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Ergänzend:
Zitat:Nach Trumps 25 % Zoll auf Europas Autos: Eskaliert das Treffen zwischen EU und USA?
EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič trifft am Dienstag mit seinem US-Kollegen Jamieson Greer zusammen. Zu der ohnehin schon angespannten Stimmung zwischen der EU und den USA kam die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, 25 % Zoll auf EU-Autos zu erheben.
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Die EU hält an Zolldeal mit Trump fest (berichtet die FAZ, eine Kopie ist hier)
Zitat:Dass Trumps Zölle rechtswidrig sind, sei dessen Problem, heißt es in Brüssel.
Die Europäische Union hält an ihrem Zolldeal mit den USA fest, obwohl das Internationale Handelsgericht der USA am Donnerstag den von Präsident Donald Trump verhängten pauschalen Importzoll von zehn Prozent für rechtswidrig erklärt hat. „Wir bekennen uns auf beiden Seiten weiterhin uneingeschränkt zur Umsetzung der bestehenden gemeinsamen Erklärung“, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Freitag der F.A.Z.
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Der ständige Streit zwischen einer US-Regierung einerseits, die als Hegemonialmacht auftritt und ungezügelte Dominanzbestrebungen deutlich macht, und der europäischen Gemeinschaft andererseits, die zwangsläufig einen Interessenausgleich durch Verhandlungen und danach den altrömischen Rechtsgrundsatz "pacta sunt servanda" präferiert, lässt mich auf die zunehmend erkennbaren kulturellen Unterschiede zwischen dem christlichen Europa und den christlichen USA kommen.
In einem Beitrag von n-tv wird das unterschiedliche Verständnis recht sauber heraus präparirt: Zitat:Trump, der Erlöser?
Der Präsident, der Papst und die sieben Berge
Donald Trump attackiert den Papst wie kaum ein anderer Machthaber zuvor. Doch dahinter steckt kein Konflikt zwischen Politik und Religion - sondern genau das Gegenteil. Im Hintergrund steht ein amerikanisches Christentum, das gefährliche Ziele verfolgt.
Es ist Ostern 2026, im Weißen Haus findet ein festliches Mittagessen statt. Pastorin Paula White-Cain, spirituelle Beraterin des Präsidenten Donald Trump, steht am Mikrofon. Sie wendet sich an Trump, der hinter ihr steht - immer wieder dreht sie sich um: "Mr. President, niemand hat je den Preis bezahlt, den Sie gezahlt haben. Es hätte Sie fast Ihr Leben gekostet. Sie wurden verraten und festgenommen und falsch beschuldigt. Das ist ein vertrautes Muster, das uns unser Herr und Erlöser gezeigt hat."
Trump - auf einer Stufe mit Jesus. ....
... Einer der bekanntesten theologischen Grundpfeiler trägt einen eindrucksvollen Namen: "Seven Mountain Mandate", das Mandat der sieben Berge. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass Christen aufgerufen seien, sieben gesellschaftliche Bereiche unter ihre Kontrolle zu bringen: Familie, Religion, Bildung, Medien, Unterhaltung, Wirtschaft, Regierung. Erst dann könne Gottes Reich auf Erden anbrechen. Eine Umfrage der Denison University vom Januar 2024 ergab, dass 41 Prozent der amerikanischen Christen an dieses Mandat glauben. Es ist also weder eine Splittermeinung noch ein Randphänomen.
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Trump - von Gott auserwähltes Werkzeug
In dieses Denken passt Trump nahtlos hinein und er nimmt diese Rolle dankbar an. Schon 2015, vor seinem ersten Einzug ins Weiße Haus, kursierten in NAR-Kreisen Visionen, die ihn als modernen "Kyros" bezeichneten - jenen persischen König aus dem Alten Testament, den Gott als Werkzeug erwählt haben soll, auch wenn er selbst nicht der frommste war. Dass Trump mehrfach verheiratet war, dass er die Bibel offensichtlich kaum kennt, dass er sich geschäftlich und privat in einer Weise verhält, die jede christliche Frömmigkeit eigentlich rundheraus ablehnen müsste - das alles ist für diese Christen kein Widerspruch. Auserwählte sind keine Heiligen, sondern Werkzeuge. Und Werkzeuge brauchen keine moralische Reinheit, sie müssen nur Wirkung zeigen und auf dem eigenen Weg zum Ziel führen.
