(Allgemein) Atomare Bewaffnung Deutschlands?
ede144:

Zitat:Irgendwie glaube ich, du willst keine Feuerwehr weil wir ja einen baulichen Brandschutz haben und Feuerwehrleute Brandstifter sind.

Deine Sichtweise könnte man hingegen so betrachten: wir benötigen keinerlei Brandschutz weil es ja die Feuerwehr gibt. Aber ab wann ist die Feuerabwehr wegen fehlenden Brandschutzes überlastet? Ab wann hat sie zu viele Einsätze und zu viele Brände gleichzeitig und löscht dann den falschen Brand, mit geringem Sachschaden, während bei einem anderen Brand zu dem sie nicht mehr kommt hunderte Menschen lebendig verbrennen?

Atomwaffen müssen wie Brandbekämpfung auch ganzheitlicher gedacht werden.

Zitat:Plan für den Einsatz von Atombomben, brauchen wir so nicht, gibt es schon auf NATO Ebene.

Sollen wir also deiner Meinung nach unsere nationalen Atomwaffen der NATO unterstellen? Falls ja: warum und auf welche Weise konkret? Oder für unsere nationalen Atomwaffen 1 zu 1 die NATO Doktrin übernehmen indem wir diese exakt kopieren? Falls ja warum und wie soll das funktionieren?

Im übrigen geht es gar nicht darum was ich will, sondern um konkrete Szenarien:

Zitat:warum sollte Russland eine deutsche Stadt zerstören wollen? ........Erpressung.

Also gut. Russland will also mit der Androhung eine deutsche Stadt zu zerstören uns zu einem bestimmten Verhalten zwingen.

Und weiter? Wie genau ist es dazu gekommen? Aufgrund welcher Umstände? Was genau wollen die Russen? Und warum sollten sie die Stadt dann tatsächlich zerstören wenn wir uns weigern? Wie sieht die Kosten-Nutzen Rechnung für beide Seiten konkret aus? Welche Stadt eigentlich und warum genau diese? Mit was für einer Art von Nuklearwaffe? Mit was für einer Art von Einsatzweise dieser Waffe exakt? Und inwiefern würden eigene Atomwaffen das Geschehen dann überhaupt (noch) positiv beeinflussen können?

Welche Situation genau ist für die Russen so relevant, dass sie eine derartige Drohung aussprechen und tatsächlich real umsetzen wollen? Und wenn sie eine derartige Relevanz hat, dass sie solche Handlungen herbei zwingt, inwiefern lösen dann eigene Atomwaffen diese Situation? Denn dann handelt es sich offenkundig um existenzielle Probleme für die Russen. Oder wenn dem nicht so ist, und sie folglicherweise völlig irrational agieren, warum sollten dann eigene Atomwaffen einen völlig irrationalen Gegenüber abschrecken können?

Was genau wollen die Russen erprressen und warum und wie genau kam es überhaupt dazu ? Und wie wird diese Erpressung durch eigene nationale Atomwaffen verhindert ?
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Du bist mit Deiner Einstellung nahe an der Friedensbewegung damals, als die NATO die Nachrüstung mit Pershing 2 wegen der russischen SS20 durchgeführt hat. Atomwaffen sind leider im Arsenal, ihre Existenz kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Die Drohung von inakzeptablem Schaden, nicht hinnehmbaren Verlusten hält vom Einsatz von Atomwaffen ab. Das hat sehr lange funktioniert und wird weiter funktionieren. Nicht umsonst hat Japan nach dem Einsatz unmittelbar kapituliert.
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Ich bin so weit weg von jedweder Friedensbewegung wie ein Mensch überhaupt von einer Friedensbewegung weg sein kann.

Mein Eindruck ist stattdessen, dass ihr nicht wirklich versteht was ich eigentlich meine. Deine "Argumente" sind zudem nichts weiter als reine Glaubenssätze die ich jetzt schon mehrfach und detailliert wiederlegt habe.

