03.05.2026, 16:32
(03.05.2026, 14:18)Quintus Fabius schrieb: Noch zwei Fundstücke:Da wir gerade dabei sind, möchte ich in Bezug auf dieses Dokument eine Meinung zur Disposition stellen, auf die ich vor einigen Tagen auf Twitter gestoßen bin und die mich sehr zum nachdenken gebracht hat. Sie entstammt der Feder des SPD Politikers Arno Gottschalk, der den folgenden Text als Reaktion auf mehrere Tweets des aktuellen Under Secretary of War, Elbridge Colby, verfasst hat. Beides ist nach dem Vollzitat verlinkt.
https://www.bmvg.de/resource/blob/609376...u-data.pdf
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Wie Washington unsere #Militärstrategie liest – und warum das in Berlin niemand diskutiert
Die neue deutsche Militärstrategie schweigt zu den entscheidenden Fragen: zum Feindbild, zum Kriegsbild, zum Fähigkeitsaufwuchs. Offiziell aus Geheimhaltungsgründen. Faktisch, um öffentliche Debatten klein zu halten. Wer wissen will, wohin die Reise wirklich geht, muss daher außerhalb der deutschen Diskursblase suchen.
Eine ergiebige Quelle ist Elbridge Colby, Under Secretary of Defense for Policy und intellektueller Architekt der amerikanischen Indo-Pazifik-Priorisierung. In einem ausführlichen X-Thread feiert er die deutsche Strategie und übersetzt sie in zwei zentrale Begriffe: “NATO 3.0” und “one-theater approach”.
Beide Begriffe stehen so im deutschen Papier nicht. Sie sind Colbys Vokabular. Aber Berlin liefert die Sätze, die diese Übersetzung erlauben – und widerspricht ihr nicht.
Was bedeutet das konkret?
Erstens: Die Bundeswehr soll “stärkste konventionelle Armee Europas” werden. Aus US-Sicht ideal, weil es Frankreichs Autonomie-Ambitionen relativiert und Deutschland fest in die konventionelle Rolle einbettet – ohne dass die nukleare Frage aufkommt. Deutschland groß, aber unter US-Schirm.
Zweitens: Die Formel “Die NATO muss europäischer werden, um transatlantisch zu bleiben” fängt die Versuchung einer echten europäischen Verteidigungsunion auf und lenkt sie in NATO-konforme Bahnen. Mehr Europa als Verstärkung – nicht als Alternative.
Drittens, und das ist der entscheidende Punkt: Colby zitiert die Passage, ein stärkeres Europa werde “mehr zum kritischen Einsatz in wichtigen Missionen beitragen können”. Das meint nicht primär die Ostflanke. Das meint globale Lastenverteilung, damit die USA Kapazitäten gegen China konzentrieren können. Der “one-theater approach” hebt die territoriale Begrenzung der Bündnisverpflichtung faktisch auf.
Die Beteiligung an US-geführten Operationen in der Straße von Hormus ist der Präzedenzfall. Die deutsche Marine will einen Stützpunkt auf Guam und Schiffe, die im Indo-Pazifik einsetzbar sind. Das ergibt zusammen ein Bild, das in der deutschen Öffentlichkeit gerade nicht debattiert wird: Europa als globaler Hilfssheriff Washingtons.
Hinzu kommt der industriepolitische Subtext. Colbys angekündigte enge Kooperation mit der deutschen Rüstungsindustrie heißt im Klartext, dass die Beschaffungsmilliarden zu erheblichen Teilen bei US-Herstellern landen sollen – Patriot, F-35, HIMARS, Tomahawk. Eine eigenständige europäische Rüstungsbasis ist nicht vorgesehen.
Strukturell ergibt das ein reorganisiertes imperiales Portfolio: Die USA lagern die Kosten der europäischen Sicherheit aus, behalten aber die Kontrolle über die kritischen Systeme – Aufklärung, Kommando, Atomwaffen, Schlüsseltechnologien. Deutschland zahlt, baut, übernimmt Risiko, akzeptiert die Entgrenzung des Einsatzraums – und bleibt strategisch dependent.
Die eigentliche Frage lautet daher: Liest in Berlin irgendjemand das Dokument anders als Colby? Oder ist das Schweigen zu Feind und Kriegsbild auch deshalb politisch erforderlich, weil der “one-theater approach” demokratisch nicht zu vermitteln wäre?
Die größte Aufrüstung seit Jahrzehnten verdient eine ehrliche Debatte – und nicht ein Strategiepapier, das Washington besser versteht als der Bundestag.
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https://x.com/ArnoGottschalk/status/2048475907334050025
https://x.com/USWPColby/status/2047815123654361354
Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Gottschalk sich selber als Anti-Militarist beschreibt und (abgeleitet von früheren Beiträgen) auch eine gewisse Abneigung ggü amerikanischen Truppen in Deutschland und Aufrüstung generell hegt.
Nichts desto trotz finde ich seine Analyse ausgesprochen interessant, da sich "Gesamtkonzeption militärische Verteidigung" (Ich nenne es mal GmV) aus diesem Blickwinkel gänzlich anders ließt. Dass Washington die NATO aktuell als fast schon bedingungslosen Verbündeten in Geopolitischen Fragen, egal ob innerhalb des Bündnisgebietes oder außerhalb, sieht, ist denke ich kein Geheimnis. Aber es nochmal schwarz auf weiß in einem offiziellen Dokument zu erhalten, dass man sich dem beugt, damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.
Seite 19 & 20 in diesem Dokument sind der helle Wahnsinn (und mMn ein außenpolitisches Armutszeugnis). Wer schreibt denn in seine eigene nationale Verteidigungsstrategie, dass der Hauptbeweggrund für den geplanten Aufwuchs der Streitkräfte in der Forderung eines Bündnispartners liegt um diesen nach Aufforderung zu entlasten?
Mal ganz davon abgesehen, dass man in einem deutschen Verteidigungspapier auch mal eben so (kackendreist) über die Verteidigungsstrategien der europäischen Verbündeten entscheidet.
Zitat:Europäische Alliierte werden einen größeren Anteil der euro-atlantischen Sicherheit übernehmen. Deutschland wird hier mehr Verantwortung tragen. Es wird aus der Mitte Europas die Kohäsion zwischen Ost-, Zentral- und Westeuropa erhöhen und die Verbindung zu Nordamerika erhalten. In dieser neuen strategischen Rolle wird Deutschland noch mehr zum militärischen Anlehnungspartner für seine europäischen Verbündeten, um gemeinsam mit ihnen die europäische Handlungsfähigkeit zu verbessern. Verantwortung für Europa kann nur gemeinsam mit den europäischen Verbündeten und Partnern übernommen werdenhttps://www.bmvg.de/resource/blob/609376...u-data.pdf
Hat Berlin mal nachgefragt, ob unsere europäischen Alliierten das überhaupt wollen? Oder geht man einfach davon aus, dass dieser Sachverhalt irgendwann einfach als Order aus den Vereinigten Staaten kommt, der man dann folge zu leisten hat? Wofür denn ein "Ansprechpartner" für unsere europäischen Verbündeten, sollen wir demnächst jetzt zum Sekretär für Sprechstunden bei Mr. President werden, zum Verbindungsoffizier der alten und neuen Welt der dafür verantwortlich ist, dass "NATO Interessen" hier auch schön brav umgesetzt werden?
Ist das Satire oder schmecken Stiefel wirklich so gut?