Als Trump nach dem Attentat von Pennsylvania im Sommer 2024 erklärte, Gott habe sein Leben verschont, "um Amerika wieder großzumachen", war das genau das, was dieses Denken bestätigte: Der Gesalbte wurde geprüft und hat überlebt, um seine Mission zu erfüllen.
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Religion und Politik sind hier nicht zwei Sphären, sondern eng miteinander verschmolzen.
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Das Christentum, das Trump fördert, ist ein Teil des sogenannten neocharismatischen Christentums. Es glaubt an moderne Apostel und Propheten, an direkte Offenbarung Gottes im Hier und Jetzt. Es glaubt - das ist eine Verbindung zum sogenannten "prosperity gospel" - an irdischen Wohlstand als Zeichen göttlichen Wohlwollens. Wer reich ist, ist gesegnet; wer noch nicht reich ist, hat vielleicht noch nicht genug geglaubt. Vor allem aber glauben viele in dieser Strömung, dass die Trennung von Kirche und Staat ein Irrweg ist. Dass christlicher Glaube eine politische Mission habe und dass die Demokratie kein Wert an sich sei, sondern ein Werkzeug, das für diese Mission genutzt werden kann.
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es gibt auch Pastoren wie den Texaner James Talarico, der sich offen gegen Trump und für eine klare Trennung von Staat und Religion ausspricht. Der Teil amerikanischer Christen, der sich von den Ideen des NAR distanziert, ist nicht gering. Aber die NAR-Strömung sitzt an mächtigen Schlüsselpositionen. Mike Johnson, der Sprecher des Repräsentantenhauses, hat zum Beispiel vor seinem Büro die "Appeal to Heaven"-Fahne aufgehängt, die in NAR-Kreisen als Erkennungszeichen gilt.
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Worum es bei Trump und Leo eigentlich geht
Vor diesem Hintergrund kann man auch den Konflikt zwischen Trump und Papst Leo XIV. einordnen, der nun schon seit Monaten schwelt und immer wieder aufbricht. Es ist ein Streit, den Kirchenhistoriker "beispiellos" nennen und auch vor historischen Vergleichen nicht zurückscheuen. Nicht einmal Hitler und Mussolini, schreibt der Vatikan-Kenner Massimo Faggioli, hätten den Papst je so frontal attackiert, wie der amtierende US-Präsident es derzeit tut. Auslöser waren erst die Migrationspolitik der Trump-Regierung, dann der Krieg gegen den Iran. Leo XIV., selbst gebürtiger Amerikaner, hatte Trumps Drohung, die iranische "Zivilisation auszulöschen", als "inakzeptabel" bezeichnet, hatte zum Friedensgebet nach Rom geladen und mit elftausend Menschen im Petersdom "Haltet ein!" gerufen.
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Wenn Trump nun einen solchen Papst angreift, der die Migrationspolitik der USA "unmenschlich" nennt und vor einem Krieg im Namen Gottes warnt, dann ist das kein Streit zwischen einem Politiker und einer Kirche. Es ist ein Streit zwischen zwei grundlegend verschiedenen Verständnissen des Christentums.
Auf der einen Seite steht ein Papst, der christliche Autorität als Ruf des Gewissens versteht - als Instanz, die weltliche Macht begrenzen, nicht legitimieren soll. Auf der anderen Seite steht ein Präsident, den Apostel und Prophetinnen als Auserwählten feiern und der sich genau so inszeniert. Seine Politik ist aus Sicht seiner geistlichen Verbündeten nicht einfach Politik - sie ist geistliche Kriegsführung gegen dämonische Mächte. Und in dieser Logik ist Kritik aus Rom sozusagen eine feindliche Truppenbewegung. Wer den Papst angreift, greift in dieser Erzählung einen Akteur auf der anderen Seite des (geistigen) Schlachtfelds an.