Tatsächlich wird die Angst und Schwäche der meisten Menschen von den Eliten welche Atomwaffen aus ganz anderen Gründen wollen lediglich ausgenützt, indem man der Mehrheit der Bevölkerung die Nuklearwaffe als eine Deus ex Machina darstellt, wo es in Wahrheit mehr um die Machtgeilheit der Narzisten und Psychopathen geht als um den Schutz der Bevölkerung.

Aber statt mich ständig detailliert zu wiederholen: Selbstmörderische Abschreckung funktioniert nicht ausreichend sicher. Und der bloße blinde Glaube daran dass sie doch auf Dauer funktioniert, trägt nicht beliebig weiter.

Aber vielleicht möchtest du ja wenigstens mal ein konkretes Szenario beschreiben?

Und der ständige Verweis auf Japan ist auch so abstrus. Aber greifen wir ihn trotzdem auf: du implizierst also, dass Russland mit einem Atomwaffeneinsatz gegen eine deutsche Stadt droht - mit der Zielsetzung dass wir kapitulieren. Bedingungslose Kapitulation - sonst Atombombe auf Großstadt. Also gut. Dann beschreib doch mal bitte detailliert wie es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist? Wie die Russen Deutschland konkret besetzen wollen? Wie sie es halten wollen? Was die politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Auswirkungen sind? Wie sie mit ihren Streitkräften überhaupt hierher kommen? Wie sie diese dann hier versorgen wollen? Was für weitere nukleare Erpressungen hierzu nötig sind? - denn es würde ja nicht ansatzweise genügen hier dann nur Deutschland so zu bedrohen. Was dann die Reaktionen weltweit darauf wären ?! usw. usf. erklär doch mal wie es zu dieser Aufforderung zu kapitulieren kam?

Und dann erkläre dem folgend, warum der Besitz eigener Atomwaffen diese nukleare Erpressung gesichert verhindern sollte? Denn die Russen könnten erklären (da sie bei einer solchen nuklearen Erpressung gesichert irrationale Akteure sind), dass sie jeden Gegenschlag gegen ihren Erstangriff mit einem umfassenden vollständigen strategischen Atomkrieg beantworten. Und was erwiedert man dann auf eine solche Erpressung!? Worin sollte dann noch der Sinn der eigenen Atomwaffen liegen? In der bloßen Rache? Wenn aber alle Akteure rational sind, wie kam es überhaupt jemals zu einer solchen Situation? Entweder sind die Akteure rational, dann ist die Abschreckung nicht glaubhaft, oder sie sind irrational, dann ist die Abschreckung irrelevant.

Trau dich doch mal und beschreibe ein detailliertes Szenario ! Denn ansonsten posaunt ihr hier alle nur einfach irgendwelche quasi-religiösen Dogmen heraus.
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Allgemein:

Abschreckung funktioniert nur, wenn wir tatsächlich, also wirklich dazu bereit wären etwas zu tun, das uns keinen Nutzen bringt oder sogar den Schaden für uns noch vergrößert. Denn was hätten wir davon, als Sterbende noch möglichst viele andere Unschuldige mit in den Tod zu reißen? Der Zweitschlag hat keine Funktion mehr nach dem Erstschlag. Der Zweitschlag ist damit per se irrational und kann von einem tatsächlich rationalen Spieler nicht ausgeführt werden.

Um glaubwürdig abzuschrecken, muss man also dem Gegner verkaufen, dass man in einer Weise handeln wird, die irrational ist, sobald der Handlungsanlass tatsächlich eingetreten ist. Daher wächst paradoxerweise die Wirksamkeit der Abschreckung, je mehr man davon ausgeht dass der Gegner irrational ist bzw. je irrationaler er ist. Damit aber erhöht sich fortwährend das Risiko für das Eintreten des Handlungsanlasses.

