Vor 6 Stunden
Allgemein:
Ich habe das Buch und kann es auch nur sehr empfehlen.
Ganz allgemein ist es unglaublich, dass wir noch existieren, wenn man sich ansieht was im Kalten Krieg alles fast schief gegangen wäre.
Ich stimme dem ausdrücklich zu, ABER: ich halte das vom Menschen an sich, so wie er nun mal ist, nicht auf Dauer aufrecht erhaltbar. Ich halte diese zwingende Notwendigkeit (!) für zu komplex, zu unbeherrschbar und nicht ausreichend sicher steuerbar.
Dieser Balanceakt kann daher meiner Überzeugung nach nicht langfristig aufrecht erhalten werden, höchstwahrscheinlich nicht einmal mittelfristig, theoretisch kann es sogar kurzfristig scheitern. Kurz und einfach: wir werden irgendwann bei diesem Drahtseilakt die Balance verlieren. Die Konsequenzen dieses Versagen werden aber untragbar sein.
Umgekehrt wird die globale nukleare Abrüstung niemals stattfinden, obwohl sie eigentlich die einzige rationale Schlussfolgerung daraus wäre. Gerade eben weil der Mensch irrational ist, weil die Regierenden weltweit mehrheitlich Inkompetent und/oder Psychisch Krank sind (im Sinne von Psychopathie etc.) und weil die Menschen die "Erfolgsgeschichte" des Kalten Krieges zu einem religiösen Dogma erhoben haben.
muck:
Und schon sind wir bei Glaubenssätzen und bloßen Annahmen. Und vor allem der Annahme, dass zumindest bedingt rationale Systeme, die von Personen mit hohem Eigentinteresse gesteuert werden keine völlig falschen Eregebnisse erzeugen können - weil es ja gegen ihre eigenen Interessen laufen würde.
Genau diesen Punkt stelle ich vor allen anderen in Frage: auch wenn alle hochegoistisch sind, rein materialistisch und selbst dann wenn sie alle keinen Atomkrieg wollen und alles eigentlich daran setzen diesen zu vermeiden, selbst dann kann gerade eben ein rein rationales System dass von materiellen Eigentinteressen geleitet ist den Atomkrieg herbei führen.
Die Ironie an der atomaren Abschreckung ist ja gerade eben, dass rein rationale Kausalketten trotzdem den Atomrkrieg herbei zwingen können.
Spezifisch zu Putin als Primus Inter Pares des St. Petersburger Zirkels sei noch angemerkt, dass er Alt ist, von zunehmend schlechter Gesundheit und dass die Nachfolge und Machtübergabe nicht klar und krisensicher geregelt sind und man sich mit dem Krieg einen Haufen nationalistischer Extremisten gezüchtet hat die an die Macht wollen.
Das ist zwar für die Zeit seiner Machtübernahme richtig (auch wenn damals der Tschetschenienkrieg gleichauf ein wesentliches Motiv war - Stichwort Honor Imperiii), aber was die Mehrheit der Bevölkerung will ist in Russland viel weniger relevant als was radikale Minderheiten wollen, die über die notwendigen Gewaltmittel verfügen.
Im übrigen bauen immer noch viele Russen Kartoffeln an um über die Runden zu kommen. Die wirtschaftliche Verbesserung betrifft primär die großen Städte, diese sind aber nicht Russland. Das ist der entscheidendste Denkfehler, Moskau und St. Petersburg et al mit Russland gleichzusetzen. Moskowiter wird nicht umsonst in Sibirien mit einer gewissen Bedeutung als Begriff verwendet.
Wenn man in Sibirien einfache Russen fragt warum sie Putin unterstützen und warum Putin überhaupt an die Macht kam ist die Antwort nicht die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, sondern es überwiegt gerade eben der Honor Imperii (Tschetschenienkrieg).
Dann ist zu bedenken, dass Russland heute und das Russland zur Zeit der Machtübernahme verschieden sind, sogar sehr verschieden. Putin hat seit seiner Machtübernahme zum Machterhalt und zur Absicherung seiner Pfründe allerlei rechtsextremistische Geister regelrecht gezüchtet, die er nun nicht mehr los wird. Und nur mühsam niederhalten bzw. einbinden kann.
