(Sonstiges) Was ist D-LBO, der "Deutsche Skorpion"?
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Zitat:"Milliardenteures IT-Desaster – Neuer Digitalfunk der Bundeswehr ist „Gefahr für Leib und Leben“

Von Christian Schweppe

Verteidigungsminister Boris Pistorius informiert sich über die Leistungsfähigkeit des Kampfpanzer Leopard 2 beim Panzerbataillon 203 in Augustdorf - Der Bundesminister im Geschützturm eines Leopard-Kampfpanzers
Der Bundeswehr-Funk weist gravierende Mängel auf, die für Soldaten lebensbedrohlich sein können
Quelle: picture alliance/Chris Emil Janßen/Chris Emil Janssen

Ein unter Verschluss gehaltener Testbericht belegt neue, erschreckende Schwächen beim milliardenteuren Funk der Bundeswehr. Das Papier wird Abgeordneten seit Januar vorenthalten. Was heißt das für die Truppe?

Bei der dringend notwendigen Digitalisierung von Funk- und IT-Kommunikation der Bundeswehr gibt es erneut erhebliche Zweifel. Ein bislang unter Verschluss gehaltener Testbericht zeigt: Ende des Jahres musste bereits ein zweiter Einsatztest wegen schwerwiegender Fehler abgebrochen werden. Das neue Funksystem fiel krachend durch.
Dem als „VS – NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH“ eingestuften Papier zufolge waren die Mängel der im November getesteten Version so gravierend, dass bereits im regulären Übungs- und Ausbildungsbetrieb mit umgerüsteten Kampfpanzern „Gefahr für Leib und Leben“ bestanden habe. „In seinem derzeitigen Zustand ist das Gesamtsystem D-LBO basic weder reif für eine Einsatzprüfung noch für den Ausbildungs- und Übungsbetrieb geeignet. Ob die Einsatzreife bis September 2026 erreicht werden kann, ist derzeit nicht absehbar“, heißt es in dem Bericht von Anfang Januar. Bis Herbst sind weitere Tests geplant, Kritiker sehen die Umrüstung mehr denn je unter Vorbehalt. [...]

Die Wut im Bundestag dürfte angesichts dieses Befunds und der Intransparenz im Ressort von Boris Pistorius (SPD) zunehmen. Im Haushaltsausschuss wurde den Abgeordneten in dieser Woche vage eine Parlamentsversion des Berichts in Aussicht gestellt. Zwar sind Schwierigkeiten bei großen IT-Projekten, bei denen Technikgenerationen übersprungen werden, nicht ungewöhnlich. Im Fall des Führungsfunks geht es jedoch um weit mehr. Bereits im Mai, wie WELT AM SONNTAG und SPIEGEL berichteten, geriet das Projekt außer Kontrolle: Ein erster Einsatztest zeigte erhebliche Mängel. Das Ministerium verschwieg dies monatelang. Noch Anfang September hatte Pistorius im Bundestag erklärt, das Projekt sei „im Plan“ – eine Aussage, die sich so nicht halten ließ.
Sein Ministerium ist seither bemüht, das Problem kommunikativ einzuhegen. Später folgte ein Krisentreffen des Ministers mit den herbeizitierten Projektfirmen Rohde und Schwarz, Blackned und Systematic. Man dachte offenbar, so Schlagzeilen zu beenden.
Fehler sogar beim einfachen Sprechfunk
Mit dem jetzt erstmals zitierbaren Bericht zur Funktestung in Munster werden nun weitere Fehler bekannt. Diesmal betrafen sie sogar einfachen Sprechfunk, insbesondere zwischen Kampfpanzern, in welche die neue Technik erstmals eingebaut worden war, etwa in den Leopard 2 A7V. Nach dem Einbau wurden plötzlich selbst einfache Funksprüche nicht mehr nur nicht übertragen, sondern beteiligte Soldaten konnten auch nicht mitbekommen, ob ihr Funkspruch denn nun gesendet war oder nicht. Ein Befehl zum sofortigen Feuerstopp („Stopfen“) könne so nicht verlässlich gegeben werden, heißt es im Testurteil, was im Zweifel Lebensgefahr für Soldaten bedeute. Dieses Risiko „kann und darf unter Ausbildungs- und Übungsbedingungen nicht eingegangen werden“. Im Ernstfall seien Feindmeldungen und koordiniertes Ausweichen mit solcher Technik schlicht nicht möglich, heißt es im Bericht.
Besonders heikel ist demnach auch, dass das sogenannte „Friendly Force Tracking“ (FFT) nicht funktionierte („nur sporadisch möglich“). Damit stiege bei einem realen Einsatz das Risiko, dass die Bundeswehr aus Fahrzeugen mit eingebauter neuer Funktechnik irrtümlich auf Kameraden oder Verbündete schießen würde. Kaltstartfähigkeit des Systems: „Negativ.“
Auf schriftliche Nachfrage ging das Ministerium inhaltlich weder auf die Mangelhaftigkeit noch auf mögliche Verbesserungen in letzter Zeit ein. Man werde bald über den Fortgang des Projektes unterrichten. Austausch mit dem Parlament erfolge „vertraulich“.
Nach dem ersten Scheitern der Tests im Mai 2025 hatte das Ministerium erklärt, Fortschritte erzielt zu haben. Die detaillierten Ergebnisse vom November zeigen jedoch erneut, wie groß der Rückstand ist.

