21.04.2026, 07:01
Persönlich sehe ich das drängendste Problem eher auf der operativen bzw. strategischen Ebene schwelen.
Prigoschins "Marsch der Gerechtigkeit" und die ukrainische Kursk-Invasion weisen für mich darauf hin, dass mechanisierter Bewegungskrieg heutzutage durchaus noch erfolgreich geführt werden könnte; beide Aktionen scheiterten nicht an der Logistik, sondern am Kräfteansatz bzw. am nicht herausgearbeiteten Endgame seitens der Entscheidungsträger.
Die gegenwärtige Dominanz der Defensive im Verhältnis zur Offensive wird nicht lange bestehen bleiben. Das mag sich nach Sophisterei anhören, aber mir ist aufrichtig unklar, wie man in der Militärgeschichte zurückblicken und ernsthaft glauben kann, dass nicht erfolgen wird, was immer erfolgt ist: die (wenigstens teilweise) Negierung der Vorteile einer neuen Waffentechnik durch eine Antwort darauf. Im Prinzip gibt es die nötige Technik ja längst, das Problem besteht nur darin, sie kostengünstig zu implementieren.
(Wobei ich darauf hinweisen würde, dass die Kostenfrage Jammern auf hohem Niveau darstellt. Beispielsweise gaben die USA 2025 3,5% ihres BIP für Verteidigung aus, verglichen mit 13,6% während des Korea-Krieges. Will sagen, Kriegsziele und der durch Abwehrmaßnahmen verhinderte Schaden sind bisher in der Wirtschaftlichkeitsrechnung kaum eingepreist.)
Doch um taktische Perspektiven zu eröffnen, könnte ein großer konventioneller Krieg Entscheidungen verlangen, die vor allem europäische zivile Entscheidungsträger überfordern dürften (aber auch ihre Parteigänger innerhalb der Generalität, man erinnere sich bspw. an den Stuss, den Harald Kujat und Erich Vad von sich gegeben haben).
Um nur zwei Beispiele zu nennen: In einem Konflikt mit Russland um das Baltikum könnte es nötig werden, in Belarus einzumarschieren. Welcher europäische Regierungschef würde das befehlen? Oder welche europäische Regierung hätte den Mut, einen Entlastungsangriff über Finnland auf Murmansk zu befehlen?
@Quintus hat richtig herausgearbeitet, dass ein heutiger Landkrieg durchaus raumgreifender geführt werden könnte, als man sich gemeinhin vorstellt, weil die Heere kleiner und die Reichweiten der Waffensysteme erheblich größer sind als noch vor einem halben Jahrhundert.
Europa ist aber nicht nur wegen der (auch geistigen) Friedensdividende für eine solche Realität schlecht aufgestellt. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass das strategische Denken auf dem Kontinent auch deshalb verkümmert ist, weil man sich seit 1945 in der Rolle des Verteidigers befunden, und geradezu darin gefallen hat.
Selbst die klassischen selbstbewussten Großmächte, Großbritannien und Frankreich, haben seitdem eigentlich nur noch Abwehrkämpfe geführt. Ausgehend von der Prämisse, dass ein großer Landkrieg in Europa ohne nukleare Eskalation durchaus möglich ist, wovon ich fest ausgehe, muss man halt konstatieren: Europa ist zu dicht besiedelt und zu wirtschaftlich fragil, als dass wir es uns leisten könnten, lange auf eigenem Gebiet zu kämpfen. Umgekehrt ist Russland zu groß und seine Assets im Sinne einer Grand Strategy sind geographisch zu weit verteilt, als dass Europa es sich leisten könnte, nicht den Kampf auf russischem Gebiet zu suchen.
Selbst die Geistesgrößen des Kontinents greifen, wenn es um das Militärische geht, aber auf Vorurteile und Factoids zurück, um sich dieser Realität nicht stellen zu müssen. Mir sind fast meine vietnamesischen Frühlingsrollen im Hals steckengeblieben, als Jürgen Habermas im Ton der Gewissheit verkündete, man könne eine Atommacht nicht besiegen.
