Russland
Ist der Ökonom eine Sozialwissenschaftlerin? Cool
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Werter Erich:

Die Leidensfähigkeit ist völlig irrelevant, wenn die für den Krieg notwendigen Mittel nicht mehr ausreichend bereit gestellt werden können und man dann deshalb anfängt zu verlieren.

Die entscheidende Frage ist ja nicht, wie es der Bevölkerung geht, sondern wie es den Eliten geht und ob die Armee durchhält.
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(20.02.2026, 22:03)Quintus Fabius schrieb: Werter Erich:

Die Leidensfähigkeit ist völlig irrelevant, wenn die für den Krieg notwendigen Mittel nicht mehr ausreichend bereit gestellt werden können und man dann deshalb anfängt zu verlieren.

Und wann genau wird das sein?

Zitat:Die entscheidende Frage ist ja nicht, wie es der Bevölkerung geht, sondern wie es den Eliten geht und ob die Armee durchhält.

Die "Eliten" Rußlands dürften signifikant leidensfähiger sein als die in der EU. Grund dafür sind Mentalitätsunterschiede. Wobei diese aktuell noch nicht einmal Ansatzweise leiden.
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Die russische Zentralbank meldet eine Inflationsrate von 6,6%. Gleichzeitig liegt der Leitzins trotz mehrerer Senkungen immer noch bei 15,5%, woraus die meisten Ökonomen folgern, dass die tatsächliche Inflation deutlich über der gemeldeten liegen muss.

In Russland existieren gerade zwei nur wenig miteinander korrespondierende Wirtschaftskreisläufe. Alles, was irgendwie mit dem Krieg zu tun hat—die Soldaten, ihre Familien, die Mitarbeiter der Rüstungsindustrie und deren Zulieferer, die Spediteure—erlebt steigende Einkommen.

Schon vor über einem Jahr habe ich hier Statistiken verlinkt, die das Erwachsen einer neuen "Kriegs-Mittelschicht" zeigten, die sich über die klassische Mittelschicht erhoben hat: Maschinenschlosser, die nun dreimal so viel verdienen wie Universitätsprofessoren.

Gleichzeitig stagniert oder schrumpft das Wirtschaftsleben außerhalb dieses Kreislaufs. Um nur irgendwie an dem isolierten Aufschwung teilzuhaben, reagieren die Anbieter von Waren und Dienstleistungen mit Preiserhöhungen, und befeuern damit die Inflation.

Beispiele: Gurken kosten in Russland nun so viel wie Rindfleisch. (Quelle) Zum Jahreswechsel lag der Benzinpreis in Russland bei umgerechnet €0,72/l, und damit mehrere Cent über dem Benzinpreis in den USA (deren Durchschnittsbürger um ein Vielfaches wohlhabender sind). (Quelle) Schon Mitte letzten Jahres, wir sprachen darüber, lag der Kartoffelpreis in Russland über dem Preis in Deutschland.

Doch nicht nur Alltagsgüter sind betroffen. Trotz einer Abwrackprämie, die Preisanstiege teilweise auffing, wurden 2025 25% weniger Neuwagen aus einheimischer Produktion verkauft. (Quelle) Im Immobilienbereich stehen fast drei Viertel aller neugebauten Wohnungen leer. (Quelle) Der größte russische Immobilienentwickler, Samolet, hat vor einer Woche wegen akuter Liquiditätsengpässe den Staat um einen Bailout gebeten. (Quelle)

Gleichzeitig ist zu bedenken, dass die Mehrwertsteuer, diverse Verbrauchssteuern sowie die Gebühren in der staatlichen Bürokratie 2025 kräftig heraufgesetzt wurden. Das wird den Normalbürger weiter belasten.

2026 rechnen russische Analysten mit doppelt so vielen Insolvenzen wie Betriebsneugründungen. Das Wirtschaftswachstum wird voraussichtlich irgendwo zwischen 0,5 und 1% liegen, und damit kaufkraftbereinigt gegen 0 tendieren. (Quelle)

Hinzu kommt, dass der Öl- und Gas-Sektor durch Sanktionen, den niedrigen Öl-Preis und die steten ukrainischen Angriffe auf Raffinerien in Westrussland immer weniger Einnahmen generiert. Allein im Januar 2026 sind die Staatseinnahmen aus diesem Sektor um 46% gesunken. (Quelle)

Letzten Endes sollte man aber mit all diesen Beobachtungen keine großen Hoffnungen verbinden. Es geht den meisten Russen immer noch deutlich besser als in den Uschasnyje dewjanostyje, den "schrecklichen Neunzigern".

Und meines Wissens haben Sanktionen noch nie Kriege beendet. Das ist auch gar nicht ihr Ziel, obwohl man das in Deutschland natürlich so verkauft hat, um im Hinblick auf bevorstehende Wahlen teils unpopuläre Maßnahmen entsprechend zu framen.

Sanktionen dienen der Bestrafung der gegnerischen Elite. Sie verhindern aber vor allem eine schnelle Erholung der gegnerischen Wirtschaft.

Und was das anlangt, steht Russland offenbar ein langer Leidensweg bevor. Die russische Wirtschaft befindet sich seit drei Jahren in der Stagflation. Es geht nicht wirklich bergab (auch wenn die hunderttausenden Russen, die ihre Mieten und Hypotheken nicht mehr bezahlen können, das anders sehen werden), aber auch nicht bergauf, und gerade werden die Weichen dahingehend gestellt, dass es lange nicht mehr bergauf gehen kann.

