Deutsche Kolonien
#94
Allein schon das Bild "hungriger Kopfjäger" ist derart überkommenes rassistisches Denken des 19 Jahrhundert dass es einfach nur noch amüsant ist.

Tatsächlich gab es in Afrika gerade bei Stämmen mit einer niedrigen Entwicklungsstufe zwar einzelfallweise Kannibalismus, dies jedoch gerade bei solchen Völkern fast immer aus rein kultischen Gründen.

Es gab in Schwarzafrika jedoch einzelfallweise durchaus Kannibalismus nur zum Zweck der Fleischgewinnung und des Essen, dies aber gerade eben nicht bei den "Primitiven", sondern begrenzt auf einige wenige der "fortschrittlicheren" Völker, die teilweise schon länger in Kontakt mit den Europäern waren. Desweiteren spezifisch im Gebiet von Belgisch Kongo, wo im übrigen der Kolonialismus eben nichts (!) gegen den Kannibalismus mancher Gruppen dort unternahm.

Und das macht Belgisch Kongo zu einem besonders interessanten Beispiel in diesem Diskurs, wo der Kolonialismus ja so segensreich gewesen sein soll, weil er zumindest den Kannibalismus verdrängte. In Belgisch Kongo war dies in keinster Weise der Fall und man ließ den Kannibalismus der Einheimischen komplett unangerührt. Erst nach der Unabhängigkeit wurde der Kannibalismus dann von der neuen Regierung massiv bekämpft und schließlich (weitestgehend) unterdrückt.

Wie lime es zudem so richtig betont war (und ist) Kannibalisimus in Afrika oft eine Form von Kriegsführung bzw. Rache. In diesem Kontext ist es beispielsweise bemerkenswert, dass gewisse Gruppen nicht selbst Kannibalismus betrieben, sondern unterworfene Feinde, Kriegsgefangene usw. dazu zwangen gegen ihren Willen Kannibalismus zu betreiben. Solche Fälle gibt es selbst heute noch im Süd-Sudan.

Wir können also hier mehrere verschiedene Formen unterscheiden:

Aus kultischen / religiösen Gründen - dies mehr bei "primitiven" Stämmen
Tatsächlich zur Nahrungsgewinnung - dies primär im Gebiet des heutigen Nigeria und im Kongo
Als Mittel der Kriegsführung, insbesondere in der Sonderform des erzwungenen Kannibalismus - dies insbesondere im Sudan und Ostafrika
Sowie aus medizinischen Gründen - dies relativ weit verbreitet

Zum letztgenannten sollte man noch anmerken, dass in Europa beispielsweise noch erstaunlich lange Zeit Teile von Mumien als Medizin verkauft und eingenommen wurden, im vollen Wissen darum dass es sich um Leichenteile handelt. Im weiteren wenn man als Europäer hier die ach so großartige europäische Überlegenheit hochhält sollte man mal realisieren, dass früher mit Leichenteilen von Hingerichteten ein regelrechter Handel getrieben wurde, aus medizinisch-magischen Denken heraus.

Medizinischer Kannibalismus war gerade in Deutschland im 16 Jahrhundert weit verbreitet, und erreichte um 1600 herum einen regelrechten Höhepunkt. In Deutschland (!) in dieser Zeit kam die Bevölkerung mit ihren Kranken und Siechen zu Hinrichtungen und bezahlte den Scharfrichter dafür, sich vom Blut des Hingerichteten eine Tasse oder Schale füllen zu dürfen, und dann trank man dieses menschliche Blut. Und noch bis ins 18 Jahrhundert hinein wurde in Deutschland menschliches Fett aus medizinischen Gründen konsumiert oder äußerlich aufgetragen und es bestand eine so hohe Nachfrage danach, dass man sie mit den Hinrichtungen gar nicht decken konnte und deshalb es sogar witzigerweise immer wieder Fälschungsdelikte deswegen gab.

Nun urteilt man also heute, dass der Kolonialismus gut war, weil den Kannibalismus in Afrika eindämmte. Was bereits damals im 19 Jahrhundert eine der üblichen Legitimationen war. Jedoch (!) zum einen waren die Europäer noch bis ins 18 Jahrhundert nicht so viel besser in diesem Aspekt als der Gros der Afrikaner und zum anderen wurde ironischerweise gerade in den Gebieten in Afrika in denen es wirklich massiven Kannibalismus gab dieser von den Kolonialmächten eben nicht bekämpft, sondern bestand dort weiter, wobei das absurdeste Beispiel der Kongo ist.

Das größte Ausmaß aber hatte der Kannibalismus nicht mal im Kongo, sondern im Gebiet des heutigen Nigeria. Und auch hier unternahm die Kolonialmacht erstaunlich wenig dagegen. Noch vor den Europäern bzw. parallel zur Kolonialherrschaft war es im Norden Nigerias primär der sich ausbreitende Islam, welcher dort den Kannibalismus zurück drängte (und analog im Süden das zunehmende Christentum).

Zum Schluss noch was zu deutschen Kolonien: von den Kolonialmächten war das Deutsche Reich tatsächlich das, welches am schärfsten auf solche Vorfälle reagierte. Im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten welche solche Praktiken in Wahrheit oft ignorierten oder im Fall des Kongo sogar aktiv benutzten (beispielsweise um die eigenen einheimischen Truppen dadurch zu ernähren). In Ostkamerun löschten deutsche Truppen beispielsweise 1910 mehrere Dörfer und Gruppen der Maka deswegen aus als Berichte über Kannibalismus bei diesen bestätigt wurden. Zwar war man zu dieser Zeit ohnehin im Krieg mit den Maka (1906 bis 1910) und ging ohnehin mit extremer Gewalt gegen diese vor. Nach dem aber Kannibalismus bei diesem Feind tatsächlich nachgewiesen wurde, vernichtete man die betroffenen Dörfer einfach vollständig und tötete sämtliche Frauen, Kinder, alte Menschen usw. ohne Ausnahme und zwar genau mit der Begründung, dass es sich um Kannibalen handele und diese damit jedes Lebensrecht verwirkt hätten.

Das Deutsche Reich wich auch sonst von anderen Kolonialmächten dahingehend ab, dass Übergriffe und Verbrechen von deutschen Kolonialtruppen und Kolonialbeamten die in anderen Kolonialmächten nicht einmal berichtet worden wären in Deutschland öffentliche Skandale waren die durchaus Folgen für die Beteiligten hatten (wenn auch meist geringe, aber immerhin)

Das unterschied Deutsche Kolonien deutlich von denen der Franzosen, Briten usw. wo vergleichbare Übergriffe als ganz normaler Teil des Kolonialismus gesehen wurden (von Extremen wie dem Kongo fang ich hier gar nicht erst an). Diese sogenannten Kolonial-Skandale sind heute in Deutschland praktisch völlig unbekannt, haben aber immerhin inzwischen sogar mal einen zusammenfassenden Wiki-Artikel, welchen ich der Einfachheit halber hier mal einstelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kolonialskandal

Das sind so einige Vorfälle, die heute völlig aus dem Geschichtsbewusstsein verschwunden sind und die teilweise regelrecht kurios sind, so beispielsweise der Fall Rechenberg:

https://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_von_Rechenberg
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