Militärische Lehren aus dem Ukraine-Krieg
Ich versuch das mal ein bißchen aufzudröseln. Der Vergleich mit Schach und Go ist ziemlich problematisch, insbesondere wenn man Kulturräumen hier eine bestimme Form zuordnen will. Beim Schach gibt es Zweck und Ziel des Krieges (das Schlagen feindlicher Figuren (Ziel) dient dem Schachmatt (Zweck), dass gilt für Go gleichermaßen (das Gebiete sichern und Spielsteine gefangen nehmen (Ziel) dient der Abrechnung am Schluss bei der eine Seite mehr Punkte hat (Zweck). Beide Spiele beinhalten also die beiden wesentlichen Begriffe des Krieges: den eigentlichen Zweck des Krieges, und das Ziel des Krieges welche dazu dient den Zweck zu erreichen und ihn dabei zugleich als etwas eigentlich nicht zum Krieg gehörendes verdrängt. Und man durchdringt auch beim Schach "die feindliche Frontlinie" und ebenso geht es um Stellungen, also die Kontrolle von Spielfeldern um dadurch Wirkung zu erzielen, ebenso wie beim Go. Es gibt hier in der Übertragung also in Wahrheit keine Unterschiede die sich hier als Analogie eignen würden.

In jedem Krieg, also auch im modernen Krieg sind nun Zweck und Ziel des Krieges verschieden und dient die Kontrolle von Gelände beidem, aber beidem auf unterschiedliche Art und Weise und genau aus diesen Widersprüchen entstehen die Probleme der modernen Kriegsführung. Geländebesitz kann ein politisches Ziel sein, aber militärisch Grundfalsch und umgekehrt dient der Geländebesitz in Bezug auf das Ziel des Krieges nicht dem politische Zweck, sondern er sollte nur der Wehrlosmachung des Gegners dienen, und durch diese wird dann der politische Zweck erreicht.

Das gleiche gilt für die Truppenversorgung. Kriege werden sehr wohl durch den Kampf entschieden und es ist eine der wesentlichsten Fehlannahmen dass dem nicht so sei oder dass es hier andere (asiatische) Wege gäbe. Die Truppenversorgung dient nun im weiteren dem Kampf. Sie entscheidet also den Krieg über ihren Einfluss auf die Kampffähigkeit bzw. weil sie für die Ausführung des Kampfes so wesentlich geworden ist. Die Bedeutung der Truppenversorung ist also wie die Kontrolle von Gelände eine indirekte. Sie dient der Erreichung der Wehrlosmachung des Gegners. Sie entscheidet über diese also nur über den Kampf, den sie nährt und ermöglicht.

Im weiteren gab es solche Zustände, in welchen Streitkräfte durcheinander gemischt kämpften auch schon früher. Ein schönes Beispiel wären die Kampagnen von Slim in Burma und ganz allgemein die Kämpfe der Briten gegen die Japaner in Arakan. Der wesentlichste Unterschied ist also nicht die Vermischung und das gegenseitige Durchdringen, was es aufgrund der Umstände auch schon früher so gab, sondern dass die für einen Durchbruch und Stoß in die Tiefe relevanten Ziele weiter hinten liegen (vom Frontraum aus gesehen), stärker disloziert sind und redundanter sind. Und dass deshalb der Durchbruch bzw. der Vorstoß in den Rücken des Feindes nicht die gleiche Wirkung erzielen kann wie früher. Um die Arakan-Kampagne zu nehmen: die Japaner infiltrierten durch die Briten hindurch und umgingen sie zugleich durch extremes Gelände, dann trafen sie die britischen Nachschubpositionen und die britische Artillerie und schlussendlich kollabierten die britischen Einheiten und wurden zurück geworfen. Eine Schlußfolgerung von Slim war, dass die Nachschubeinheiten zum Kampf befähigt sein müssen, dass sie ihre Stelllungen im Kampf halten können müssen und dass die weiter vorne stehenden Verbände sich von in ihrem Rücken stehenden Feind nicht kirre machen lassen dürfen. Eine weitere Schlußfolgerung von Slim war, dass man sehr weitgehend auf Luftbewegliche Operationen setzen muss.

Also exakt das was du hier auch schreibst. Tatsächlich waren die Briten in Indien und Burma dann die Streitkraft, welche in der Kriegsgeschichte am stärksten auf luftbewegliche Operationen hin ausgelegt war, was heute vielen gar nicht mehr klar ist. Keine andere Armee der Welt war derart auf Luftbeweglichkeit hin optimiert und nutzte diese so extrem, so häufig und in so großem Ausmaß.

