VAR - Vereinigte Arabische Emirate
#16
Wenn die Botschaft der Emirate kein Echo findet, bedeutet dies das Ende der Abraham-Abkommen.
OLJ (französisch)
Der Politologe Abdulkhaleq Abdulla aus Dubai, nicht-residierender Forscher an der Harvard University, zieht nach den Drohungen Abu Dhabis gegenüber Israel Bilanz.
Interview von Noura DOUKHI, 3. September 2025 um 19:14 Uhr
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Ein Palästinenser betrachtet die israelischen Flaggen, die über einem Haus gehisst sind, das von israelischen Siedlern in der Altstadt von Hebron im Westjordanland besetzt wurde, am 3. September 2025. Mussa Qawasma/Reuters

Die Warnung ist beispiellos. Kurz vor dem fünften Jahrestag der Abraham-Abkommen, die am 15. September 2020 zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Israel unterzeichnet wurden, verschärft Abu Dhabi seinen Ton. „Die Annexion (von Gebieten) im Westjordanland wäre eine rote Linie“ für die Golfmonarchie, drohte Lana Nusseibeh, stellvertretende Ministerin für politische Angelegenheiten im Außenministerium der VAE, und warnte sogar, dass die Annexion „den Geist der Abkommen “, die die Beziehungen zwischen den beiden Ländern normalisiert haben.

Diese Stellungnahme kommt zu einem Zeitpunkt, da laut mehreren israelischen Quellen die Regierungskoalition kürzlich über diese Frage diskutiert haben soll, als Vergeltungsmaßnahme für die erwartete Anerkennung des Staates Palästina durch mehrere Länder. Eine entsprechende Ankündigung soll auf der Konferenz zur Zwei-Staaten-Lösung erfolgen, die unter dem gemeinsamen Vorsitz des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und des saudischen Kronprinzen Mohammad bin Salman (MBS) am 22. September im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York stattfinden soll.

„Von Anfang an haben wir die (Abraham-)Abkommen als ein Mittel betrachtet, um das palästinensische Volk und sein legitimes Streben nach einem unabhängigen Staat weiterhin zu unterstützen. Das war unsere Position im Jahr 2020, und daran hat sich bis heute nichts geändert“, betonte Lana Nusseibeh und forderte die israelische Regierung auf, alle diesbezüglichen Pläne auszusetzen.

Der Politologe aus Dubai und nicht-residente Forscher an der Harvard University, Abdulkhaleq Abdulla, der der Regierung nahesteht und die Abraham-Abkommen kritisiert, fasst die Lage zusammen.

Inwiefern sind die jüngsten Erklärungen der Vereinigten Arabischen Emirate beispiellos?
In den fast fünf Jahren der Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel habe ich noch nie eine direktere und klarere Drohung aus Abu Dhabi gehört als die heutige. Das ist eindeutig die schärfste Sprache, die die Emirate jemals gegenüber Israel verwendet haben.

Leider glaube ich nicht, dass sich Israel bedroht fühlen wird. Wir haben es in Israel mit einer sehr arroganten Regierung und einem sehr arroganten Premierminister zu tun. Letzterer ergreift Maßnahmen, die zu nichts führen, und verfolgt vermeintlich grandiose und historische Ideen, die nicht der heutigen Realität entsprechen. Vor dem Hintergrund einer solchen Regierung bin ich mir nicht sicher, ob die Botschaft der Emirate bei ihnen ankommen wird.

Glauben Sie, dass die Vereinigten Arabischen Emirate im Falle einer Annexion des Westjordanlandes so weit gehen werden, sich aus den Abraham-Abkommen zurückzuziehen?

Wenn die strenge Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate kein Echo findet, wird dies meiner Meinung nach das Ende der fünfjährigen Abraham-Abkommen bedeuten. In Wirklichkeit könnte dies das Ende jeglicher Normalisierung der Beziehungen bedeuten, nicht nur seitens der Vereinigten Arabischen Emirate, sondern auch seitens aller anderen arabischen Länder, die diplomatische Beziehungen zu Israel aufgenommen haben, das dann allein dastehen würde.