Man könnte einwenden, dass auch der Vatikan ein Staat ist, in dem geistliche und weltliche Macht in einer Person zusammenfallen - der Papst vereint beides. Das stimmt. Aber spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Trennung von Staat und Religion auch katholische Lehre, der Vatikanstaat seither ein historisches Erbe, kein Modell für die Zukunft. Das NAR dagegen ist genau das: ein Modell, mit dem nationalistische Christen in den USA Zukunft gestalten wollen.
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"Auf den Punkt gebracht" scheint es um die Priorisierung der Grundlagen für politisches Handeln zu gehen - bestimmt die Religion die Politik oder sind Staat und Religion (wie mehrheitlich in Europa praktiziert) zu trennen?
Wir kennen die unterschiedlichen Auffassungen aus der europäisch-deutschen Geschichte. Der Streit zwischen "Papst" und "Kaiser" hat das gesamte Mittelalter geprägt. In Deutschland ist mit Luther der Grundstock für eine Schwächung des Kirchenvorranges geschaffen worden. Über den Augsburger Religionsfrieden (der Fürst bestimmt über die Kirchenzugehörigkeit seiner Untertanen, wer dem nicht folgen will kann auswandern) und die europäische Neuordnung unter Napoleon (plötzlich gehörten große protestantische Regionen zum katholischen Königreich Bayern) kam es dann zur Trennung von Staat und Religion.
Die Religionszugehörigkeit, das persönliche Glaubensbekenntnis, ist absolute Privatsache.
In anderen Teilen der Welt hat eine solche Entwicklung nicht stattgefunden. Das Primat des Islam als Grundlage für politisches Handeln finden wir heute noch in islamischen Ländern, insbesondere etwa dem Iran oder auch der Türkei, extrem ausgeprägt.
Und auch in den USA scheint sich eine Entwicklung anzubahnen, die von der "Glaubensfreiheit" der religiösen Flüchtlinge aus Europa zu einem bestimmend aggressiv-missionarischen Christentum führt, das den Vorrang der USA (MAGA) auch und gerade als Erfüllung eines missionarischen Auftrags zur Vorherrschaft eines selbst interpretierten neocharismatischen Christentums begreift.
Wenn ich das hier poste, dann einmal, weil es trotz vieler Gemeinsamkeiten einen grundlegend fundamentalen kulturellen Konflikt zwischen der EU und der derzeit dominierenden politischen Linie in den USA aufzeigt.
Und anhand dieses Beispiels können auch Unterschiede zu anderen Kulturen weltweit erarbeitet werden - aber das ist dann ein anderer Thread.
Die Folgen:
=> ja, wir müssen uns über unsere eigenen kulturellen Werte bewusst werden - und bereit und in der Lage sein, diese auch gegen Angriffe zu verteidigen.
Man soll sich ja nicht selbst zitieren - wenn ich aber an einen Beitrag in einem anderen Thread anknüpfen will, dann könnte es sinnvoll sein, über einen entsprechenden Verweis die angesprochene Vordiskussion zugänglich zu machen. Daher also:
(09.05.2026, 23:43)Kongo Erich schrieb: ...
Noch heute (!) gibt es die nicht nur statistisch erfassbare. sondern erlebbare Differenzierung zwischen Ost- und West; die einigende Klammer, sozusagen die "Schule der Nation" fehlt.
Und da meine ich jetzt nicht abschließend die "Schule der Nationalstaaten" (ich halte wenig von Nationalismus in einer global ausgerichteten Welt), sondern die "Schule einer europäischen Nation", die auf gemeinsame Werte wie etwa Demokratie, Freiheit, Liberalismus, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gründet - welche auch verteidigt werden müssen.
