Deutsche Kolonien
#80
@Quintus
Zitat:Benenn mal bitte die von dir hier postulierten Kannibalen-Stämme welche durch die ach so tollen Segnungen der Europäer, insbesondere die Maxim MG zu Bahnhöfen, Krankenhäusern, Bildung und Kultur bekehrt wurden ?!
Bekehrt wurden sie nicht, das hatte ich aber auch so nicht gesagt, sondern ich schrieb davon, dass sie mehr oder minder ausgerottet wurden.

Wie ich da darauf gekommen bin: Ich lese aktuell das (fragmentarische) Tagebuch von Richard Kandt. Einem recht unbekannten deutschen Afrikaforscher, der leider neben den anderen Geschichten um den deutschen Kolonialismus bzw. den deutschen Beitrag bei der Durchdringung Afrikas - oder auch neben Namen wie Rohlfs, Nachtigal, Götzen oder auch Lüderitz - etwas in die Vergessenheit geraten ist. Kandt war in den Jahren 1897 bis 1907 aktiv und erforschte das nordwestliche Deutsch-Ostafrika, speziell auch die heutigen Staaten Burundi und Ruanda.

Es war nicht nur Kandt, der die Quellen des Nils fand, sondern er beschrieb auch sehr genau die dortigen Ethnien. Und hierbei, um den Bogen zu schlagen, berichtete er auch von kannibalischen Stämmen wie bspw. den Watembo oder den Wahunde. In seinem Tagebuch finden sich sogar Beschreibungen, wie die "Zubereitungsarten" dieser Stämme aussahen. Und zugleich beschrieb er, wie die anderen Volkschaften in der Region durchaus froh waren, als diese Praktiken ausgelöscht wurden. (Wobei man dazu sagen muss, dass diese Praktiken im Grunde nie ganz verschwunden bzw. ausgerottet worden sind; auch heute noch finden sich im östlichen Kongo noch genügend gruselige Berichte über Kannibalismus.)

Letztlich war das Auftreten der Europäer insofern durchaus, wenn auch begrenzt segnungsreich. Zumindest in diesem Kontext. Denn die Völker dieser Region frönten zwar teils dem Kannibalismus, jedoch wurde seitens der Afrikaner erstaunlicherweise sehr wenig dagegen unternommen. Es hatte, so Kandt, beinahe den Anschein, als wenn diese düsteren Praktiken als obskure, abergläubische und fast notwendige okkulte Handlungen phlegmatisch hingenommen wurden. Dennoch waren die übrigen Stämme danach froh, dass diese Praktiken von den Europäern zurückgedrängt wurden.
Zitat:Insgesamt betrachtet ja. Insbesondere der Verlust an Sprachen, Bildung und Kulturen weltweit war gigantisch.
Das denke ich eher weniger. Gerade in Afrika gab es zwar auch Kulturen, aber es gab keine klassischen Überlieferungen schriftlicher Natur. Vieles wurde von Generation zu Generation lediglich mündlich weitergereicht. Diese oralen Erzählungen überstanden jedoch nicht nur innerafrikanische Eroberungszüge, die teils blutrünstiger waren als jene der Europäer, sondern auch die kolonialen Ambitionen der Europäer. Hinzu kommt, dass die europäische Eroberung Afrikas nur sehr kurz andauerte - eben nur grob 100 Jahre (wenn man a) die Durchdringung Afrikas nach 1830 bzw. 1850 oder gar erst den Berliner Kongress 1878 im Rahmen des scramble for africa und b) die großen Unabhängigkeitsbewegungen bzw. Entkolonialisierungswellen der 1960er Jahre als Eckpunkte heranzieht) -, was eigentlich eine sehr geringe Zeitspanne in der afrikanischen Geschichte bedeutet. Die afrikanischen Überlieferungen waren ja deutlich älter und wurden durch diese temporären europäischen Eroberungen nur bedingt mitbeeinflusst.

Gleichwohl neigen die Afrikaner teils dazu, jede eigene Unfähigkeit, jede aktuelle politische Unbilde und jeden Missstand oder internen Konflikt, den ehemaligen europäischen Kolonialmächten zuzuschustern, weil man so auch die Eigenverantwortlichkeit der Gegenwart entkommen kann.
Zitat:Aber dafür bekamen sie ja Bahnhöfe, Häfen, Bergwerke usw. die wir natürlich ganz selbstlos für die Menschen dort errichteten und nicht für unsere eigenen Zwecke.
Diese Infrastruktur diente zur Kolonialzeit natürlich den Interessen der Kolonialmächte. Keine Frage. Aber nachdem die Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen worden waren, blieb diese Infrastruktur ja bestehen. So lange es keine massiven Kolonialkriege gab, war diese von den Europäern errichtete Infrastruktur ein tragender Pfeiler der frisch unabhängig gewordenen Staaten. Die gebauten Bahnlinien und Häfen, ebenso wie die Schulen, Impf- oder Krankenstationen, wurden nahtlos übernommen. Ohne sie wären diese nachkolonialen Staaten noch mehr im Elend verharrt.

Schneemann
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