Und dann ist zu bedenken, dass Putin empirisch "gelernt" hat, dass ständige Kriege für ihn förderlich sind. Von Tschetschenien über Georgien (!) über Syrien bis hin zur Ukraine, hat er immer wieder zu Krieg gegriffen, um damit seine Pfründe und die Existenz der Kleptokratie abzusichern.
Das Problem der Kleptokratie in Russland ist, dass es einen ständigen Druck von Rechts gibt, und die Kleptokratie wesentlich instabiler und gefährdeter ist, als es den Anschein hat. Denn einfache Russen verzeihen praktisch alles, außer Schwäche oder auch nur dem Anschein von Schwäche.
Sein Regime hat auf ökonomischen Druck immer empfindlicher reagiert als auf militärische Bedrohungen.
Und das ist im Kontext von Atomwaffen und einem Krieg mit uns dahingehend ein Problem, dass Nuklearwaffen die Kriseninstabilität erhöhen und im Kontext eines Krieges einer Atommacht gegen eine andere Atommacht dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges steigt.
Der Grundgedanke stimmt, jedoch respektiert Moskau vor allem anderen konventionelle Stärke. Denn nach aktueller russischer Auffassung sind Atomwaffen nicht einsetzbare Waffen (es gibt jede Menge russische Militärliteratur dazu) weshalb es möglich ist konventionell Krieg zu führen, ohne dass Atomwaffen eingesetzt werden, und dies selbst gegen eine Atommacht (!) Die Schlussfolgerung der Russen ist nämlich, dass man auch Atommächte konventionell massiv angreifen kann, wenn diese konventionell schwach sind.
VOR jeder eigenen atomaren Bewaffnung muss man daher ZUERST konventionell unangreifbar sein. Denn ansonsten werden die Russen trotzdem angreifen. Wenn aber beide Seiten dann Atomwaffen haben, so erhöht dies die Kriseninstabilität erheblich.
Eigene Atomwaffen ergeben daher gegenüber Russland nur dann Sinn, wenn man diese in einer Position der konventionellen Unbesiegbarkeit hat. Und diese muss zugleich so aufgestellt und konzipiert sein, dass sie keinen Zugriff für einen taktischen nuklearen Erstschlag bietet. Deshalb sind die aktuellen Konzepte der NATO ja auch teilweise genau falsch bzw. kontraproduktiv (mechanisierte Großkampfverbände etc.)
Und das sehe ich ebenso, würde es aber noch ergänzen um eine weitere Stufe, in welcher ich mit konventionellen Angriffen die russischen Eliten mit als Ziel habe. Wenn die russischen Milliardäre etc gesichert wüssten, dass sie und ihre Familien und ihr persönliches privates (!) Eigentum vernichtet werden, dann würden sie entsprechend Einfluss nehmen dass es nicht dazu kommt. Relevant wäre hier der Angriff auf das private Eigentum, weil Raffinerien etc in ihrem Besitz ihrer Logik nach einfach nachersetzt werden können, indem man erneut Staat und Gesellschaft bestiehlt. Die reagieren auf den Verlust einer Villa mit Kunstwerken mehr als auf den Verlust einer Raffinerie.
Das schafft zudem noch weitere Eskalationsstufen die man einziehen kann. Beispielsweise die Verhaftung und Arretierung der Anteile der russischen Eliten und insbesondere ihrer Kinder welche sich in Europa aufhalten als (in Wahrheit) Geiseln. Und die vollständige Beschlagnahme ihres Eigentums im Ausland.
Exakt. In dieser russischen Besonderheit, der Annahme dass man einen konventionellen Krieg gegen eine Atommacht führen kann, liegt aber in Wahrheit das entscheidende Problem (!) Denn führen beide Seiten erst einmal Krieg und haben beide Seiten dann Atomwaffen, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges, weil es die Kriseninstabilität drastisch erhöht. Kurz und einfach: der Denkfehler der Russen in diesem Kontext erzeugt ein immenses Risiko für den globalen Atomkrieg.
Also muss vor allem anderen jedweder konventionelle Angriff abgeschreckt werden ! Nur wenn wir mit konventioneller Abschreckung die Wahrscheinlichkeit eines konventionellen Angriffs der Russen weitestgehend verhindern können, erst dann machen eigene Atomwaffen Sinn.
