19.04.2026, 07:40
Zitat:Aber wäre der Durchbruch nicht umso wirkungsvoller, da durch die fehlenden Massenheere gar keine funktionale Reserve mehr gibt?
Ja, wenn er eine ausreichende Tiefe erzielt und logistisch versorgt werden kann. Und beides ist extrem schwierig, viel schwieriger als früher, weil man viel tiefer vorstoßen muss um Effekte zu erzielen und weil die Versorgung viel schwieriger ist.
Die wesentlichen drei Probleme in diesem Kontext: erstens führt der Durchbruch heute (im Gegensatz zu früher) nicht zum Kollabieren von Frontabschnitten bzw. nicht so schnell wie das früher der Fall war. Dadurch, dass der Gegner im Frontraum weiter steht, wird die Logistik / Versorgung erschwert bzw. beeinträchtigt. Zweitens kann der Gegner selbst mit sehr kleinen Einheiten erhebliche Feuerkraft von weiter weg abrufen, und Feuerkraft und Bewegung und Präsenz sind austauschbare Werte. Das heißt, er benötigt eben kein Massenheer mehr, um den gleichen Effekt zu erzielen. (das gilt umgekehrt übrigens auch für seine Wirkung in unseren rückwärtigen Raum hinein, was die Logistik also sowohl in unserem Raum als auch im feindlichen Raum erschwert. Die Erschwerung der Logistik ist daher zweigestaltig, sie trifft uns sowohl im eigenen rückwärtigen Raum als auch nochmals dazu nach dem Durchbruch hinter dem Frontraum. Und schließlich drittens: auch wir haben keine Massenheere mehr und es fehlt die Infanterie, welche beispielsweise früher für den Durchbruch so wesentlich war.
Es könnte westlichen mechanisierten Großkampfverbänden daher nach einem durchbruch nicht unähnlich gehen wie den russischen BTG im Jahr 2022. Das fehlende Massenheer ist daher nicht nur für den Feind ein Problem, sondern auch für uns. Darüber hinaus können die Russen viel eher hier Quantität erzeugen als wir es könnten und in der reinen Defensive wäre für die Russen Infanterie ausreichend, welche dann auch vergleichsweise tief im russischen Raum immer noch vorhanden wäre. Umgekehrt wären unsere mechanisierten Großkampfverbände erstaunlich Infanterieschwach und würde sich unsere Infanterie schnell so weit abnutzen, dass wir zu wenig davon hätten. Der Verweis auf osteuropäische Verbündete hilft hier auch nicht weiter.
Ein gelungener Durchbruch wäre heute nur noch von der eignen Logistik begrenzt.
Und wie ich es beschrieb, führt eben diese logistische Frage dazu, dass der Durchbruch nicht so weit in die Tiefe reicht / reichen kann, wie es notwendig wäre, um an der Front Effekte zu erzielen, womit das klassische "Aufrollen" der Front nicht stattfinden kann, weshalb der Durchbruch nach kurzer Zeit mehr zum Problem als zu einer Lösung wrid. Aber es gibt noch weitere Aspekte. Wie schon angerissen: kann man heute erhebliche und präzise Feuerkraft auch auf große Distanzen abrufen, wozu man nur sehr kleine eigene Einheiten benötigt. Ein Panzerverband im Hinterland der sich bewegt war früher allenfalls durch die Luftwaffe angreifbar. Hatte man die luftherrschaft, konnte er sich weitgehend ungehindert bewegen. Heute aber ist er viel mehr bedroht, und dies durch wirkmittel die auch sich bewegende ziele präzise angreifen und zerstören können. Dazu kommt noch das Problem der Aufklärung in der Tiefe, der Koordination der Bewegungen und das Gelände selbst. Wenn wir nicht querfeldeinbeweglich genug sind, dann führt dies immer zu Kanalisierung und diese erhöht die Efffizienz des feindlichen Feuers.
Systeme die aber ausreichend querfeldeinbeweglich sind und stärker disloziert agieren können, haben nicht die Eigenheiten die für den Durchbruch selbst erforderlich sind (insbesondere schwere Panzerung etc.) Das spricht dafür die Aufgabe des Durchbruchs und die Aufgabe der Exploration desselben zu trennen.