Und damit zieht sich die ganze Idee am Ende selbst den Boden unter den Füßen weg. Denn wenn nicht mehr unterstellt werden kann, dass der Gegner ein rationaler Akteur ist, wird es auch fraglich, ob man voraussetzen darf, dass er seine eigene Vernichtung nicht in Kauf nehmen wird. Wenn wir aber diese Annahme nicht mehr machen können, wird es zwecklos, ihn mit dieser Vernichtung zu bedrohen.

Die Logik der Abschreckung ist deshalb in sich selbst instabil.

In diesem Kontext aber mal für euch eine kostengünstige und absolut glaubhafte nukleare Abschreckung spezifisch für die Bundesrepublik:

Wir bauen einfach mindestens 400 Wasserstoffbomben zu je 1 MT. Nach wissenschaftlichen Studien dürfte das ausreichend um einen nuklearen Winter auszulösen, der die Lebensmittelversorgung global kollabieren lassen würde und dessen Abwärtsspiralen und insbesondere dessen Auswirkungen auf Russland das Weiterleben im Gebiet der russischen Föderation verunmöglichen würden. Zur Sicherheit können wir ja noch ein paar Hundert mehr bauen.

Wir brauchen keine U-Boote, keine Trägersysteme, kein gar nichts, sondern verteilen die Wasserstoffbomben einfach so in unserem eigenen Land. Da die gesamte Infrastruktur für die Verbringung wegfällt, wird dies erstaunlich kostengünstig.

Und dann bieten wir folgende nukleare Abschreckung auf: sobald eine einzige russische Atombombe in unserem Land einschlägt, jagen wir alle Wasserstoffbomben auf einmal hoch und stürzen die gesamte Welt in einen nuklearen Winter womit Russland automatisch verloren hat.

Und folglicherweise kann Russland keine einzige Atombombe werfen, weil es glaubhaft abgeschreckt wird.

Und ja, dass ist genau so ernsthaft und genau so funktional wie die Idee einer Zweitschlagsfähigkeit auf einem U-Boot mit einigen wenigen Bomben, günstig, leichter bewerkstelligbar und absolut glaubhaft und absolut abschreckend. Wer für nukleare Abschreckung ist, der müsste diese Strategie genau so gutheißen wie jede andere Form der selbstmörderischen Abschreckung.
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Ich finde, dass es legitime Fragen und Argumente sind. Warum sollte RUS D erpressen? Zum Beispiel, um bestimmte Waffen nicht an die Ukraine zu liefern oder die Panzerbrigade 45 in den Kasernen zu belassen, anstatt das Baltikum zu verteidigen. Und ich glaube, dass BK Scholz von Putin nuklear bedroht worden ist, da ich mir anders nicht erklären kann, wie es in der SPD zu einem 180-Grad-Kurswechsel hinsichtlich der ach-so-bösen Raketenabwehr kommen konnte.
Grundsätzlich ist die Idee zur Form der nuklearen Abschreckung interessant, macht aber keinen Sinn und ist nicht glaubwürdig. Warum sollte man für eine Stadt die Menschheit vernichten? Eine skalierbare Zweitschlagfähigkeit ermöglicht hingegen noch andere Optionen, auch wenn es vielleicht am Ende auf das Gleiche hinausläuft.
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Zitat:Grundsätzlich ist die Idee zur Form der nuklearen Abschreckung interessant, macht aber keinen Sinn und ist nicht glaubwürdig. Warum sollte man für eine Stadt die Menschheit vernichten?

Weil dann der Logik der selbstmörderischen Abschreckung folgend niemand eine Stadt von uns vernichten kann. Weil er sich sonst selbst mit auslöscht = nukleare Abschreckung.

Diese Abschreckung wäre sogar noch wesentlich besser als jedwede U-Boote mit einer begrenzten Zweitschlagskapazität, weil sie vor allem anderen weder verhinderbar noch bekämpfbar wäre. Während man eine U-Boot gestützte Zweitschlagskapazitäte durchaus begrenzen und theoretisch sogar komplett ausschalten kann. Man kann sowohl die U-Boote vernichten (theoretisch) als auch die Raketen abfangen. Hingegen kann niemand den kollektiven Selbstmord durch die "Weltvernichtungsmaschine" aufhalten.