Exakt. Sie muss meiner Auffassung nach sogar zuerst auf konventionellen Effektoren aufbauen. Zumal solche ohnehin notwendig sind, wenn man später dann Trägersysteme für eigene Atomwaffen benötigt.
Es gibt aber noch zwei Problemstellungen in dieser Strategie:
In dem Moment, in welchem man eigene Atomwaffen hat, führt der Einsatz solcher konventioneller Mittel schnell dazu, dass die Lage nuklear eskaliert weil man nicht unterscheiden kann ob ein konventioneller oder nukleare Angriff erfolgt und die Zeit- und Entscheidungsfenster zu kurz sind.
Die Strategie lässt außer Acht, dass die sonstigen Streitkräfte konventionell nicht besiegbaar sein müssen, wofür diese aber Strukturen brauchen, die mit taktischen Nuklearwaffen nicht so leicht greifbar sind wie die aktuellen Strukturen. Kurz und einfach: wir benötigen andere Land- und Luftstreitkräfte als die aktuellen und dazu auch sonst andere Sicherheitsstrukturen:
Genau das. Aber die konventionellen Streitkräfte müssen ebenfalls Teil dieses Konzeptes sein und eine Struktur haben, die zum einen nicht nuklear greifbar ist, und die zum anderen zugleich gegen die Hybride Kriegsführung et al einsetzbar ist. Kampfpanzer und Panzerjagdhubschrauber verteidigen keine Infrastruktur.
Nukleare Zweitschlagsfähigkeit ist zu undefiniert. Bevor man auch nur eine Atomwaffe baut, müsste man erstmal überhaupt eine präzise Doktrin dafür aufstellen. Was für Atomwaffen genau und mit welcher Zielsetzung genau?
Und da fangen die Probleme schon an: du schreibst Zitat: ....dass jeder Einsatz von Nuklearwaffen durch Russland .....in gleicher Münze.....
Da fangen die Probleme schon an. Die Russen zerschlagen also im Baltikum eine deutsche Brigade mit einer taktischen Nuklearwaffe. Dann setzen wir eine Atombombe gegen einen russischen Großkampfverband ein. Die Russen aber reagieren in ihrer Überforderung und Panik über und alles eskaliert ins Nirgendwo. Man landet bei einer solchen Tit for Tat Strategie bei Atomwaffen halt immer ganz schnell in Abwärtsspiralen aus denen dann keiner mehr aussteigen kann und dies selbst dann nicht, wenn keiner der Beteiligten Akteure dies eigentlich will.
Es macht eben nicht Sinn, auf jeden Einsatz einer Atomwaffe selbst eine Atomwaffe einzusetzen. Insbesondere nicht auf gleichartige und gleichwertige Weise (!)
Denn zukünftige russische Machthaber werden die Idee haben, die jetzt schon in Russland vorherrschend ist, dass ein solcher gleichwertiger taktischer Abtausch für sie gewinnbar ist.
Begründung: wenn die Russen nur ganz wenige Atomwaffen einsetzen, und dies primär taktisch, und wir tun exakt das gleiche, dann stecken die Russen dies gesamt gesehen besser weg als wir. Das heißt bei einem genau gleichen Einsatz verlieren wir, und zwar deswegen, weil Russland es aushält ein oder zwei Atomwaffen zu nehmen, während wir es nicht aushalten. Diese Annahme ist in Russland übrigens weit verbreitet.
Wenn wir aber nicht gleichwertig und gleichartig reagieren, dann eskaliert es viel zu schnell in unkontrollierbare Spiralen die dann niemand mehr einfangen kann.
Meine wichtigste These daher zum Schluss:
Der Gedanke des Tit for Tat führt in einem Atomkrieg mit Russland dazu, dass Russland einen begrenzten Atomkrieg führen und gewinnen kann bzw. erhöht die Wahrscheinlichkeit dass Russland dies annimmt gewinnen zu können. Tit for Tat erhöht also die Wahrscheinlichkeit des Atomwaffeneinsatzes.
Und damit kommen wir zum entscheidenden Fehler des Abschreckungsgedankens: 1. bei einer Tit for Tat Doktrin würden die Russen (berechtigt) davon ausgehen, dass sie einen begrenzten Atomkrieg führen können und dass sie diesen gewinnen würden - dem folgend würde die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes steigen.