Zitat:durch verschiedene Wirkmittel wie Loitering Munition or klassisch durch CAS oder Artillerie soweit geschwächt wurde, dass sie nur noch zerrieben werden muss. Was operativ inflexible leichte Infanterie nicht kann.
Du verkennst hier die rolle der leichten Infanterie. Diese wirkt nicht selbst (durch von ihr mitgeführte Wirkmittel), sondern sie ruft Feuerkraft von woanders her ab und stellt dennoch auch durch die von ihr selbst mitgeführten Wirkmittel ein Problem für die den mechanisierten Einheiten nachfolgende Logistik dar, welches man nicht ignorieren kann. Zudem ist sie in Wahrheit operativ flexibler als man glaubt.
Der Grund warum Infanterie statisch ist, liegt nicht an ihren tatsächlichen Bewegungsmöglichkeiten. In Wirklichkeit ist es so, dass man Infanterie eigentlich im heutigen modernen krieg praktisch genau so schnell bewegen könnte wie Panzerverbände, wenn man die Tagesleistung, die Distanzen, die Strecke also dafür als Maßstab nimmt. Heutige mechanisierte Verbände rücken nämlich relativ "langsam" vor. das ist etwas was von Grund auf nicht verstanden wird. Infanterie zur Fuß könnte mit ihnen mithalten, selbst ohne jede Fahrzeuge und das durch jedes Gelände.
Es ist also nicht die Frage der Mobilität die infanterie statisch macht. Abgesehen von sozialkulturellen faktoren und der Prägung unserer Gesellschaft und Denkweise von Mobilität, Motorisierung und Autos, ist es rein militärisch gesehen lediglich die Frage der Verwundbarkeit. Statische infanterie ist sehr schwierig effizient bekämpfbar. Der Mittelaufwand um sie zu zerreiben wie du es schreibst ist erheblich und überproportional, wenn sie statisch ist. Bewegt sie sich jedoch, wird der Mittelaufwand um sie zu zerreiben effizient.
Darin liegt der Grund für die statische Kampfweise, nicht in der tatsächlichen Mobilität. Die geländebedingt sogar größer sein kann als die von motorisierten Einheiten.
Jede leichte Infanterieeinheit stellt aber immer für die Versorgungskette ein Problem dar und ist zugleich ein nicht beseitigter Aufklärungsverbund, welcher Feuerkraft aus der Distanz einsetzen kann. Genau das gefährdet, solange feindliche leichte Infanterie noch im Frontraum stehen bleibt die Versorgungskette für die durchgebrochenen mechanisierten Einheiten so weitgehend, dass diese dadurch mehrheitlich erhebliche Problemen hätten / haben werden. Die statische Infanterie kollabiert aber eben nicht so schnell wie früher im Frontraum.
Während früher der Durchbruch zum Kollaps der Front führte, ist das heute nicht mehr so, bzw. nicht mehr so schnell der Fall - oder vielmehr: ausreichend schnell der Fall. Aufgrund der beschriebenen Mechanismen bleibt der Feind also "links und rechts" der Durchbruchsstelle stehen und das führt zu der beschriebenen Problematik, dass man nicht so tief in den feindlichen Raum hinein vorstoßen kann, wie dies aufgrund der veränderten Verhältnisse bei den rückwärtigen diensten des Gegners erforderlich wäre, um tatsächlich Effekte zu erzeugen.
Schwere mechanisierte Panzerverbände, insbesondere mit den aktuellen Konzepten von MBT, würden daher zwar mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand durchbrechen, sicher auch mit geringen Verlusten, aber dann hätte das eben nicht mehr die gleichen effekte wie früher und sie würden nicht weit kommen.
Und damit wird der Durchbruch vor allem anderen eine Ineffiziente und Kriegsökonomisch sinnlose Operation.
Aufgrund der Vielzahl der Wechselwirkungen, und der heute eben völlig anderen Umstände im Vergleich zu früher.