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Ich glaube sogar, dass sich die Vereinigten Arabischen Emirate nicht damit begnügen werden, sich aus den Abraham-Abkommen zurückzuziehen: Sie werden ihren Botschafter zurückrufen, ihre Botschaft schließen und die israelische Diplomatie auffordern, nicht mehr zurückzukehren. Sie werden alle Arten von Beziehungen beenden, die sich entwickelt haben, insbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Diplomatie, Verteidigung und Aufklärungszweck. All das steht auf dem Spiel.

Unabhängig von den Vorteilen dieser Beziehungen auf allen Ebenen können die Vereinigten Arabischen Emirate diese leicht hinter sich lassen, denn die Last, eine Beziehung zu Israel in all ihren Formen aufrechtzuerhalten, während das Land sich anschickt, Gebiete zu annektieren, wird für jedes arabische Land zu schwer zu tragen sein. Das ist es einfach nicht wert. Israel muss dies daher zur Kenntnis nehmen und eine Entscheidung treffen. Entweder es beendet die Annexion oder es trägt die Konsequenzen.

Seit Monaten wird die Annexion des Westjordanlands von Mitgliedern der israelischen Regierung offen diskutiert. Warum verschärft Abu Dhabi erst jetzt seinen Ton?

Wir beobachten mehrere Dinge vor Ort. Es handelt sich nicht mehr nur um Erklärungen, sondern um eine alarmierende Situation. Wir haben gesehen, wie sich die Annexion langsam, aber sicher abzeichnete. Und genau diese Entwicklungen beobachten die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Absicht Israels, das gesamte Westjordanland zu annektieren, ist nicht mehr nur Rhetorik, sondern wird Realität.

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Man muss sehen, dass die Unterstützung für Gaza in erster Linie moralischer und dann politischer Natur ist: Man unterstützt die Bevölkerung von Gaza moralisch, weil dort ein selbstmörderischer Krieg, ein Völkermord stattfindet. Im Westjordanland ist die Frage eher politischer als moralischer Natur. Sie hat direkte Auswirkungen auf die regionale Stabilität. Aus dieser Perspektive und angesichts dessen, was wir derzeit im Westjordanland sehen, ist Israel imperialistisch und völlig außer Kontrolle. Und kein Land, nicht nur die Vereinigten Arabischen Emirate, ist bereit, damit zu leben. Es sendet daher auch eine Botschaft an die Vereinigten Staaten, in der Hoffnung, dass Israel in seine Schranken gewiesen wird.
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#17
Zitat:KI statt Krieg: Fernab vom Nahostkonflikt wollen die Vereinigten Arabischen Emirate zur Technologiemacht werden
Die Stammesföderation investiert Milliarden in Zukunftstechnologien und lockt Start-Up-Gründer an den Golf.
...
so präsentieren sich die Emirate gerne
Zitat:...Doch von der Politik im Nahen Osten kann sich das Land nicht ganz befreien.
...
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#18
Über den Bau- und Immobilienboom in den VAR berichtet das Handelsblatt:
Zitat:...
Welche Anziehungskraft die Vereinigten Arabischen Emirate und insbesondere deren größte Stadt Dubai auf Käufer aus dem Ausland ausüben, zeigt der bislang unveröffentlichte Marktbericht des Maklerhauses Engel & Völkers, der dem Handelsblatt vorab vorliegt. Demnach sind 2025 rund 176.000 Menschen nach Dubai gezogen. Die Kaufpreise für Wohnimmobilien sind allein in den vergangenen zwölf Monaten um zwölf Prozent gestiegen....
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#19
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran macht das ganze Geschäftsmodell der VAR, von Katar und Bahrain zunichte.
Solange die Kampfhandlungen andauern, macht die "Verkehrsdrehscheibe" erst einmal Pause. Und das ist keine kurze "Delle". Denn auch danach wäre die Region unsicher - die Kämpfe könnten jederzeit aufflammen.
Das führt zu einer enormen Belastung der Golf-Staaten:
Iran-Krieg trifft Dubai: Superreiche fliehen aus dem vermeintlich „sicheren Hafen“
(Kopie hier)
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#20
(03.09.2025, 19:55)voyageur schrieb: Wenn die Botschaft der Emirate kein Echo findet, bedeutet dies das Ende der Abraham-Abkommen.....
Der kombinierte Israel- /USA-Überfall auf den Iran bringt einiges in's Rollen. Die FR nimmt die Auswirkungen auf die VAR wortgleich in zwei Artikeln auf:
Zitat: „Der Golf, der aus dem Iran-Krieg hervorgehen wird, wird ein ganz anderer sein“, schreibt sie für den Thinktank „Atlantic Council“. Ihr zufolge seien die aktuellen Geschehnisse für alle Seiten eine Überraschung und ein unbeabsichtigter Effekt: Die Golfstaaten hätten sich wohl Schutz versprochen durch die USA. Das Gegenteil ist jetzt offenbar eingetreten. Sie spricht von „wahrgenommenen Risiken der Stationierung US-amerikanischer Militärbasen“; anders ausgedrückt, zieht Donald Trump Ärger an mit seiner aggressiven Außenpolitik und seiner permanenten Drohung, seine Verbündeten nach Belieben fallenzulassen.
Laut Eric Cortellessa bergen die außenpolitischen Manöver des US-Präsidenten außerordentliche Risiken für seine Verbündeten ...
und
Zitat: ...
Kollateralschaden des Iran-Krieges: „Gefahr, dass Israel für ihre Fortsetzung verantwortlich gemacht wird“