Auch der wichtige Test in Munster musste am Ende im Einvernehmen mit den beteiligten Firmen abgebrochen werden – was dem Bundestag erneut wochenlang nicht mitgeteilt wurde.
Das Ausmaß der Mängel ist auch deshalb bemerkenswert, weil Vertreter des Ministeriums während der Testung in Munster selbstbewusst erklärt hatten, wie groß der Fortschritt sei. Insbesondere der zuständige General, Michael Vetter, tat sich hervor und gab sogar zu Protokoll, das Funkgerät habe in einer Wehrtechnischen Dienststelle „mit Bravour bestanden“. Vetter behauptete außerdem, die Soldaten auf der Schießbahn seien begeistert „von der Reichweite und der Power des Funkgerätes“. Zum Sprechfunk hatte er in Pressemikrofone getönt: „Sprache läuft recht gut, da hatten wir eigentlich sehr gute Ergebnisse jetzt im Test.“ Der Testbericht schildert eine andere Realität. [...]

Im Testbericht nun heißt es insgesamt: Selbst der reine Sprechfunk war „insgesamt als mangelhaft zu bewerten“. Funksprüche waren teilweise zudem zu leise, wörtlich ist sogar von „Aquariumsgeräuschen“ die Rede, also Gurgeln und Rauschen während Funksprüchen – und das bei einer Technik, die mehr als elf Milliarden Euro kostet.

Daten- und Sprechfunk parallel waren kaum möglich, die ermittelten Funkreichweiten blieben zudem „auf allen Sendeleistungen weit hinter den Anforderungen zurück“. So konnte nicht einmal annähernd zehn Kilometer weit gefunkt werden. Die Datenfunkanbindung des Schützenpanzers Puma machte ebenfalls Probleme, genau wie die Konfiguration zentraler Middleware-Technik („Tactical Core“).

Das Ministerium hatte auf Nachfragen zum IT-Großprojekt „Digitalisierung Landbasierter Operationen“ (D-LBO) in der Vergangenheit keine Details mehr kommentiert. „Diese könnten Rückschlüsse auf vorhandene, künftige oder derzeit fehlende Kapazitäten, Fähigkeiten oder die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr ermöglichen“, hieß es. Es läge im Wesen von Tests, dass Nachsteuern erforderlich werden könne. Zeit dafür gibt es kaum: Die Truppe muss dringend verteidigungs- und abschreckungsfähig werden, die Nato vertraut darauf. Auch die neue „Brigade Litauen“.
Die Funk-Umstellung ist nur ein Teil des Projektes D-LBO, bei dem es nicht nur um Sprechfunk geht, sondern um Datenaustausch und durchgängig digitale Führungssysteme für Landstreitkräfte. Ziel bei Einsatzreife ist eine Vernetzung von Soldaten, Fahrzeugen und Gefechtsständen. Zehntausende Fahrzeuge müssen derzeit digitalisiert werden."
Link zum Welt-Artikel: https://shorturl.at/xqQ3F

Moderativ zwecks Leserlichkeit bearbeitet. Schneemann
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RE: Was ist D-LBO, der "Deutsche Skorpion"? - von Casal - 25.03.2026, 20:19

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