Zitat:Ich finde, dass es legitime Fragen und Argumente sind.

Natürlich sind sie legitim. Aber wer den genozidalen Massenmord verhindern will indem er glaubhaft danach genozidalen Massenmord begehen will, der muss dann halt auch die Gegenargumente aushalten. Insbesondere wenn es dann nicht mehr so schön abstrakt und theoretisch ist - sondern man mal ganz konkret darüber spricht was da eigentlich geplant wird.

Zitat:Warum sollte RUS D erpressen? Zum Beispiel, um bestimmte Waffen nicht an die Ukraine zu liefern oder die Panzerbrigade 45 in den Kasernen zu belassen, anstatt das Baltikum zu verteidigen.

Die Russen wären also tatsächlich glaubhaft bereit für eine bloße Panzerbrigade bereits den strategischen Atomkrieg zu riskieren? Sollte das real der Fall sein, so wären sie damit belegt vollständig irrationale Gegner und damit jede eigene nukleare Abschreckung sinnlos, weil sie nicht abschrecken würde.

Wer bereit ist die eigene vollständige Vernichtung zu riskieren nur für eine Panzerbrigade, der glaubt auch, dass wir ihn nicht vernichten werden, denn ansonsten würde er solche Forderungen erst gar nicht stellen. Das heißt, auch wenn wir eine nukleare Zweitschlagkapazität haben, könnte der Feind trotzdem ganz genau so drohen und was dann?

Wir haben also Atombomben aber der Feind droht trotzdem? Wie löst die nukleare Abschreckung die nukleare Erpressung einer anderen Atommacht? Die Antwort ist gar nicht. Sondern sobald das der Fall ist, entstehen Eskalationsprozesse die faktisch nicht mehr steuerbar und nicht mehr kontrollierbar sind.

Zitat:Eine skalierbare Zweitschlagfähigkeit ermöglicht hingegen noch andere Optionen, auch wenn es vielleicht am Ende auf das Gleiche hinausläuft.

Diese Optionen sind keine Option, denn wenn der Handlungsanlass eintritt, sind wir bereits bei zwei vollkommen irrationalen Akteuren. Womit sich jede auf rationalen Entscheidungen beruhende Abschreckung erledigt hat.

Es hat beispielsweise seine Gründe, warum Frankreich keine solche Skalierung in seiner Atomkriegsdoktrin hat dahingehend, dass die Franzosen beispielsweise nur strategische Waffen haben - und entsprechend für einen strategiscchen Zweitschlag aufgestellt sind.

Mein rein theoretisches Konzept einer Weltvernichtungsmaschine ist da nur die überspitzte logische Fortschreibung des gleichen Konzeptes.

Es gibt keine sinnvolle Skalierung wenn der Handlungsanlass eintritt, weil dann bereits jedwede Eskalationsdynamiken für Menschen unbeherrschbar werden.
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(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Ganz allgemein ist es unglaublich, dass wir noch existieren, wenn man sich ansieht was im Kalten Krieg alles fast schief gegangen wäre.
Persönlich sehe ich das genau andersherum. Denn jedes Fast-Schiefgegangen lässt sich glaubwürdig auch als Funktionieren der Mechanismen deuten, die eine nukleare Konfrontation verhindern können bzw. sollen. Und das umso mehr, wenn man dramatisierende Darstellungen korrigiert. Beispiel: Ohne Stanislaw Petrows Gewissenhaftigkeit und Pflichtbewusstsein herabwürdigen zu wollen, ist es einfach nicht wahr, dass er 1983 einen nuklearen Schlagabtausch zwischen den Supermächten im Alleingang verhindert hätte. Vielmehr entsprach Petrows Handeln seiner Ausbildung und der sowjetischen Nukleardoktrin.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Ich stimme dem ausdrücklich zu, ABER: ich halte das vom Menschen an sich, so wie er nun mal ist, nicht auf Dauer aufrecht erhaltbar. Ich halte diese zwingende Notwendigkeit (!) für zu komplex, zu unbeherrschbar und nicht ausreichend sicher steuerbar.