Eines jedenfalls stünde am Ende jedes Weges – das legt Allison Minor nahe: „Der Golf, der aus dem Iran-Krieg hervorgehen wird, wird ein ganz anderer sein“, schreibt sie für den Thinktank „Atlantic Council“. Ihr zufolge seien die aktuellen Geschehnisse für alle Seiten eine Überraschung und ein unbeabsichtigter Effekt: Die Golfstaaten hätten sich wohl Schutz versprochen durch die USA. Das Gegenteil ist jetzt offenbar eingetreten. Darauf würden sie reagieren müssen, was für Israel ebenfalls Folgen zeitige: Sie spricht von „wahrgenommenen Risiken der Stationierung US-amerikanischer Militärbasen“ – und von den Folgeschäden US-amerikanischen Handelns.

Anders ausgedrückt, zieht Donald Trump Ärger an mit seiner aggressiven Außenpolitik und seiner permanenten Drohung, seine Verbündeten nach Belieben fallenzulassen. Israel müsse unter Umständen damit rechnen, schlussendlich als Buhmann in der Region dazustehen. „Je länger die Offensive andauert – selbst wenn die Erfolge aus israelischer Sicht nur teilweise oder gar nicht mehr umkehrbar sind –, desto größer ist die Gefahr, dass Israel für ihre Fortsetzung verantwortlich gemacht wird, weil es die USA in ein unklares strategisches Abenteuer hineingezogen habe“ schreiben Shavit und Ben Sasson-Gordis. Die Autoren fürchten für Israel um dessen internationale Reputation genauso wie für die in den USA.

Ohrfeige für Trump durch den Iran: „Das Regime hat den US-Präsidenten schlichtweg ignoriert“
Laut der Washington Post hätten die USA und Israel durch das Ausschalten des bisherigen iranischen Oberhaupts Ali Khameneis kaum etwas gewonnen – möglicherweise hätten sie mit der gezielten Tötung sogar noch mehr Feuer an die Lunte gelegt, vermutet David Ignatius. Dass Khameneis Sohn Modschtaba Khamenei neuer Oberster Führer des Irans werden soll, wird für die beiden Aliierten unangenehm werden: „Der neue Führer ist ein Hardliner, der dem Korps der Islamischen Revolutionsgarden womöglich noch näher steht als sein Vater. Er ist kein Mann für Verhandlungen“, so Ignatius. Lissy Kaufmann erinnert daran, dass sich der Iran mit dessen Inthronisierung bereits über die vermeintliche Direktive Trumps hinweggesetzt habe.