2. Wenn wir dann weiterhin nur Tit for Tat machen, verlieren wir insgesamt gesehen. Die Ironie ist, dass dies die Kriegswahrscheinlichkeit mit Russland drastisch erhöht, weil die Russen ihre konventionelle Schwäche genau deshalb dann mit taktischen Nuklearangriffen kompensieren könnten. Wir würden damit also unsere konventionelle Stärke negieren. Die russische Militärdoktrin sieht im Krieg ohnehin sehr leichtfertig den taktischen Atomwaffeneinsatz vor. Eine Tit for Tat Zweitschlagsdoktrin führt also zu einer größeren Kriseninstabilität, einer größeren Kriegswahrscheinlichkeit und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für den Einsatz von Atomwaffen.
3. Dies kann nur dadurch negiert werden, wenn man auf einen Atomwaffeneinsatz der Russen mit einem deutlich größeren eigenen Einsatz antwortet. Hier aber entstehen zwei Problemstellungen: 3.1. es ist unglaubwürdig dass die Bundesrepublik für den taktischen Einsatz einer Bombe mit Übermaß reagiert und Hunderttausende oder Millionen Unschuldiger ermordet. Diese Abschreckung ist also unglaubwürdig und schreckt daher nicht ab bzw. nicht so gut ab - 3.2. dies zöge wiederum nukleare Reaktionen nach sich die dann in nicht mehr einfangbaren Spiralen enden und auch deshalb ist diese Abschreckung durch übermaß unglaubwürdig und funktioniert daher nicht.
Das ist es, was ich immer mit Selbstmörderische Abschreckung meine !
Es ist nicht glaubwürdig auf einen begrenzten Angriff hin Selbstmord zu begehen. Daher funktioniert die selbstmörderische Abschreckung nicht.
Es ist glaubwürdig, dass man mit Tit for Tat reagiert, dies aber führt zu einer erhöhten Kriegswahrscheinlichkeit weil es die Russen stärkt und weil Russland einen solchen Krieg gewinnen könnte.
Was tun? Die brennende Frage:
Wir benötigen zuvorderst konventionelle Strukturen, die in einem begrenzten Atomkrieg kampffähig bleiben und die verhindern, dass Russland mit einem begrenzten Atomkrieg konventionell gewinnt. Wir benötigen auch die gesellschaftlichen und technischen Strukturen dazu.
Und erst dann und nur dann, macht eine Zweitschlagskapazität Tit for Tat Sinn. Wir benötigen also als Grundvoraussetzung für eigene Atomwaffen komplett andere Streitkräfte, eine andere Infrastruktur und eine andere Gesellschaft. Ansonsten würden Atomwaffen nur ein erhöhtes Risiko darstellen und keinerlei Lösung.
Ich habe das Buch und kann es auch nur sehr empfehlen.
Ganz allgemein ist es unglaublich, dass wir noch existieren, wenn man sich ansieht was im Kalten Krieg alles fast schief gegangen wäre.
Zitat: strategische Ambiguität und Unberechenbarkeit sind nicht gleichbedeutend. Der Gegner sollte nicht jeden meiner Schritte vorausahnen können, sonst wird er zu kühn, er darf mich aber auch nicht für komplett unberechenbar halten, sonst wird er paranoid.
Ich stimme dem ausdrücklich zu, ABER: ich halte das vom Menschen an sich, so wie er nun mal ist, nicht auf Dauer aufrecht erhaltbar. Ich halte diese zwingende Notwendigkeit (!) für zu komplex, zu unbeherrschbar und nicht ausreichend sicher steuerbar.
Dieser Balanceakt kann daher meiner Überzeugung nach nicht langfristig aufrecht erhalten werden, höchstwahrscheinlich nicht einmal mittelfristig, theoretisch kann es sogar kurzfristig scheitern. Kurz und einfach: wir werden irgendwann bei diesem Drahtseilakt die Balance verlieren. Die Konsequenzen dieses Versagen werden aber untragbar sein.
