. Entscheidend ist dafür die Öffnung des Gewebes. Ein Stich mag tief sein, aber er erzeugt mitunter einen Kanal, der sich hinter der Klinge sofort wieder schließt. Das kennen wir doch auch von Vollmantelgeschossen! Bei einer Stichverletzung liegen die Wundränder oft eng aneinander. Ein Schnitt hingegen klafft. Bei einer sauberen Schnittführung ergibt sich eine klaffende Wunde mit einem vier- bis fünffach größeren Öffnungsverhältnis bei gleicher Klingenlänge. Und das bedeutet Luft dringt ein, Blut fließt ungehindert ab. Ergo: Die Ausblutungsrate ist entscheidend. Und da schlägt die Schneide die Spitze.

3. Hinzu kommt ein echter kampftechnischer Vorteil: Der Schnitt ist geschwindigkeitsunabhängig. Eine Klinge kann selbst in Zeitlupe über die Haut gedrückt und gezogen werden, sie trennt das Gewebe. Der Stoß hingegen braucht Geschwindigkeit. Gerade im Moment der Dringlichkeit, wo oft der Ausholweg fehlt, ist eine solche notwendige zielgerichtete Geschwindigkeit nicht zuverlässig zu haben. Ein Schnitt gelingt auch aus dem Handgelenk, ohne große Bewegung. Es ist nicht die elegantere, aber die verlässlichere Methode.

4. Und schließlich gibt es noch den Bonus der vergrößerten Zielfläche. Die praktische Zielauswahl unter Stress ist nicht beliebig. Die Trefferwahrscheinlichkeit im Tumult des Kampfes vervielfacht sich. Ein Stich benötigt, um tödlich zu wirken, eine präzise getroffene Vitalzone: Hals, Herztrichter, Nierenlager – das sind kaum handtellergroße Areale, die der Gegner rein instinktiv schützt. Ein Verfehlen nur um eine Handbreite, setzt den ohnehin schwer anzubringenden Stich in seinem Effekt massiv herab. Der Schnitt hingegen macht beinahe den gesamten Körper zur Zielfläche. Jede geschützte Extremität schafft eine exponierte Extremität. Jede ungeschützte Muskelpartie wird zum lohnenden Angriffspunkt. Wo ein Stich wirkungslos bliebe, erzielt der Schnitt eine klaffende, blutende Wunde. Nehmen wir für Vergleichszwecke nur die Beinrückseite. Dreimal zugestoßen und die Stichkanäle sind gewiß tief, aber das Gewebe schließt sich hinter der Klinge. Der Gegner humpelt eventuell, das beendet den Kampf aber nicht vorzeitig. Wir haben drei punktuelle Läsionen gesetzt, die ihn nicht ausbluten lassen. Drei tiefe, ziehende Schnitte entlang derselben Muskelbäuche hingegen und wir durchtrennen die Fascie, die darunterliegenden Venen, möglicherweise die Vena saphena magna oder parva. Sie erzeugen drei klaffende Rinnen, die sich nicht einfach von selbst schließen werden. Das Blut verlässt den Kreislauf, der Druck fällt rapide. Der Mann verblutet bei unzureichender Versorgung zuverlässig. Wie schnell ist nicht gesagt, definitiv um ein mehrfaches schneller als durch drei tiefe Stiche.
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#47
Ergänzend drei kurze Punkte:

1. Viel wesentlicher als der Tod des Gegners ist dessen Kampfunfähigkeit. Also die Mannstoppwirkung. Spezifisch in Bezug auf den Blutverlust ist daher nicht der Tod, sondern die bereits davor eintretende Bewusstlosigkeit und/oder starke Verminderung der Kampffähigkeit das eigentliche primäre Ziel.

2. Schnitte haben das Problem der "Schutzbewaffnung". Wenn der Gegner wie heute üblich voller Ausrüstung behangen ist, dann hat der Schnitt überall Hindernisse welche ihn hemmen. Das war früher auch schon so.

3. Es gibt in Wahrheit keinen Widerspruch zwischen Schnitt und Stich. Wenn ich es schaffe mit Druck in den Gegner hinein zu schneiden, dann wäre es grundfalsch dass Messer nach dem Schnitt wegzunehmen, also vom Körper des Gegners zu entfernen, stattdessen sticht man es dem Schnitt folgend mit Druck in den Gegner hinein. Und umgekehrt. Hat man es geschafft in den Gegner hinein zu stechen, ist es falsch, den Stich genau in der gleichen Linie wieder heraus zu ziehen. Stattdessen fuhrwerkt man mit dem Messer im Körper des Gegners herum und zieht es mit Druck schneidend aus dem Gegner heraus, um die anfänglich durch den Stich zugefügte Wundhöhle massiv zu vergrößern.

Gerade deshalb stach man mit Grabendolchen lieber in weiche Regionen, also Unterleib und Innenseite Oberschenkel, statt zwischen die Rippen etc. denn Stiche bleiben gar nicht so selten in den Rippen hängen und bei Stichen in "härtere Regionen" des Körpers hinein machen es schwieriger die Stichwunde durch ein schneidendes Herausziehen der Klinge massiv zu vergrößern.

Beschließend: dasselbe beim Hals. Wenn ich es schaffe in den Hals zu stechen, ziehe ich die Klinge nicht gerade genau so zurück wie sie hinein gegangen ist, sondern schneidend zur Seite geführt, so dass der Hals dem Stich in diesen hinein beim Herausziehen massiv aufgetrennt wird.

Dasselbe sogar wenn ich zwischen die Rippen in die Lunge gelange. Dann ziehe ich ebenfalls nicht zurück, sondern ziehe die Klinge im Körper belassend seitlich entlang der Rippe und trenne damit den Brustkorb zwischen den Rippen auf und belüfte damit die Lunge, wodurch immense Mannstoppwirkung erzielt wird.

Fazit: Man sticht also in den Gegner hinein, damit die Klinge tief sitzt - dem folgend aber öffnet man den Wundkanal, indem man die Klinge ziehend und das Gewebe aufschneidend heraus zieht. Also nicht gerade nach hinten, sondern seitlich ziehend und schneidend.
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#48
Wenngleich ich in jedem Punkt zustimme, sehr geschätzter @Quintus, erscheint es mir unter dem Umstand einer "Ausbildung" von durchschnittlich drei Nachmittagen zu ziseliert.
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#49
Wohl wahr. Weshalb man auch drei Nachmtittage einsparen könnte, denn diejenigen welche es "dann können", könnten es auch ohne diese drei Nachmittage und in jedem Fall und diejenigen welche es nicht können, können es auch nach drei Nachmittagen nicht.

Fundstück:

Altes Bundeswehrkampfmesser zu Bundeswehr-Grabendolch

https://www.youtube.com/watch?v=wdmyoowyJOE
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