Während oben am Himmel seine Kampfjets ihre Luftüberlegenheit ausspielten, erhielt der Kriegsherr am Boden eine schallende Ohrfeige: „Das Regime hat den US-Präsidenten schlichtweg ignoriert, der meinte, Motschtaba sei ein Leichtgewicht und inakzeptabel. Irans Außenminister Abbas Araghtschi erklärte mit einer Seelenruhe im amerikanischen Fernsehen, die Entscheidung sei nun mal Sache der Iraner“, kommentiert Kaufmann auf tagesschau.de.
...
„Die Wahl Modschtabas zeigt, dass das Regime und die Hardliner noch immer erstaunlich fest im Sattel sitzen.“ Das würde bedeuten, dass der Feldzug Trumps und des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in seinem primären Ziel gescheitert ist – zumindest vorerst. Was vor allem Israel in seiner geopolitisch prekären Situation belässt.
...
Diese Auswahl ist auch und gerade eine Macht- und Trotzreaktion der Iraner gegenüber den USA (und damit auch gegenüber dem lokalen Satelliten).

Ich kann mir vorstellen, dass damit das Ende der Gefolgschaft der Golf-Staaten gegenüber den USA beschleunigt wird.
Die Emirate (und Katar und Bahrain) haben schon bisher eine ausgleichende Politik gegenüber dem Iran verfolgt, angefangen von der gemeinsamen Ausbeutung von Gasfeldern im Golf und mit der Erkenntnis, beim Export durch die Straße von Hormuz auf das Wohlwollen des Iran angewiesen zu sein - bis hin zu einem tiefen Misstrauen gegenüber den stockkonservativen Wahabiten im übermächtigen Saudi-Arabien.
Die relative Freizügigkeit der Golf-Emirate steht in deutlichem Gegensatz zur Lebensführung der Saudis.

Die US-Stützpunkte wurden lediglich als "Sicherheitsgarantien" gesehen, sie dienten der Abschreckung vor einem möglichen Angriff.
Jetzt zeigt sich, dass alleine die Präsenz von US-Truppen ausreicht, um deren Stützpunkte und zumindest die unmittelbare Umgebung zur Zielscheibe zu machen.
Diese Stützpunkte bewirken also genau das Gegenteil von dem, was sich die Golfstaaten bis hinauf nach Kuwait und in den Irak eigentlich erhofft oder erwartet hatten.

Damit gehe ich sogar weiter: das kann ich mir nicht nur vorstellen, das wird sogar relativ schnell passieren:
Ich meine wirklich - damit beschleunigt sich das Ende der US-Präsenz am Golf. Aber was kommt danach?

Alleine werden sich die Golfstaaten kaum im Haifischbecken zwischen den Saudis und dem Iran bewegen wollen.
Ich weiß nicht, was oder wer anstelle der USA treten könnte.
Hat das Abraham-Abkommen noch eine Chance?
Erste Verbindungen zur Türkei im Norden, zu Pakistan und auch zu Indien sind aber auch schon geknüpft.
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#21
Aus dem Newsblog des Handelsblattes:
Zitat:10.03.2026 – 18:54 Uhr
Alisa Swoboda

Diplomaten: Treffen von Botschaftern aus Nato- und Golfstaaten
Botschafter aus den 32 Mitgliedstaaten der Nato haben Diplomaten zufolge vor, sich kommende Woche mit Amtskollegen aus den Golfstaaten zu treffen. Thema sollen demnach der Iran-Krieg und Spannungen in der Region sein. Erwartet würden zu den Gesprächen Vertreter aus Bahrain, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
ergänzend:
Zitat:Wie gefährlich das Raketen- und Drohnenprogramm ist, bekommen jetzt die Golfstaaten zu spüren. Doch die „Freunde Amerikas“ wollten diesen Krieg nicht. Und auch jetzt versuchen sie, sich herauszuhalten. Dass Trump nicht auf ihre Einwände gehört hat, kann das Vertrauen in die USA nachhaltig beschädigen. Schon jetzt gibt es Kritik. Wer sollte einem Präsidenten vertrauen, auf den man sich nicht verlassen kann?
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