28.01.2005, 16:42
<!-- m --><a class="postlink" href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,337284,00.html">http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkult ... 84,00.html</a><!-- m -->
Zitat:Teheran, 20.01.2005 - "Amerika will doch schon seit zwei Jahren hier einmarschieren. Da überrascht es doch nicht, dass sie hier schon länger verdeckt arbeiten, oder?", sagt die 22-jährige Medizin-Technik Studentin Maryam Fardi, während sie in ihrem kleinen koreanischen Pride noch mal kräftig aufs Gas drückt, um dem attraktiven jungen Mann im Nebenauto, der ihr neckische Blicke zuwirft, voranzufahren. "Einige fahren so nah ran, da muss man direkt die Autotür aufmachen und sie herein bitten!", scherzt Maryam, und schon ist das Gespräch über Amerika vergessen.
Ich bitte Maryam, mich bei der Hosseiniye-Erschad-Moschee rauszulassen. Vor der Revolution war dies ein Ort, wo revolutionäre Visionen verbreitet wurden. Heute finden hier oft Reformisten-Versammlungen statt. Wie die meisten Jugendlichen zeigt auch Maryam kein Interesse mehr an der Politik, sieht die Reformer als Versager, und kommt nicht mit hinein. Im nicht mal halbvollen Saal wird über religiösen Intellektualismus und Säkularismus debattiert.
Die auf der Bühne drücken sich offen und kritisch gegen "die Herren da oben" aus. Trotzdem würden sie niemals Amerikas Position einnehmen gegen ihren eigenen Staat, vor allem nicht in der Atomdebatte. "In der Geschichte der Islamischen Republik hat es über kaum etwas so eine überparteiliche, über-ideologische Einigung gegeben wie über die Atomfrage", sagt Sadeq Zibakalam, Politik-Professor der Teheraner Universität.
Auch der 25-jährige, in Puma und Boss gekleidete Siavash Babai, der den Mullahs in nichts anderem zustimmen würde, sagt: "Die Amerikaner sollen aufhören, den Schulhof-Tyrann zu spielen. Iran handelt gesetzlich innerhalb des Atomwaffensperrvertrags, und das hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bestätigt. Sind denn Fortschritt und Entwicklung nur das Recht der Ersten Welt?"
Die iranische Regierung hat sich bisher weniger auf den Artikel im "New Yorker" bezogen, sondern mehr auf George Bushs Äußerung am Montag, dass militärische Optionen noch auf dem Tisch lägen. Der Sprecher des Außenministeriums qualifizierte Amerikas Taktik als "psychologische Kriegsführung" ab und sagte, Iran würde sich gegen jegliche unbesonnene Pläne der USA wehren.
Während die für Wirbel sorgenden Aussagen die Iraner im Lande kaum kümmern, freuen sich Exil-Iraner in Los Angeles und versuchen, ihre Sichtweise über Satellit in iranischen Haushalten zu verbreiten. Auch die Exil-Sendungen, einst höchst beliebt, interessieren die meisten Iraner nicht mehr. "Die haben gut reden, aus 20.000 Kilometer Ferne. Die leben in ihrer eigenen Utopie", sagt die 57-jährige Hausfrau Ghodsi Kamali, die vor einem Jahr noch die Shows aus "Tehrangeles" - so wird die Stadt von Iranern genannt -eifrig schaute.
Zurück im Saal reden die Reformer weiter über Demokratie. In der Zwischenpause frage ich einen der bekanntesten, den Soziologen Hamid Reza Jalaipour, was er von den angeblichen Plänen Amerikas hält. Schnell erwidert er, die Amerikaner sollten erstmal das "Höllenbaby", das sie im Irak gezeugt haben, aufziehen, bevor sie ein anderes zeugten.
Ein anderes bekanntes Gesicht, der Journalist Issa Saharkhiz, sagt, die Amerikaner sollten sich die Unterstützung der iranischen Bevölkerung aus dem Kopf schlagen: "Die Geschichte der Iraner zeigt, dass sie ihre Unabhängigkeit für nichts hergeben, auch nicht für mehr Freiheit."
Draußen schneit es große weiße Flocken. Ich quetsche mich neben einen anderen Passagier auf dem Vordersitz eines Paykan, Irans Version des Trabis, und versuche ein Gespräch über US-Iran-Beziehungen anzufangen. "Wenn Bush und seine Gang mit jemandem verhandeln können, dann mit den Mullahs. Die sind sich doch in ihren Sichtweisen am ähnlichsten", sagt der Fahrer.
Die zum Feierabend fahrenden Passagiere haben dem nichts entgegenzusetzen, vielleicht weil sie müde sind, vielleicht weil sie dem zustimmen, vielleicht auch weil sie politische Gespräche, vor allem über Amerikas Drohungen, schlicht satt haben.