Umgekehrt wird die globale nukleare Abrüstung niemals stattfinden, obwohl sie eigentlich die einzige rationale Schlussfolgerung daraus wäre. Gerade eben weil der Mensch irrational ist, weil die Regierenden weltweit mehrheitlich Inkompetent und/oder Psychisch Krank sind (im Sinne von Psychopathie etc.) und weil die Menschen die "Erfolgsgeschichte" des Kalten Krieges zu einem religiösen Dogma erhoben haben.
muck:
Zitat:Im Übrigen müssen allgemeine Annahmen über das Prinzip der Abschreckung zu Russlands besonderen Begebenheiten angepasst werden.
Zitat:Wer solche Reichtümer anhäuft, hat kein gesteigertes Interesse daran, als Aschehäufchen zu enden. Das trifft insbesondere auf Wladimir Putin zu, von dem allgemein bekannt ist, wie sehr er sich um seine Gesundheit sorgt.
Und schon sind wir bei Glaubenssätzen und bloßen Annahmen. Und vor allem der Annahme, dass zumindest bedingt rationale Systeme, die von Personen mit hohem Eigentinteresse gesteuert werden keine völlig falschen Eregebnisse erzeugen können - weil es ja gegen ihre eigenen Interessen laufen würde.
Genau diesen Punkt stelle ich vor allen anderen in Frage: auch wenn alle hochegoistisch sind, rein materialistisch und selbst dann wenn sie alle keinen Atomkrieg wollen und alles eigentlich daran setzen diesen zu vermeiden, selbst dann kann gerade eben ein rein rationales System dass von materiellen Eigentinteressen geleitet ist den Atomkrieg herbei führen.
Die Ironie an der atomaren Abschreckung ist ja gerade eben, dass rein rationale Kausalketten trotzdem den Atomrkrieg herbei zwingen können.
Spezifisch zu Putin als Primus Inter Pares des St. Petersburger Zirkels sei noch angemerkt, dass er Alt ist, von zunehmend schlechter Gesundheit und dass die Nachfolge und Machtübergabe nicht klar und krisensicher geregelt sind und man sich mit dem Krieg einen Haufen nationalistischer Extremisten gezüchtet hat die an die Macht wollen.
Zitat:Der russische Gesellschaftsvertrag beruht auf Gehorsam im Austausch von Stabilität.
Putin ist als derjenige an die Macht gekommen, der die Zeit beendete, in der Durchschnittsrussen Kartoffeln anbauen mussten, um über die Runden zu kommen. Er weiß genau, dass allein große wirtschaftliche Verwerfungen in Russland selbst sein System zu Fall bringen könnten, weswegen er bspw. auch die allgemeine Mobilmachung vermeidet, obwohl sie seiner Rhetorik nach längst geboten wäre.
Sein Regime hat auf ökonomischen Druck immer empfindlicher reagiert als auf militärische Bedrohungen.
Das ist zwar für die Zeit seiner Machtübernahme richtig (auch wenn damals der Tschetschenienkrieg gleichauf ein wesentliches Motiv war - Stichwort Honor Imperiii), aber was die Mehrheit der Bevölkerung will ist in Russland viel weniger relevant als was radikale Minderheiten wollen, die über die notwendigen Gewaltmittel verfügen.
Im übrigen bauen immer noch viele Russen Kartoffeln an um über die Runden zu kommen. Die wirtschaftliche Verbesserung betrifft primär die großen Städte, diese sind aber nicht Russland. Das ist der entscheidendste Denkfehler, Moskau und St. Petersburg et al mit Russland gleichzusetzen. Moskowiter wird nicht umsonst in Sibirien mit einer gewissen Bedeutung als Begriff verwendet.
Wenn man in Sibirien einfache Russen fragt warum sie Putin unterstützen und warum Putin überhaupt an die Macht kam ist die Antwort nicht die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, sondern es überwiegt gerade eben der Honor Imperii (Tschetschenienkrieg).
Dann ist zu bedenken, dass Russland heute und das Russland zur Zeit der Machtübernahme verschieden sind, sogar sehr verschieden. Putin hat seit seiner Machtübernahme zum Machterhalt und zur Absicherung seiner Pfründe allerlei rechtsextremistische Geister regelrecht gezüchtet, die er nun nicht mehr los wird. Und nur mühsam niederhalten bzw. einbinden kann.
Und dann ist zu bedenken, dass Putin empirisch "gelernt" hat, dass ständige Kriege für ihn förderlich sind. Von Tschetschenien über Georgien (!) über Syrien bis hin zur Ukraine, hat er immer wieder zu Krieg gegriffen, um damit seine Pfründe und die Existenz der Kleptokratie abzusichern.