Dieser Balanceakt kann daher meiner Überzeugung nach nicht langfristig aufrecht erhalten werden, höchstwahrscheinlich nicht einmal mittelfristig, theoretisch kann es sogar kurzfristig scheitern.
Definiere "kurzfristig", bzw. "mittelfristig".

Seit 1945 ist es zu keiner Konfrontation der Groß- bzw. Supermächte im Sinne eines totalen Krieges mehr gekommen. Das ist eine historische Anomalie, die sich nur durch das Vorhandensein von Nuklearwaffen erklären lässt. Was wiederum dafür sprechen würde, dass der Balanceakt beherrschbar ist.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Gerade eben weil der Mensch irrational ist, weil die Regierenden weltweit mehrheitlich Inkompetent und/oder Psychisch Krank sind (im Sinne von Psychopathie etc.) und weil die Menschen die "Erfolgsgeschichte" des Kalten Krieges zu einem religiösen Dogma erhoben haben.
Inkompetent, das mag sein, aber mehrheitlich psychisch krank? Nichts für ungut, aber ich glaube nicht, dass Du diese Aussage belegen kannst. Musst Du allerdings auch nicht, das ist die gute Nachricht, denn selbst der unzweifelhaft geisteskranke Breschnew oder die unzweifelhaft fanatischen Ajatollahs im Iran haben bewiesen, dass sie nicht willens sind, auf dem nuklearen Vulkan zu tanzen.

Im Übrigen wirst Du zugeben müssen: Die vergangenen 81 Jahre Weltgeschichte sprechen eher für als gegen das Funktionieren des Konzepts der nuklearen Abschreckung.

Gibt es ein Restrisiko? Natürlich, aber die Alternative zu diesem Restrisiko wäre das historisch verbürgte und damit sehr reale Risiko des totalen Krieges.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Und schon sind wir bei Glaubenssätzen und bloßen Annahmen. Und vor allem der Annahme, dass zumindest bedingt rationale Systeme, die von Personen mit hohem Eigentinteresse gesteuert werden keine völlig falschen Eregebnisse erzeugen können - weil es ja gegen ihre eigenen Interessen laufen würde.
Du unterschätzt indes, dass es sich bei meinen Äußerungen gerade nicht um allgemeine Annahmen im Sinne der von Allison kritisierten Spieltheorie handelt, sondern um konkrete Ansätze zum Umgang mit konkreten Entscheidungsträgern der potentiellen Gegenseite. Wir haben Putin ein Vierteljahrhundert lang erlebt; und auch wenn es angesichts des blanken Unfugs, der vor allem vor 2022 von sogenannten Experten wie Erich Vad, Harald Kujat und Johannes Varwick verbreitet wurde, unwahrscheinlich erscheinen mag, können wir durchaus mit hinreichender Sicherheit versuchen, das Was-Wäre-Wenn vorherzusagen.

Wir müssen es auch versuchen, Untätigkeit ist keine Option.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Genau diesen Punkt stelle ich vor allen anderen in Frage: auch wenn alle hochegoistisch sind, rein materialistisch und selbst dann wenn sie alle keinen Atomkrieg wollen und alles eigentlich daran setzen diesen zu vermeiden, selbst dann kann gerade eben ein rein rationales System dass von materiellen Eigentinteressen geleitet ist den Atomkrieg herbei führen.

