Forum-Sicherheitspolitik
Kulturen im Konflikt - Druckversion

+- Forum-Sicherheitspolitik (https://www.forum-sicherheitspolitik.org)
+-- Forum: Hintergründe (https://www.forum-sicherheitspolitik.org/forumdisplay.php?fid=97)
+--- Forum: Krisen, Konflikte und Kriege (https://www.forum-sicherheitspolitik.org/forumdisplay.php?fid=99)
+--- Thema: Kulturen im Konflikt (/showthread.php?tid=1723)



RE: Kulturen im Konflikt - Kongo Erich - 18.01.2026

Auch TELEPOLIS hat diese Diskussion - die auf GlobalDefence.net schon vor Jahren vorweg genommen war - im letzten Jahr (05. Juli 2025) aufgegriffen:
Von Iran bis China: Entsteht eine neue Weltordnung?
Zitat:Die USA und Verbündete wollen den Nahen Osten neu ordnen, sagt Vijay Prashad im Interview. Auch im Kampf gegen China geht es um US-Hegemonie. Kann der Globale Süden dagegenhalten? (Teil 1)

Im Telepolis-Interview mit Vijay Prashad, indischer Historiker, weltweit anerkannter Intellektueller und Direktor des Tricontinental Institute, werden die jüngsten Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten, die Militarisierung der Nato und die Konfrontation mit China in einen größeren Zusammenhang gestellt. Sind die westliche Wirtschaft- und Geopolitik gescheitert, während sich eine neue Weltordnung abzeichnet?
...
und im zweiten Teil:
Nato gegen Brics+: Ist die aggressive Geopolitik des Westens gescheitert?
Zitat:Die Nato ist die gefährlichste Organisation der Welt, sagt Vijay Prashad im Interview. Brics-Staaten könnten sich mit eigener Leitwährung befreien. Aber wie? (Teil 2)

Im zweiten Teil wird nun im Angesicht der Militarisierung der Nato und des Aufstiegs der sogenannten Brics+-Gruppe (Brasilien, Russland, China, Südafrika) gefragt, ob die westliche Wirtschafts und Geopolitik gescheitert ist, während sich eine neue Weltordnung abzeichnet.
...



RE: Kulturen im Konflikt - Schneemann - 18.01.2026

Überschrift aus dem zitierten Link:
Zitat:Die Nato ist die gefährlichste Organisation der Welt, sagt Vijay Prashad...
Aus seiner Sicht ist das sicherlich so zutreffend. Ich teile diese Ansicht zwar nicht, aber aus der Sicht eines indischen Wissenschaftlers, der um den regionalen Hegemonialanspruch seines Landes weiß, ebenso wie er auch um die Vorteile einer multipolaren Welt weiß, da eine solche eine Lähmung und ein Zurückdrängen des westlichen Einflusses ermöglicht, was wiederum seinem Land gewisse Vorteile einbringt, muss es keine gute Entwicklung sein, wenn die westlichen Staaten, allen Streitereien mit Trump und Co. zum Trotze, auf recht rabiate Tour das Rad der Geschichte zurückdrehen bzw. die Strukturen wieder zurechtrücken.

Ich hatte es schon mal umrissen: Die Zeit der Multipolarität neigt sich dem Ende zu. Seit Ende des Kalten Krieges haben sich die Westmächte, gerade auch die Europäer, zurückgezogen in einen Kreis aus Abrüstung, Multikulturalität, hedonistischem Globalisierungsstreben und der irrigen Meinung, dass sich die Demokratie als Selbstläufer schon überall durchsetzen und die Zeit der Blockkonfrontationen vorbei sein wird.

Es war eine der gravierendsten Fehleinschätzungen der letzten 80 Jahre. Im Windschatten dieses ignoranten Gedankenexperimentes haben sich neue autokratische Pole herausgebildet, die nicht nur die Demokratie oft massiv ablehnen, sondern die auch die einstmals viel gepriesenen UN zum Nachteil primär des Westens missbrauchen (oder lähmen), die einen extremen nationalistischen Kurs fahren, dazu zählt auch Indien, und die das Modell der westlichen Hemisphäre oftmals sogar als überholt belächeln.