Die Schulden wachsen, Industrie und Gewerbe sind ineffizient und ihr Output schrumpft stetig. Da spielen die unmittelbaren Kriegsfolgen fast nur die Nebenrolle, so schrecklich sie auch sein mögen: Zwischen 0,5 und 1% der erwerbsfähigen russischen Bevölkerung ist seit 2022 durch den Krieg umgekommen, den demographischen Knick der Auswanderungswelle 2022/2023 verstärkend.

Man hat hunderttausende Veteranen produziert, die den Staat viel Geld kosten werden—die Versehrten muss man versorgen, und unter den Nicht-Versehrten werden viele sein, die keine Lust haben dürften, in ein russisches Durchschnittsgehalt zurückzusinken.

Meiner Vermutung nach ist das derzeit die einzige Gruppe, die Putin wirklich fürchtet: die Veteranen. Der Fall des Kaiserreichs wurde ebenso wie der Fall der Sowjetunion durch unzufriedene Kriegsveteranen entscheidend beschleunigt.

Das ist ökonomischer Treibsand, aus dem Russland sich aus eigener Kraft nicht wird befreien können, jedenfalls nicht ohne Reformen, zu denen die Elite nicht bereit sein wird. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass Russland gerüchtehalber zurzeit vor Donald Trumps Nase eine $12 Bio.-Karotte schwenkt.
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lime:

Zitat:Und wann genau wird das sein?

Das ist schwer zu sagen, weil es von vielen äußeren Faktoren abhängt, auf welche die Russen keinen Einfluss haben. Beispielsweise hätte Russland ohne die nordkoreanischen Munitionslieferungen massive Probleme gehabt, ebenso ist Russland abhängig von chinesischen Lieferungen und dem steten Zustrom von westlichen Produkten über entsprechende Hehler wie Kasachstan etc.

Man hat gerade in Deutschland immer das Bild, dass die russischen Streitkräfte eine unbegrenzte Ausdauer hätten, aber dem ist nicht so. Russland ist beispielsweise im Ersten Weltkrieg an Überanstrengung eingeknickt. Keineswegs sind die Reserven der Russen für sich allein unerschöpflich. Am amüsantesten sind die Phantasien mancher hier in Deutschland, Russland hätte noch 40 einsatzfähige Divisionen zusätzlich usw. was da nicht alles fabuliert wird.

Andererseites könnte China aus irgendwelchen Gründen (Angriff auf Taiwan etc) dazu kommen, entsprechende Massen von Munition und Systemen, Drohnen, moderne Elektronik usw. an die Russen zu liefern und dies umsonst,statt wie bisher begrenzte Mengen schlechter Qualität sich teuer bezahlen zu lassen.

Kurz und einfach: man kann hier keine klare Aussage treffen.

Zitat:Die "Eliten" Rußlands dürften signifikant leidensfähiger sein als die in der EU. Grund dafür sind Mentalitätsunterschiede.

Nein. Die "Eliten" Russland sind völlig verkommen, tatsächlich sogar meiner Einschätzung nach weniger leidensfähig als die in der EU. Die Idee dass die Führungsschicht und die Reichen in Russland härter und leidensfähiger wären stimmt einfach grundsätzlich nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Es gibt da einen massiven Riss zwischen den einfachen Russen als Volk, die tatsächlich sehr viel mehr aushalten als die Menschen in der EU (querschnittlich) und der russischen Führungsschicht, die erstaunlich feige, dekadent, schwach und verkommen ist.

Zitat:Wobei diese aktuell noch nicht einmal Ansatzweise leiden.

Und genau das ist absolut richtig und der entscheidende Punkt. Tatsächlich bereichern sich die "Eliten" persönlich am Krieg und profitieren davon sogar noch übermäßig.

Dass ist das, was viele im Westen nicht richtig verstehen. Man denkt, die russische Wirtschaft kriselt, die Lebensmittelpreise steigen, die Bevölkerung hat wachsende wirtschaftliche Probleme und dass schlägt sich dann auf die "Eliten" durch usw. Das verkennt völlig die Strukturen und die Funktionsweise der Gesellschaft dort.

Wenn die Eliten wirtschaftliche Verluste erleiden, dann wird einfach das Volk noch härter und noch asozizaler betrogen und ausgepresst. Und solange die eigenen Pfründe dadurch aufrecht erhalten, oder wie aktuell sogar noch gesteigert werden können, zieht man mit.

Es spielt dann keine Rolle mehr wie viele Insolvent gehen, deren Firmen und Privatvermögen sind dann einfach nur Beute für die anderen und insbesondere für die darüber. Es spielt keine Rolle wieviel Gurken, Butter, Benzin usw. kosten, solange nach oben weiter Geld fließt.

Und deshalb funktionieren auch die Sanktionen nicht. Die Idee ist, wie muck schreibt, die Eliten zu strafen. Man bestraft damit aber nur die Bevölkerung, weil die Eliten ihre Verluste an einer Stelle durch asozialsten Diebstahl an anderer Stelle ausgleichen. Und solange das möglich ist, spielt es keine Rolle wie es dem Volk geht, denn das ist für Russland irrelevant.

Beschließend noch zu dem Punkt den muck zu Recht nennt, dass man die Veteranen fürchtet. Deshalb weint man dne Toten auch keine Träne nach und will, dass diese möglichst weitgehend in der Ukraine krepieren. Und die Überlebenden kann man dann ja in ausreichend großen Teilen wieder mit dem Lagersysteme in Sibirien verräumen oder man fängt halt einen neuen Krieg woanders an.

Die russischen Eliten verachten das Kriegertum, sie verachten Soldaten und sie verachten Veteranen. Die Armee und die Soldaten sind für die der letzte Dreck und entsprechend werden sie behandelt und verräumt.

Russland ist auch jetzt kein Militär- und kein Kriegsstaat, sondern ein Geheimdienst, Mafia und Polizeistaat.
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