Die Ironie an der atomaren Abschreckung ist ja gerade eben, dass rein rationale Kausalketten trotzdem den Atomrkrieg herbei zwingen können.
Inwiefern?
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Spezifisch zu Putin als Primus Inter Pares des St. Petersburger Zirkels sei noch angemerkt, dass er Alt ist, von zunehmend schlechter Gesundheit und dass die Nachfolge und Machtübergabe nicht klar und krisensicher geregelt sind und man sich mit dem Krieg einen Haufen nationalistischer Extremisten gezüchtet hat die an die Macht wollen.
Umgekehrt wird ein Schuh draus: Der allfällige Gewinner des heraufziehenden russischen Thronfolgekriegs muss davon abgeschreckt werden, seine Herrschaft im Wege der Expansion zu festigen.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Das ist zwar für die Zeit seiner Machtübernahme richtig (auch wenn damals der Tschetschenienkrieg gleichauf ein wesentliches Motiv war - Stichwort Honor Imperiii), aber was die Mehrheit der Bevölkerung will ist in Russland viel weniger relevant als was radikale Minderheiten wollen, die über die notwendigen Gewaltmittel verfügen.
Das mag stimmen (oder auch nicht), ist aber insofern wenig von Belang, als Putins Wahrnehmung der Realität der Schlüssel zu seinen Entscheidungen ist, nicht die Realität selbst.

Seine Politik wie sie eine Äußerungen, etwa zur Oktoberrevolution oder zum August-Putsch 1991, sprechen eine eindeutige Sprache, er fürchtet jegliche Instabilität als Keimzelle einer möglichen Revolution. Auch bei Dugin findet sich (hier in Gestalt beißender Kritik) der Glaube, dass nur eine Revolution im Inneren Russland zu Fall bringen könnte; als Keimzelle derselben macht er den um sich greifenden Materialismus aus.

Die russische Führung bekämpft den Individualismus westlicher Prägung nicht zuletzt deshalb, weil individualistische Gesellschaften, anders als kollektivistische, eben nicht bereit sind, kritiklos an die Front zu marschieren oder Kriegshärten zu ertragen.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Und das ist im Kontext von Atomwaffen und einem Krieg mit uns dahingehend ein Problem, dass Nuklearwaffen die Kriseninstabilität erhöhen und im Kontext eines Krieges einer Atommacht gegen eine andere Atommacht dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges steigt.
Dieser Einschätzung kann ich mich einfach nicht anschließen.

Koreakrieg, Vietnamkrieg, Dritter Kaschmir-Krieg … Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist reich an Beispielen für Konfliktsituationen zwischen Groß- und Supermächten, in denen das Vorhandensein von Nuklearwaffen deeskalierend wirkte, obwohl sie in früheren Zeitaltern zweifellos zum Schlagabtausch eskaliert wären.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Denn nach aktueller russischer Auffassung sind Atomwaffen nicht einsetzbare Waffen (es gibt jede Menge russische Militärliteratur dazu) weshalb es möglich ist konventionell Krieg zu führen, ohne dass Atomwaffen eingesetzt werden […] Wenn aber beide Seiten dann Atomwaffen haben, so erhöht dies die Kriseninstabilität erheblich.
Wie? Wenn Russland, wie Du sagst, davon ausgeht, Nuklearwaffen niemals einzusetzen, und dass auch der Gegner Nuklearwaffen nicht einsetzen wird, wie kann ihr Vorhandensein dann "erheblich" destabilisierend wirken?
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Eigene Atomwaffen ergeben daher gegenüber Russland nur dann Sinn, wenn man diese in einer Position der konventionellen Unbesiegbarkeit hat.
Das steht meiner Argumentation ja nicht im Wege.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Deshalb sind die aktuellen Konzepte der NATO ja auch teilweise genau falsch bzw. kontraproduktiv (mechanisierte Großkampfverbände etc.)
Diese Kritik ergibt in meinen Augen keinen Sinn. Russland ist eine Landmacht und strebt die territoriale Expansion an, ein starkes Landheer ist damit unverzichtbarer Bestandteil einer konventionellen Abschreckung gegenüber Russland.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Und das sehe ich ebenso, würde es aber noch ergänzen um eine weitere Stufe, in welcher ich mit konventionellen Angriffen die russischen Eliten mit als Ziel habe. Wenn die russischen Milliardäre etc gesichert wüssten, dass sie und ihre Familien und ihr persönliches privates (!) Eigentum vernichtet werden, dann würden sie entsprechend Einfluss nehmen dass es nicht dazu kommt. Relevant wäre hier der Angriff auf das private Eigentum, weil Raffinerien etc in ihrem Besitz ihrer Logik nach einfach nachersetzt werden können, indem man erneut Staat und Gesellschaft bestiehlt. Die reagieren auf den Verlust einer Villa mit Kunstwerken mehr als auf den Verlust einer Raffinerie.
Denkbar. Allerdings schwierig umzusetzen.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Exakt. In dieser russischen Besonderheit, der Annahme dass man einen konventionellen Krieg gegen eine Atommacht führen kann, liegt aber in Wahrheit das entscheidende Problem (!) Denn führen beide Seiten erst einmal Krieg und haben beide Seiten dann Atomwaffen, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges, weil es die Kriseninstabilität drastisch erhöht. Kurz und einfach: der Denkfehler der Russen in diesem Kontext erzeugt ein immenses Risiko für den globalen Atomkrieg.
Du errichtest mit dem Argument der vermeintlich drastisch erhöhten Kriseninstabilität ein Strohfeuer.