Aber:

Das setzte die Luftherrschaft voraus und wurde erst dann möglich, als die Briten diese errungen hatten. Umgekehrt war der Feind im dichten Dschungel am Boden aus der Luft nicht greifbar. Andererseits konnte er britische Flugzeuge aus dem dichten Dschungel und in dem bergigen und hügeligen Terrain wenn sie flach flogen auch meist nicht aufklären und nicht bekämpfen. Es war also damals eine ganz bestimmte spezifische Konstellation, welche diese Luftbeweglichkeit erforderte, und zugleich ermöglichte.

Heute aber sind die Umstände völlig andere. Wir werden nicht die gesicherte Luftherrschaft haben. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten vom Boden aus (auch dezentral, MANPADS usw.) gegen Luftziele zu wirken. Und die vielfältigen Drohnen etc. ermöglichen hier nochmals ganz andere Möglichkeiten in der Luft zu stören. Es ist also richtig, dass die Dislozierung und der Abstand der eigentlich relevanten Ziele vom Frontraum analog zu Burma luftbewegliche Operationen zu einer Lösung machen würden, dazu müsste man diese aber auch durchführen können. Und daran hakt es heute. Das Risiko ist zu hoch, die Verluste nicht ersetzbar und untragbar.

Nun schreibst du von autonomen unbemannten luftbeweglichen Operationen, aber das ist immer noch Science Fiction. Schlussendlich sind solche Systeme auch eigentlich zu wertvoll, um sie auf diese Weise zu vergeuden, sie wären auch nicht kosteneffizient, wenn sie einen gewissen Umfang hätte. Man könnte und man sollte aber im Rahmen unkonventioneller Kriegsführung mit Sondereinheiten und Drohnen durchaus tief im Hinterland des Gegners operieren und ich halte das auch für möglich und auch in Zukunft noch für möglich.

Das Problem ist beschließend nicht nur die Tiefe in welcher die lohnenswerten Ziele sind, deren Zerstörung dann tatsächliche Effekt auf den Frontraum hätte, sondern deren Dislozierung und Redundanz. Schlussendlich wird die Abriegelung aus der Luft in Zukunft absolut elementar sein. Für diese braucht man aber keine Luftlandeoperation oder Luftbewegliche Operation und diese sollte auch nicht durch die Luftwaffe ermöglicht werden wie du schreibst, sondern die Abriegelung selbst müsste als eigene Operationsart weiter entwickelt werden. Die Aktionen am Boden mittels Sondereinheiten und Drohnen gehören dann ebenso zu dieser Abriegelung. Denn damit die Abriegelung Effekte auf den Frontraum erzeugen kann, benötigt sie eine immens viel größere Quantität und sehr viel mehr, aber kleinere Eingriffe. Der wesentliche Auftrag eines Komplex aus Systemen am Boden wie in der Luft wäre demzufolge nicht die Gefechtsfeldabriegelung, sondern die Abriegelung aus der Luft tiefer im feindlichen Luftraum. Im Gegensatz zu den für eine größere Luftlandung- oder Luftbewegliche Operation notwendigen Umständen ließen sich die notwendigen Voraussetzungen hierfür durchaus schaffen, insbesondere wenn ein Übermaß an kleinen Angriffen mit maximaler Simultantität die Unzahl feindlicher kleiner Bäche allenorten trifft.

Ganz beschließend noch zur Möglichkeit einer Luftlandeoperation: es wäre grundfalsch die beschränkten Transportmittel in der Luft für eine solche zu verschwenden. Ganz allgemein sind Luftlandungen heute außerhalb des Einsatz von kleinen Sondereinheiten praktisch nicht mehr sinnvoll. Was aber durchaus sinnvoll sein könnte sind luftbewegliche Operationen. Aber immer nur spezifisch in Bezug auf ganz bestimmte Umstände. In Bezug uf die Ziele "in der Tiefe" können und müssten solche Operationen aber vor allem immer im Gesamtkomplex der Abriegelung gedacht werden. Um groß in die Offensive zu gehen und Gelände einzunehmen, eignen sie sich nicht. Sondern die Abriegelung erzeugt dann die Umstände, mit denen leichte mechanisierte Kräfte am Boden, die auf die Exploration des Durchbruchs (im weiteren Sinne) spezialisiert sind, weit in die Tiefe vorstoßen können.
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