18.01.2026, 13:52
(18.01.2026, 12:55)Schneemann schrieb: ...Für diese Diskussion hast Du mich offenbar gerade rechtzeitig in das Forum (zurück) geholt. Tatsächlich bin ich da völlig anderer Auffassung.
Ich hatte es schon mal umrissen: Die Zeit der Multipolarität neigt sich dem Ende zu. Seit Ende des Kalten Krieges haben sich die Westmächte, gerade auch die Europäer, zurückgezogen in einen Kreis aus Abrüstung, Multikulturalität, hedonistischem Globalisierungsstreben und der irrigen Meinung, dass sich die Demokratie als Selbstläufer schon überall durchsetzen und die Zeit der Blockkonfrontationen vorbei sein wird.
Es war eine der gravierendsten Fehleinschätzungen der letzten 80 Jahre. Im Windschatten dieses ignoranten Gedankenexperimentes haben sich neue autokratische Pole herausgebildet, die nicht nur die Demokratie oft massiv ablehnen, sondern die auch die einstmals viel gepriesenen UN zum Nachteil primär des Westens missbrauchen (oder lähmen), die einen extremen nationalistischen Kurs fahren, dazu zählt auch Indien, und die das Modell der westlichen Hemisphäre oftmals sogar als überholt belächeln.
Das wird eben nun allmählich ein Ende haben. Es ist nur die Frage, wann und wie es eintritt. Insofern: Ich denke, was ich auch schon mal geschrieben hatte, dass das 21. Jahrhundert eher ein westliches als ein chinesisches wird.
Schneemann
1.
Die Ursache für den Zusammenbruch der dominanten westlichen Stellung war nicht die Hoffnung auf irgendeine Demokratisierung in irgendwelchen Weltteilen (wobei der Westen ja die undemokratischen Despoten akzeptiert hat, die auf seiner Seite waren), sondern schlicht eine Überforderung - die nicht mehr aufrecht erhalten werden musste, nachdem die UdSSR und der Warschauer Pakt als "globale Gegner" zusammen gebrochen, sprich, in den wirtschaftlichen Ruin gerüstet waren.
2.
In der Folge erhoffte man sich (Stichwort: Friedensdividende) vermehrt wirtschaftlichen Wohlstand, ohne diesen durch weitere Rüstungsausgaben zu belasten. Die Frage, ob etwa lateinamerikanische Staaten jetzt durch rechtsgerichtete (Militär-)Despoten oder demokratisch gewählte Präsidenten regiert wurden, waren völlig irrelevant. Hauptsache, das waren keine Kommunisten - aber der Kommunismus war ja nach Gorbatschow und der Auflösung der UdSSR unter Jelzin ohnehin "tot".
3.
Die Lockerung - sprich, der Wegfall des gemeinsamen Gegners - hat Zentrifugalkräfte frei gesetzt, die mehr und mehr auf die Besinnung auf die - und Stärkung der eigenen - nationalen oder regionalen Bedürfnisse ausgelegt waren. Und die letztendlich zu eigenen regionalen Machtkonzentrationen geführt haben:
Ich nehme mal - im Uhrzeigersinn - diese Machtblöcke der Reihe nach:
= Lateinamerika um das Zentrum Brasilien wächst in die Unabhängigkeit von den USA,
= die USA versuchen, sich an ihren Status als Supermacht zu klammern,
= die EU wächst aus dem Schatten der USA in eine immer stärkere unabhängige Rolle,
= Russland versucht eine Restauration der alten Sowjetmacht,
= China erhebt sich aus dem Schatten der untergegangenen Sowjetunion und wird zur dominanten Macht Ostasiens und zur asiatischen Konkurrenz der USA,
= Japan und Südkorea (mit Taiwan) versuchen, ihre Unabhängigkeit von China zu bewahren, und finden dabei in den USA einen "natürlichen Verbündeten"
= Südostasien wächst unter dem Titel "ASEAN" zu einer eigenständigen Wirtschaftsmacht nach dem Muster der EU - in Abgrenzung bzw. Gratwanderung zwischen China, Indien und Australien;
= Australien und Neuseeland bilden einen eigenständigen Machtblock im südlichen Pazifik, der sich eng an die USA anlehnt,
= Indien versucht, zur dominanten Regionalmacht Südasiens aufzusteigen
= der Iran wird eine eigenständige Regionalmacht mit Hegemonialansprüchen über Afghanistan bis Tadschikistan
= die turksprachigen Staaten Zentralasiens versuchen. sich mit Hilfe der Türkei (Turan) aus der Dominanz von Russland im Norden und einem ausgreifenden China im Osten zu befreien,
= die arabische Liga versucht zunehmend, die Gemeinsamkeiten zu stärken und ein eigenständiger regionaler Block (auch nach dem Vorbild der EU) zu werden;
= Südafrika entwickelt seine Vormachtstellung im südlichen Afrika, verbündet sich dabei mit Mächten ausserhalb der Region (BRICS) und übernimmt eine regionale Führungsrolle im Kreis der Bantu-sprachigen afrikanischen Nationen.
4.
Der Versuch von GröPaZ, die alte Vormachtstellung der USA (MAGA) wieder her zu stellen, geht zu Lasten aller anderen der gerade skizzierten regionalen und immer selbstbewusster werdenden Mächte.
Es ist ein ganz natürlicher Vorgang - ein Hegemon, der seine Vormachtstellung verliert, wird immer versuchen, diese zu erhalten oder sogar zurück zu gewinnen. Genauso handelt Putin ja in der Ukraine.
Aber dieser Versuch negiert die Gründe, die zum Verlust der Vormachtstellung geführt haben und ignoriert die Stärke, die den ehemaligen Satelliten durch die bereits erfolgten Machtverluste der Hegemonialmacht zugewachsen sind.
Was man schon vorher nicht halten konnte, lässt sich nur mit viel größerem Aufwand wieder zurück gewinnen.
Er ist daher strukturell zum Scheitern verurteilt, auch wenn eine punktuelle Zusammenarbeit immer wieder vorkommen wird.