Prigoschins "Marsch der Gerechtigkeit" und die ukrainische Kursk-Invasion weisen für mich darauf hin, dass mechanisierter Bewegungskrieg heutzutage durchaus noch erfolgreich geführt werden könnte; beide Aktionen scheiterten nicht an der Logistik, sondern am Kräfteansatz bzw. am nicht herausgearbeiteten Endgame seitens der Entscheidungsträger.
Die gegenwärtige Dominanz der Defensive im Verhältnis zur Offensive wird nicht lange bestehen bleiben. Das mag sich nach Sophisterei anhören, aber mir ist aufrichtig unklar, wie man in der Militärgeschichte zurückblicken und ernsthaft glauben kann, dass nicht erfolgen wird, was immer erfolgt ist: die (wenigstens teilweise) Negierung der Vorteile einer neuen Waffentechnik durch eine Antwort darauf. Im Prinzip gibt es die nötige Technik ja längst, das Problem besteht nur darin, sie kostengünstig zu implementieren.
(Wobei ich darauf hinweisen würde, dass die Kostenfrage Jammern auf hohem Niveau darstellt. Beispielsweise gaben die USA 2025 3,5% ihres BIP für Verteidigung aus, verglichen mit 13,6% während des Korea-Krieges. Will sagen, Kriegsziele und der durch Abwehrmaßnahmen verhinderte Schaden sind bisher in der Wirtschaftlichkeitsrechnung kaum eingepreist.)
Doch um taktische Perspektiven zu eröffnen, könnte ein großer konventioneller Krieg Entscheidungen verlangen, die vor allem europäische zivile Entscheidungsträger überfordern dürften (aber auch ihre Parteigänger innerhalb der Generalität, man erinnere sich bspw. an den Stuss, den Harald Kujat und Erich Vad von sich gegeben haben).
Um nur zwei Beispiele zu nennen: In einem Konflikt mit Russland um das Baltikum könnte es nötig werden, in Belarus einzumarschieren. Welcher europäische Regierungschef würde das befehlen? Oder welche europäische Regierung hätte den Mut, einen Entlastungsangriff über Finnland auf Murmansk zu befehlen?
@Quintus hat richtig herausgearbeitet, dass ein heutiger Landkrieg durchaus raumgreifender geführt werden könnte, als man sich gemeinhin vorstellt, weil die Heere kleiner und die Reichweiten der Waffensysteme erheblich größer sind als noch vor einem halben Jahrhundert.
Europa ist aber nicht nur wegen der (auch geistigen) Friedensdividende für eine solche Realität schlecht aufgestellt. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass das strategische Denken auf dem Kontinent auch deshalb verkümmert ist, weil man sich seit 1945 in der Rolle des Verteidigers befunden, und geradezu darin gefallen hat.
Selbst die klassischen selbstbewussten Großmächte, Großbritannien und Frankreich, haben seitdem eigentlich nur noch Abwehrkämpfe geführt. Ausgehend von der Prämisse, dass ein großer Landkrieg in Europa ohne nukleare Eskalation durchaus möglich ist, wovon ich fest ausgehe, muss man halt konstatieren: Europa ist zu dicht besiedelt und zu wirtschaftlich fragil, als dass wir es uns leisten könnten, lange auf eigenem Gebiet zu kämpfen. Umgekehrt ist Russland zu groß und seine Assets im Sinne einer Grand Strategy sind geographisch zu weit verteilt, als dass Europa es sich leisten könnte, nicht den Kampf auf russischem Gebiet zu suchen.
Selbst die Geistesgrößen des Kontinents greifen, wenn es um das Militärische geht, aber auf Vorurteile und Factoids zurück, um sich dieser Realität nicht stellen zu müssen. Mir sind fast meine vietnamesischen Frühlingsrollen im Hals steckengeblieben, als Jürgen Habermas im Ton der Gewissheit verkündete, man könne eine Atommacht nicht besiegen.