Das Problem der Kleptokratie in Russland ist, dass es einen ständigen Druck von Rechts gibt, und die Kleptokratie wesentlich instabiler und gefährdeter ist, als es den Anschein hat. Denn einfache Russen verzeihen praktisch alles, außer Schwäche oder auch nur dem Anschein von Schwäche.
Sein Regime hat auf ökonomischen Druck immer empfindlicher reagiert als auf militärische Bedrohungen.
Zitat:Es hat jedoch auf ökonomische Probleme mehrheitlich mit militärischen Aktionen reagiert.
Und das ist im Kontext von Atomwaffen und einem Krieg mit uns dahingehend ein Problem, dass Nuklearwaffen die Kriseninstabilität erhöhen und im Kontext eines Krieges einer Atommacht gegen eine andere Atommacht dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges steigt.
Zitat:Moskau respektiert nur Stärke—im Sinne eines Willens zur Machtprojektion, nicht der theoretischen Möglichkeit dazu. Es kommt also nicht auf die Zahl der Sprengköpfe an, sondern auf die Entschlossenheit der jeweiligen Entscheidungsträger.
Der Grundgedanke stimmt, jedoch respektiert Moskau vor allem anderen konventionelle Stärke. Denn nach aktueller russischer Auffassung sind Atomwaffen nicht einsetzbare Waffen (es gibt jede Menge russische Militärliteratur dazu) weshalb es möglich ist konventionell Krieg zu führen, ohne dass Atomwaffen eingesetzt werden, und dies selbst gegen eine Atommacht (!) Die Schlussfolgerung der Russen ist nämlich, dass man auch Atommächte konventionell massiv angreifen kann, wenn diese konventionell schwach sind.
VOR jeder eigenen atomaren Bewaffnung muss man daher ZUERST konventionell unangreifbar sein. Denn ansonsten werden die Russen trotzdem angreifen. Wenn aber beide Seiten dann Atomwaffen haben, so erhöht dies die Kriseninstabilität erheblich.
Eigene Atomwaffen ergeben daher gegenüber Russland nur dann Sinn, wenn man diese in einer Position der konventionellen Unbesiegbarkeit hat. Und diese muss zugleich so aufgestellt und konzipiert sein, dass sie keinen Zugriff für einen taktischen nuklearen Erstschlag bietet. Deshalb sind die aktuellen Konzepte der NATO ja auch teilweise genau falsch bzw. kontraproduktiv (mechanisierte Großkampfverbände etc.)
Zitat:Hauptziel einer europäischen oder deutschen Abschreckungsstrategie muss die russische Wirtschaft sein.
Eine solche Abschreckungsstrategie kann also durchaus auch auf konventionellen Effektoren aufbauen.
Und das sehe ich ebenso, würde es aber noch ergänzen um eine weitere Stufe, in welcher ich mit konventionellen Angriffen die russischen Eliten mit als Ziel habe. Wenn die russischen Milliardäre etc gesichert wüssten, dass sie und ihre Familien und ihr persönliches privates (!) Eigentum vernichtet werden, dann würden sie entsprechend Einfluss nehmen dass es nicht dazu kommt. Relevant wäre hier der Angriff auf das private Eigentum, weil Raffinerien etc in ihrem Besitz ihrer Logik nach einfach nachersetzt werden können, indem man erneut Staat und Gesellschaft bestiehlt. Die reagieren auf den Verlust einer Villa mit Kunstwerken mehr als auf den Verlust einer Raffinerie.
Das schafft zudem noch weitere Eskalationsstufen die man einziehen kann. Beispielsweise die Verhaftung und Arretierung der Anteile der russischen Eliten und insbesondere ihrer Kinder welche sich in Europa aufhalten als (in Wahrheit) Geiseln. Und die vollständige Beschlagnahme ihres Eigentums im Ausland.
Zitat:Eine nukleare Eskalation ist im Falle eines offenen bewaffneten Konflikts mit Russland nicht zwingend.
Man sollte Ausbildung und Sozialisierung der russischen Entscheidungsträger berücksichtigen. Es ist bekannt, dass der Warschauer Pakt seit den 1980ern davon ausging, einen Landkrieg gegen die NATO führen und gewinnen zu können, ohne dass es zum atomaren Schlagabtausch käme.
