Vor 2 Stunden
@Quintus
Zur niedrigen Zahl der Kriegsgefangenen, folgende Vermutung:
Erstens, der menschliche "Kontakt" fehlt.
Wenn à la Somme Regimenter zu Fuß die gegnerischen Gräben stürmen müssen, können selbst bei 75% Ausfällen am Ende noch hunderte oder tausende Männer übrigbleiben, die man gefangennehmen kann. Die Infanteriegefechte in der Ukraine heutzutage haben jedoch eher den Charakter von Begegnungsgefechten und übersteigen kaum mehr den Zugrahmen. Anders gesagt, selbst wenn man Gefangene machen kann, sind es nur wenige.
Zwotens: Es ist verdammt gefährlich geworden, Kriegsgefangene zu machen.
Manchmal ist es zu gefährlich, die Kriegsgefangenen pflichtgemäß von der Front ins Hinterland zu verbringen. Dann sitzen die zwei, drei Wochen in einem ukrainischen Versteck fest. Außerdem greifen die Russen gezielt die eigenen Kriegsgefangenen mit Drohnen an. Es gab schon Fälle, in denen russische Kriegsgefangene mit Ukrainern fraternisierten und gegen die eigenen Leute kämpften, nur um am Leben zu bleiben. (Beispiel)
Drittens: Propaganda. Die scheint mir heute tatsächlich wirksamer.
1941 brauchten die Russen Politkommissare in jeder Kompanie, um den Männern einzutrichtern, was sie zu denken hatten; heute hat jeder Mensch ein Smartphone in der Tasche, seinen privaten kleinen Echokammer-Verstärker. Den Russen wird nach wie vor eingehämmert, dass es nicht nur ehrenvoller, sondern auch klüger ist, sich den Schädel wegzupusten, bevor man in einem "Nazi"-Gefangenenlager endet. Das Stigma ist gewaltig, wir wissen, das nach Russland zurückkehrende Kriegsgefangene mit erheblichen Strafen und der sofortigen Rückkehr an die Front rechnen müssen.
Und Kyjiw muss sich nicht mal um Propaganda bemühen, die Russen stellen die Videos ihrer Gefangenen-Erschießungen selbst ins Internet. Die ganze Ukraine kann sehen, live und in Farbe, in welchem Zustand die ausgetauschten Kriegsgefangenen zurückkehren. Das war 1914 oder 1941 nicht der Fall.
Warum also nicht Widerstand leisten bis zum Äußersten?
Last but not least: Die soziale Zusammensetzung der Kombattanten unterscheidet sich von früheren Kriegen. Auf ukrainischer Seite kämpfen wenige Wehrpflichtige, auf russischer fast gar keine—obwohl sich beide Länder in einem totalen Krieg befinden. Die Freiwilligen überwiegen.
Die Ukrainer wissen (oder glauben zu wissen), was ihnen droht, wenn sie verlieren, sie kämpfen aus Überzeugung, sonst wäre die ganze Sache längst zu Ende. Und der durchschnittliche russische Frontsoldat ist ein ausgesprochener Söldner, der dem Motto folgt: "Get rich or die tryin'." Das macht sich auch in der exorbitant hohen Selbstmordrate bemerkbar.
Zur niedrigen Zahl der Kriegsgefangenen, folgende Vermutung:
Erstens, der menschliche "Kontakt" fehlt.
Wenn à la Somme Regimenter zu Fuß die gegnerischen Gräben stürmen müssen, können selbst bei 75% Ausfällen am Ende noch hunderte oder tausende Männer übrigbleiben, die man gefangennehmen kann. Die Infanteriegefechte in der Ukraine heutzutage haben jedoch eher den Charakter von Begegnungsgefechten und übersteigen kaum mehr den Zugrahmen. Anders gesagt, selbst wenn man Gefangene machen kann, sind es nur wenige.
Zwotens: Es ist verdammt gefährlich geworden, Kriegsgefangene zu machen.
Manchmal ist es zu gefährlich, die Kriegsgefangenen pflichtgemäß von der Front ins Hinterland zu verbringen. Dann sitzen die zwei, drei Wochen in einem ukrainischen Versteck fest. Außerdem greifen die Russen gezielt die eigenen Kriegsgefangenen mit Drohnen an. Es gab schon Fälle, in denen russische Kriegsgefangene mit Ukrainern fraternisierten und gegen die eigenen Leute kämpften, nur um am Leben zu bleiben. (Beispiel)
Drittens: Propaganda. Die scheint mir heute tatsächlich wirksamer.
1941 brauchten die Russen Politkommissare in jeder Kompanie, um den Männern einzutrichtern, was sie zu denken hatten; heute hat jeder Mensch ein Smartphone in der Tasche, seinen privaten kleinen Echokammer-Verstärker. Den Russen wird nach wie vor eingehämmert, dass es nicht nur ehrenvoller, sondern auch klüger ist, sich den Schädel wegzupusten, bevor man in einem "Nazi"-Gefangenenlager endet. Das Stigma ist gewaltig, wir wissen, das nach Russland zurückkehrende Kriegsgefangene mit erheblichen Strafen und der sofortigen Rückkehr an die Front rechnen müssen.
Und Kyjiw muss sich nicht mal um Propaganda bemühen, die Russen stellen die Videos ihrer Gefangenen-Erschießungen selbst ins Internet. Die ganze Ukraine kann sehen, live und in Farbe, in welchem Zustand die ausgetauschten Kriegsgefangenen zurückkehren. Das war 1914 oder 1941 nicht der Fall.
Warum also nicht Widerstand leisten bis zum Äußersten?
Last but not least: Die soziale Zusammensetzung der Kombattanten unterscheidet sich von früheren Kriegen. Auf ukrainischer Seite kämpfen wenige Wehrpflichtige, auf russischer fast gar keine—obwohl sich beide Länder in einem totalen Krieg befinden. Die Freiwilligen überwiegen.
Die Ukrainer wissen (oder glauben zu wissen), was ihnen droht, wenn sie verlieren, sie kämpfen aus Überzeugung, sonst wäre die ganze Sache längst zu Ende. Und der durchschnittliche russische Frontsoldat ist ein ausgesprochener Söldner, der dem Motto folgt: "Get rich or die tryin'." Das macht sich auch in der exorbitant hohen Selbstmordrate bemerkbar.