Warum ist der Koreakrieg nicht zum Atomkrieg eskaliert?

Warum ist der Vietnamkrieg nicht zum Atomkrieg eskaliert?

Warum können sich Pakistan und Indien Schlagabtäusche leisten?

Wieso konnte der Iran es wagen, Israel mehrfach anzugreifen, das aufgrund seiner tragischen Geschichte, zahlreicher Aggressionen durch seine Nachbarn und seiner geringen Größe eine extrem niedrige Hemmschwelle hat, militärische Bedrohungen als existentiell anzusehen?

Mal anders gefragt, wie umfangreich muss die Datenlage sein, damit Dir das Risiko der Annahme akzeptabel erscheint, dass Nuklearwaffen deeskalierend statt eskalierend wirken?
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Nukleare Zweitschlagsfähigkeit ist zu undefiniert. Bevor man auch nur eine Atomwaffe baut, müsste man erstmal überhaupt eine präzise Doktrin dafür aufstellen. Was für Atomwaffen genau und mit welcher Zielsetzung genau?
Diese Doktrin und die entsprechenden militärischen Anforderungen haben wir aber doch schon, nur eben auf NATO- statt auf nationaler Ebene.
(08.02.2026, 10:11)Quintus Fabius schrieb: Und da fangen die Probleme schon an: du schreibst Zitat: ....dass jeder Einsatz von Nuklearwaffen durch Russland .....in gleicher Münze.....
Ich kenne den Terminus der Zweitschlagsfähigkeit nur im strategischen Kontext, und hielt es deswegen nicht für nötig näher darauf einzugehen.

Eine intakte Zweitschlagsfähigkeit bedeutet, dass Du nicht meine vollständige Vernichtung ins Auge fassen kannst, ohne das Risiko einzugehen, dass ich Dich mit in den Abgrund reiße. Dazu braucht es meinerseits keine Fähigkeit, Dich vollständig zu vernichten, es genügt, den Preis in inakzeptable Höhe zu treiben.

Wir wissen z.B., dass Moskau seit dem Sino-Sowjetischen Grenzkonflikt 1969 und der chinesisch-amerikanischen Annäherung einen Zwei- oder gar Drei-Fronten-Krieg mit China und Japan für den Fall fürchtet, dass in Europa ein Krieg ausbricht.

Demnach könnte es zu Deutschlands Schutz im Sinne einer glaubwürdigen konventionellen UND nuklearen Abschreckungsstrategie genügen, die Fähigkeit zu besitzen, sogar im Falle der eigenen Niederlage mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Situation herbeigeführt zu haben, in der Russland einem chinesischen Angriff schutzlos offenläge.
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