Exakt. In dieser russischen Besonderheit, der Annahme dass man einen konventionellen Krieg gegen eine Atommacht führen kann, liegt aber in Wahrheit das entscheidende Problem (!) Denn führen beide Seiten erst einmal Krieg und haben beide Seiten dann Atomwaffen, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges, weil es die Kriseninstabilität drastisch erhöht. Kurz und einfach: der Denkfehler der Russen in diesem Kontext erzeugt ein immenses Risiko für den globalen Atomkrieg.
Also muss vor allem anderen jedweder konventionelle Angriff abgeschreckt werden ! Nur wenn wir mit konventioneller Abschreckung die Wahrscheinlichkeit eines konventionellen Angriffs der Russen weitestgehend verhindern können, erst dann machen eigene Atomwaffen Sinn.
Zitat:Eine solche Abschreckungsstrategie kann also durchaus auch auf konventionellen Effektoren aufbauen.
Exakt. Sie muss meiner Auffassung nach sogar zuerst auf konventionellen Effektoren aufbauen. Zumal solche ohnehin notwendig sind, wenn man später dann Trägersysteme für eigene Atomwaffen benötigt.
Es gibt aber noch zwei Problemstellungen in dieser Strategie:
In dem Moment, in welchem man eigene Atomwaffen hat, führt der Einsatz solcher konventioneller Mittel schnell dazu, dass die Lage nuklear eskaliert weil man nicht unterscheiden kann ob ein konventioneller oder nukleare Angriff erfolgt und die Zeit- und Entscheidungsfenster zu kurz sind.
Die Strategie lässt außer Acht, dass die sonstigen Streitkräfte konventionell nicht besiegbaar sein müssen, wofür diese aber Strukturen brauchen, die mit taktischen Nuklearwaffen nicht so leicht greifbar sind wie die aktuellen Strukturen. Kurz und einfach: wir benötigen andere Land- und Luftstreitkräfte als die aktuellen und dazu auch sonst andere Sicherheitsstrukturen:
Zitat:Außerdem muss die Infrastruktur des Landes endlich gehärtet werden, damit nicht ein paar Saboteure oder Hacker erreichen können, was ansonsten hunderte Luftangriffe kosten würde.
Genau das. Aber die konventionellen Streitkräfte müssen ebenfalls Teil dieses Konzeptes sein und eine Struktur haben, die zum einen nicht nuklear greifbar ist, und die zum anderen zugleich gegen die Hybride Kriegsführung et al einsetzbar ist. Kampfpanzer und Panzerjagdhubschrauber verteidigen keine Infrastruktur.
Zitat:Wir brauchen eine nukleare Zweitschlagfähigkeit. Wie die nun realisiert wird, ist weniger wichtig, als dass Moskau fest überzeugt ist, dass jeder Einsatz von Nuklearwaffen durch Russland eine Antwort in gleicher Münze nach sich zieht.
Nukleare Zweitschlagsfähigkeit ist zu undefiniert. Bevor man auch nur eine Atomwaffe baut, müsste man erstmal überhaupt eine präzise Doktrin dafür aufstellen. Was für Atomwaffen genau und mit welcher Zielsetzung genau?
Und da fangen die Probleme schon an: du schreibst Zitat: ....dass jeder Einsatz von Nuklearwaffen durch Russland .....in gleicher Münze.....
Da fangen die Probleme schon an. Die Russen zerschlagen also im Baltikum eine deutsche Brigade mit einer taktischen Nuklearwaffe. Dann setzen wir eine Atombombe gegen einen russischen Großkampfverband ein. Die Russen aber reagieren in ihrer Überforderung und Panik über und alles eskaliert ins Nirgendwo. Man landet bei einer solchen Tit for Tat Strategie bei Atomwaffen halt immer ganz schnell in Abwärtsspiralen aus denen dann keiner mehr aussteigen kann und dies selbst dann nicht, wenn keiner der Beteiligten Akteure dies eigentlich will.
Es macht eben nicht Sinn, auf jeden Einsatz einer Atomwaffe selbst eine Atomwaffe einzusetzen. Insbesondere nicht auf gleichartige und gleichwertige Weise (!)
