Deutsche Kolonien
#88
Exakt. Die Technologie hätte sich auch so verbreitet, ohne genozidale Eroberungskriege. Und viele afrikanische Länder stünden heute nicht anders, und manche sogar besser dar, wenn es die Eroberungskriege nicht gegeben hätte. Denn dann wäre man mit einer viel besseren demographischen, sozialkulturellen und gesellschaftlichen Basis in die Moderne eingetreten. Stattdessen führten die Zerstörungen der Kolonialzeit dazu, dass die Übernahme der Moderne teilweise sogar erschwert wurde !

muck:

Im übrigen ist es völlig an der Sache vorbei, den technologischen Stand am oberen Kongo zu nennen und dadurch zu implizieren, ganz Afrika habe sich auf diesem Stand befunden, was du hier indirekt tust.

Ich will es aber mal an zwei konkreten Beispielen illustrieren:

Äthiopien und Buganda.

Beides keine muslimischen Länder, beides sehr alte Staaten, beides Kaiserreiche, beides Staaten mit einem straff regierten Kerngebiet und einer ausfransenden Peripherie von beherrschten Stämmen und sehr uneinheitlichem technologischen Niveau, beide den Europäern gegenüber prinzipiell aufgeschlossen.

Äthiopien wurde erst sehr spät, schlussendlich eigentlich schon zum Ende der Kolonialzeit von Italien erobert. Für den verheerenden Krieg der Italiener gegen die Äthiopier gab es keinerlei der von Schneemann und dir hier so hochgehaltenen "Segnungen" der "Zivilisation" - sprich Technologie. Die Äthiopier erhielten also keine Technologie dafür dass man ihre Zivilbevölkerung mit chemischen Waffen angriff.

Buganda hingegen wurde erstaunlich friedlich und organisch ins britische Empire integriert wobei die lokalen Eliten sich de facto mit den Briten verbündeten, mit alle den "Segnungen" der "Zivilisation", also Eisenbahn, Krankenhäuser, Schulen, etc. Buganda ist weitestgehend das heutige Uganda.

Wir haben also zwei strukturell sehr ähnliche afrikanische Reiche, wobei das eine keine Vorteile aus dem Versuch seiner Kolonisierung hatte (Äthiopien) und mit einem verheerenden Krieg überzogen wurde, während das andere ohne Krieg zu einer Kolonie wurde, und von den Briten sehr weitgehende Technologietransfers erhielt (Uganda).

Dennoch stehen heute beide Länder in keinster Weise auf einem völlig unterschiedlichen technologischen Niveau und verlief die Entwicklung für Uganda nicht schneller oder besser.

Nur ein Beispiel von vielen, aber meiner Meinung nach besonders illustrativ.

Allgemein:

Was in Bezug auf Schwarzafrika am wenigsten verstanden wird ist die Frage der Demographie und der Bevölkerungsdichte. Ein wesentlicher Grund warum Europa technologisch wegzog im Vergleich zu Afrika war, dass in Europa sehr viel mehr Menschen auf sehr viel kleinerem Raum lebten.

Es gab einen Zeitpunkt (!) zu Beginn der Kolonialzeit wo es genau so viele Franzosen in Frankreich gab, wie Schwarzafrikaner in Afrika. Um 1800 herum hatte Afrika insgesamt vermutlich zwischen 45 und 60 Mio Einwohner (genaue Zahlen sind hier nur extrem schwer herleitbar). Zum gleichen Zeitpunkt betrug die Bevölkerung Europas bereits über 200 Mio wovon der Gros in Westeuropa konzentriert war, auf viel kleinerem, geographisch viel günstigerem Raum, ohne die Krankheiten, die Hitze und die ungünstigen Umweltbedingungen insgesamt.

Technologischer Fortschritt ist im weiteren eine Frage der funktionalen Notwendigkeit der Umstände. Die Herero benötigten keine Schmalspurbahn welche die Deutschen dann kurz vor 1900 dort errichteten. Weil sie für ihre Umstände vollkommen sinnfrei war. Der Vorteil dieser Schmalspurbahn für das heutige Namibia war gleich 0. Die Schäden welche die Herero erlitten im Vergleich zu den nicht vorhandenen Vorteilen besagter Bahn für die Entwicklung des Landes insgesamt weit überproportional. Zwar nur ein Fall (von vielen) aber durchaus illustrativ dafür, dass man den Technologietransfer als "Vorteil" des Kolonialismus falsch einschätzt.

muck:

Noch ein Punkt: da du explizit folgendes geschrieben hast:

Zitat:Nicht einmal das Malireich zum Zeitalter seiner größten Blüte stand auf derselben Entwicklungsstufe wie die zeitgenössischen europäischen Reiche.

Das Manden Kurufa war ein Staat des Hoch- bis Spätmittelalters und war sehr wohl auf derselben Entwicklungsstufe wie der Gros der zeitgenössischen europäischen Reiche. Sowohl Kulturell als auch Technologisch und um es mit nur einem Beispiel besonders plakativ zu umreißen: die Universitäten im Manden Kurufa waren älter als die Unversität Heidelberg. Ein Musterbeispiel dafür, wie eurozentrisch die Sichtweise der Weltgeschichte ist.

Die viel interessantere Frage ist, warum solche afrikanischen Staaten dann wieder untergingen. Zumal mal in Bezug auf das Manden Kurufa ja den europäischen Einfluss als Negativfaktor ausschließen kann. Hochinteressant fand ich immer, dass das Malireich den europäischen Feudalstaaten sehr ähnlich war und ebenfalls vor allem auf Kavallerie aufbaute, was nur dadurch möglich war, dass während der Hochzeit dieses Reiches die Tsetsefliege aufgrund klimatischer Besonderheiten (lange Zeit andauerende Trockenphasen) die Pferdebestände nicht derart dezimieren konnte wie sie es dann später tat.
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