Und ich frage mich, ob nicht spätestens angesichts der "Zeitenwende" eine solche einigende Klammer wieder gebraucht würde - vermutlich sogar auf europäischer und nicht nur auf nationaler Ebene. => ja: wir brauchen europaweit einen verpflichtende Wehr- oder Zivildienst, als "Schule der europäischen Nation", deren gemeinsame Werte dann auch höher gestellt sind als nationale Befindlichkeiten.
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Dein Beitrag (und auch der ntv-Artikel) sind wieder mal ein Beispiel dafür, wie wenig man in Europa die USA versteht bzw. verstehen kann.
Das, was uns in Europa völlig abgeht, ist a) der puritanisch geprägte Glaube an die Auserwähltheit, d. h. der durchaus stark Glaube, dass man eben eine von Gott auserwählte, einzigartige Gemeinschaft der freien Menschen sei, während b) das Land in den Augen der Erneuerer und Liberalen der Hort von individueller Freiheit, aufklärerischen Ideen, Demokratie und der universellen Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ist.
Beiden Strömungen besitzen sehr starke missionarische Charakterzüge, und sie beide ringen um die Deutungshoheit. Und es ist vielleicht diese Zerrissenheit, die das Land aus unserer Sicht so faszinierend macht. Wir sollten uns aber im Klaren darüber sein, dass wir die USA nicht nur alleine mit einer Vision "haben können", sondern dass wir sie erst dann schätzen und mögen können werden, wenn wir bereit sind, beide Visionen als gegeben anzunehmen, ja zu akzeptieren.
(Anm.: Ob Trump und "seine" MAGA-Bewegung wirklich a) zugerechnet werden können, das kann man sicher und berechtigt hinterfragen, da er selbst und auch manche seiner Anhänger wenig moralisch oder christlich argumentieren, allenfalls tun sie dies auf vorgeschobene Art und Weise. Hier ist also b) deutlich ehrlicher, wenngleich es überall - auch in Europa - gewisse Doppelmoralismen gibt.)
Auf die EU bezogen sollten wir nicht den Fehler machen, dass wir Trumps Erfolge und die MAGA-Bewegung als reines Strohfeuer ansehen. Der Erfolg dieser Bewegung, auch wenn sie sich nach meinem Empfinden nach und nach wieder abschwächen wird und die Trump-Jahre in den USA selbst in Zukunft sich keiner großen Beliebtheit erfreuen werden, begründet sich auch in einem gewissen Paradigmenwechsel, welcher in Richtung Isolationismus - und das gab es in den USA immer schon, zuletzt vor rund 100 Jahren - und strategischer Neuausrichtung weist, letztgenannter Aspekt zielt auf das Erstarken Chinas ab (was die Europäer aber über grob drei Jahrzehnte hinweg immer wieder gesagt bekommen und was sie geflissentlich ignoriert haben), und welcher durchaus länger anhaltend sein wird.
D. h. die Europäer dürfen diesen Paradigmenwechsel nicht nur verteufeln oder ihn bejammern oder sich ständig an Trumps Kommentaren abarbeiten, sondern sie müssen ihn [den Paradigmenwechsel] verstehen. Und wenn sie dies tun, dann werden sie auch den Schlüssel in der Hand haben, wie man mit Washington umgehen kann und wie man, auch wenn es Differenzen immer mal geben kann, das westliche Bündnis zusammenhalten kann. Genau genommen haben die Europäer also eine größere Verantwortung für die Zukunft des westlichen Zusammenhaltes als die USA, die sich unter Trump aktuell und weltweit recht unbeliebt gemacht haben und die einer wachsenden inneren Zerrissenheit gegenüberstehen.
Angesichts der vorherrschenden Hysterie und der teils auch emotional-moralisierenden Hybris in Europa, und auch mancher nationalistisch-separatistischer und illiberaler Tendenzen, habe ich aber die dumpfe Befürchtung, dass die Europäer dies nicht sehen.
Schneemann
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