Denn zukünftige russische Machthaber werden die Idee haben, die jetzt schon in Russland vorherrschend ist, dass ein solcher gleichwertiger taktischer Abtausch für sie gewinnbar ist.
Begründung: wenn die Russen nur ganz wenige Atomwaffen einsetzen, und dies primär taktisch, und wir tun exakt das gleiche, dann stecken die Russen dies gesamt gesehen besser weg als wir. Das heißt bei einem genau gleichen Einsatz verlieren wir, und zwar deswegen, weil Russland es aushält ein oder zwei Atomwaffen zu nehmen, während wir es nicht aushalten. Diese Annahme ist in Russland übrigens weit verbreitet.
Wenn wir aber nicht gleichwertig und gleichartig reagieren, dann eskaliert es viel zu schnell in unkontrollierbare Spiralen die dann niemand mehr einfangen kann.
Meine wichtigste These daher zum Schluss:
Der Gedanke des Tit for Tat führt in einem Atomkrieg mit Russland dazu, dass Russland einen begrenzten Atomkrieg führen und gewinnen kann bzw. erhöht die Wahrscheinlichkeit dass Russland dies annimmt gewinnen zu können. Tit for Tat erhöht also die Wahrscheinlichkeit des Atomwaffeneinsatzes.
Und damit kommen wir zum entscheidenden Fehler des Abschreckungsgedankens: 1. bei einer Tit for Tat Doktrin würden die Russen (berechtigt) davon ausgehen, dass sie einen begrenzten Atomkrieg führen können und dass sie diesen gewinnen würden - dem folgend würde die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes steigen.
2. Wenn wir dann weiterhin nur Tit for Tat machen, verlieren wir insgesamt gesehen. Die Ironie ist, dass dies die Kriegswahrscheinlichkeit mit Russland drastisch erhöht, weil die Russen ihre konventionelle Schwäche genau deshalb dann mit taktischen Nuklearangriffen kompensieren könnten. Wir würden damit also unsere konventionelle Stärke negieren. Die russische Militärdoktrin sieht im Krieg ohnehin sehr leichtfertig den taktischen Atomwaffeneinsatz vor. Eine Tit for Tat Zweitschlagsdoktrin führt also zu einer größeren Kriseninstabilität, einer größeren Kriegswahrscheinlichkeit und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für den Einsatz von Atomwaffen.
3. Dies kann nur dadurch negiert werden, wenn man auf einen Atomwaffeneinsatz der Russen mit einem deutlich größeren eigenen Einsatz antwortet. Hier aber entstehen zwei Problemstellungen: 3.1. es ist unglaubwürdig dass die Bundesrepublik für den taktischen Einsatz einer Bombe mit Übermaß reagiert und Hunderttausende oder Millionen Unschuldiger ermordet. Diese Abschreckung ist also unglaubwürdig und schreckt daher nicht ab bzw. nicht so gut ab - 3.2. dies zöge wiederum nukleare Reaktionen nach sich die dann in nicht mehr einfangbaren Spiralen enden und auch deshalb ist diese Abschreckung durch übermaß unglaubwürdig und funktioniert daher nicht.
Das ist es, was ich immer mit Selbstmörderische Abschreckung meine !
Es ist nicht glaubwürdig auf einen begrenzten Angriff hin Selbstmord zu begehen. Daher funktioniert die selbstmörderische Abschreckung nicht.
Es ist glaubwürdig, dass man mit Tit for Tat reagiert, dies aber führt zu einer erhöhten Kriegswahrscheinlichkeit weil es die Russen stärkt und weil Russland einen solchen Krieg gewinnen könnte.
Was tun? Die brennende Frage:
Wir benötigen zuvorderst konventionelle Strukturen, die in einem begrenzten Atomkrieg kampffähig bleiben und die verhindern, dass Russland mit einem begrenzten Atomkrieg konventionell gewinnt. Wir benötigen auch die gesellschaftlichen und technischen Strukturen dazu.
Und erst dann und nur dann, macht eine Zweitschlagskapazität Tit for Tat Sinn. Wir benötigen also als Grundvoraussetzung für eigene Atomwaffen komplett andere Streitkräfte, eine andere Infrastruktur und eine andere Gesellschaft. Ansonsten würden Atomwaffen nur ein erhöhtes Risiko darstellen und keinerlei Lösung.
