Deutsche Kolonien
#89
@Quintus
Zitat:Was mir als erstes an deinen Ausführungen auffällt ist, wie undifferenziert du einfach alles in einen Topf wirfst.

Weil es also im Südsudan Stämme gab welche aus rein kultischen Gründen Kannibalismus betrieben, war es gerechtfertigt ungefähr ein Drittel der Zivilbevölkerung Algeriens zu vernichten ?!
Wobei ich das so nicht gesagt hatte: Ich schrieb, dass Kannibalismus und andere grausame Riten ausgerottet wurden, was von den unterworfenen Völkern dann oftmals dankbar und stillschweigend zur Kenntnis genommen wurde, betonte aber zugleich, dass natürlich auch seitens der Europäer Grausamkeiten begangen wurden. Eine Relativierung stand hier nicht im Raum.
Zitat:Aber dafür erhielten die Algerier dann einen Hafen.....als ob Algier nicht schon lange vor den Franzosen eine bedeutende Hafenstadt war.
Wobei Algier, und auch andere Häfen Nordafrikas, etwa Alexandria, Tripolis oder Tunis, jetzt keine klassischen Beispiele sein können hinsichtlich der Diskussion um die Folgen des Kolonialismus. Diese Häfen waren schon in der Antike bekannt und gewichtig und haben im Grunde mit der Unterwerfung Afrikas relativ wenig am Hut. Algier wurde von den Franzosen z. B. erst um 1830 eingenommen und diente dann als Basis für ein weiteres Ausgreifen.
Zitat:Aber deshalb gab es deiner Ansicht nach anscheinend weder die Bibliothek vom Timbuktu noch trieb das Reich von Simbabwe Handel mit den Chinesen.
Das sagte ich nicht. Aber z. B. die Schriften in Timbuktu waren zu 95% Ergebnisse der Durchdringung Nordwestafrikas durch den Islam. Fast alle dortigen Schriften gehen auf islamische Gelehrte oder Wissenschaftler zurück, nicht auf afrikanische. Und Simbabwe bzw. Großsimbabwe trieb von sich aus keinen nennenswerten Handel. Dass es einen Austausch mit China gab, lag an arabischen Händlern, die in Ostafrika Handelsplätze begründeten und von dort aus den Handel nach China aufbauten. (Wobei auch das nicht genau stimmt, die arabischen Händler tauschten den Großteil der Waren in Südostasien ein, etwa in Malakka, und von dort aus übernahmen chinesische und andere asiatische Händler.)
Zitat:Der zweite Vorwurf den ich dir machen muss ist, dass du bloße Technologie als Errungenschaft höher gewichtest als alles andere und Kultur und Zivilisation für dich Schulen, Eisenbahn und Häfen bedeuten, als hätte es in Afrika keine Schulen und Häfen gegeben und als hätten die Europäer schon immer Eisenbahnen gehabt. Worin aber liegt der Unterschied im zivilisatorischen Wert zwischen Europäischen und Afrikanischen Kulturen !? Deine Leugnung der Hochkultur in Afrika, weil die Afrikaner querschnittlich dann im 19 Jahrhundert den Europäern rein technologisch weiter hinterherhingen, ist allzu typisch für die Apologeten des Kolonialismus. Kultur ist aber ungleich Technologie.
Dieses Schema ist doch aber nicht neu? Es gab Phasen, da waren andere Kulturkreise fortschrittlicher als die Europäer. Man könnte China benennen, oder auch die Hochphase des Islam nach oder um die erste Jahrtausendwende, wo dessen Universalgelehrte die Erkenntnisse der Antike aufbewahrten, die sonst im Abendland vermutlich so nicht überliefert geblieben wären. Und bzgl. Afrika war es eben so, dass die Europäer, nach schweren inneren Auseinandersetzungen im Rahmen von Reformation und Aufklärung, sich ihren Weg in die Welt suchten, und dieser führte dann zu Entdeckungen, zu Eroberung, zu Handel und später auch Industrialisierung und technischem Fortschritt, während Afrika mehr oder minder in sich verharrte. Und der technologische Fortschritt hat dann auch wiederum neue Horizonte ermöglicht, die zuvor sonst so nicht berührt hätten werden können.
Zitat:Der dritte Aspekt ist deine Behauptung, dass alle Afrikaner heute für jeden aktuellen Missstand den Kolonialismus verantwortlich machen würden. Tatsächlich aber ist dies ein Narrativ der Propaganda dass vor allem von den korrupten von Europa aus geförderten Regimen und Regierungen betrieben wird und dass gerade von diesen, unseren Handlangern von oben künstlich aufoktroyiert wird.
Diesen Vorwurf hört man aber nicht nur bei korrupten Autokraten in Afrika, sondern auch bei gebildeten Personen (Wissenschaftler, Journalisten), sowohl in als auch außerhalb Afrikas, selbst in der historischen Forschung stolpert man zwangsläufig über ihn.
Zitat:Als ob die Staaten und leistungsfähigeren Völker dort nicht auch ohne genozidalen Massenmord mit Hilfe europäischer Unternehmen nicht auch von selbst Eisenbahnen und moderne Medizin hätten übernehmen können.
Also einerseits ging nicht alles, was die Europäer veranstaltet haben, mit genozidalem Massenmord einher, hier gibt es auch bei näherem Hinsehen nur eine Handvoll Ereignisse, die man so charakterisieren muss, sondern andererseits wäre zugleich die Frage, wie denn die Afrikaner die Modernität hätten abgreifen sollen? Über Handel? Über eigene Entdeckungen? Gar über Eroberung? Ist eher unwahrscheinlich, denn ein Ausgreifen aus Afrika hinaus fand nur in sehr geringem Umfang statt, quasi gar nicht, man verharrte in sich, und Berührungspunkte mit äußeren Einflüssen gab es zwar, aber aus dem nahöstlich-asiatischen Raum kam hier vergleichsweise wenig. Blieben also nur wieder die Europäer übrig.
Zitat:Es ist geradezu absurd in der Gegenwart immer noch eine solche Auffassung zu vernehmen, laut welcher die Afrikaner (ja welche denn?!) nicht in der Lage gewesen wären ohne Angriffskriege der Europäer und die gewaltsame Eroberung ihrer Länder moderne Technologie zu übernehmen und dass sie heute aufgrund der gleichen durch blanken Rassismus antizipierten "Unterlegenheit" diese nicht aufrecht erhalten können.
Aber sie hatten doch genügend Zeit. Zur Erinnerung: Die ersten Europäer, die Portugiesen, tasteten sich im Verlauf des späten 15. Jahrhunderts die Westküste Afrikas hinab. Um kurz vor 1500 umsegelten sie dann Südafrika auf der Suche nach dem Weg nach Indien. Dennoch blieben etwa 90% von Afrika (und Schwarzafrika sowieso) bis in die 1870er Jahre hinein von den Europäern unberührt, die große Aufteilung geschah dann erst danach bzw. bis 1914 war der Kontinent aufgeteilt. Fast 400 Jahre lang, während in Europa man sich weiterentwickelte, hätten die afrikanischen Könige und Reiche so denn Zeit gehabt zu sehen und zu erkennen, was sich entwickelt. Aber man verharrte im Status Quo und war dann heillos unterlegen, als dann schließlich Dampfschiff und Maxim-MG auftauchten.
Zitat:Beschließend ist es meine These, dass die Auswirkungen des Kolonialismus überschätzt werden.
Darauf will ich ja eigentlich auch hinaus, aber ich glaube, aus einem anderen Blickwinkel. Wink

Schneemann
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