Das wird eben nun allmählich ein Ende haben. Es ist nur die Frage, wann und wie es eintritt. Insofern: Ich denke, was ich auch schon mal geschrieben hatte, dass das 21. Jahrhundert eher ein westliches als ein chinesisches wird.

Schneemann


RE: Kulturen im Konflikt - Kongo Erich - 18.01.2026

(18.01.2026, 12:55)Schneemann schrieb: ...

Ich hatte es schon mal umrissen: Die Zeit der Multipolarität neigt sich dem Ende zu. Seit Ende des Kalten Krieges haben sich die Westmächte, gerade auch die Europäer, zurückgezogen in einen Kreis aus Abrüstung, Multikulturalität, hedonistischem Globalisierungsstreben und der irrigen Meinung, dass sich die Demokratie als Selbstläufer schon überall durchsetzen und die Zeit der Blockkonfrontationen vorbei sein wird.

Es war eine der gravierendsten Fehleinschätzungen der letzten 80 Jahre. Im Windschatten dieses ignoranten Gedankenexperimentes haben sich neue autokratische Pole herausgebildet, die nicht nur die Demokratie oft massiv ablehnen, sondern die auch die einstmals viel gepriesenen UN zum Nachteil primär des Westens missbrauchen (oder lähmen), die einen extremen nationalistischen Kurs fahren, dazu zählt auch Indien, und die das Modell der westlichen Hemisphäre oftmals sogar als überholt belächeln.

Das wird eben nun allmählich ein Ende haben. Es ist nur die Frage, wann und wie es eintritt. Insofern: Ich denke, was ich auch schon mal geschrieben hatte, dass das 21. Jahrhundert eher ein westliches als ein chinesisches wird.

Schneemann
Für diese Diskussion hast Du mich offenbar gerade rechtzeitig in das Forum (zurück) geholt. Tatsächlich bin ich da völlig anderer Auffassung.

1.
Die Ursache für den Zusammenbruch der dominanten westlichen Stellung war nicht die Hoffnung auf irgendeine Demokratisierung in irgendwelchen Weltteilen (wobei der Westen ja die undemokratischen Despoten akzeptiert hat, die auf seiner Seite waren), sondern schlicht eine Überforderung - die nicht mehr aufrecht erhalten werden musste, nachdem die UdSSR und der Warschauer Pakt als "globale Gegner" zusammen gebrochen, sprich, in den wirtschaftlichen Ruin gerüstet waren.

2.
In der Folge erhoffte man sich (Stichwort: Friedensdividende) vermehrt wirtschaftlichen Wohlstand, ohne diesen durch weitere Rüstungsausgaben zu belasten. Die Frage, ob etwa lateinamerikanische Staaten jetzt durch rechtsgerichtete (Militär-)Despoten oder demokratisch gewählte Präsidenten regiert wurden, waren völlig irrelevant. Hauptsache, das waren keine Kommunisten - aber der Kommunismus war ja nach Gorbatschow und der Auflösung der UdSSR unter Jelzin ohnehin "tot".

3.
Die Lockerung - sprich, der Wegfall des gemeinsamen Gegners - hat Zentrifugalkräfte frei gesetzt, die mehr und mehr auf die Besinnung auf die - und Stärkung der eigenen - nationalen oder regionalen Bedürfnisse ausgelegt waren. Und die letztendlich zu eigenen regionalen Machtkonzentrationen geführt haben:
Ich nehme mal - im Uhrzeigersinn - diese Machtblöcke der Reihe nach:
= Lateinamerika um das Zentrum Brasilien wächst in die Unabhängigkeit von den USA,
= die USA versuchen, sich an ihren Status als Supermacht zu klammern,
= die EU wächst aus dem Schatten der USA in eine immer stärkere unabhängige Rolle,
= Russland versucht eine Restauration der alten Sowjetmacht,
= China erhebt sich aus dem Schatten der untergegangenen Sowjetunion und wird zur dominanten Macht Ostasiens und zur asiatischen Konkurrenz der USA,
= Japan und Südkorea (mit Taiwan) versuchen, ihre Unabhängigkeit von China zu bewahren, und finden dabei in den USA einen "natürlichen Verbündeten"
= Südostasien wächst unter dem Titel "ASEAN" zu einer eigenständigen Wirtschaftsmacht nach dem Muster der EU - in Abgrenzung bzw. Gratwanderung zwischen China, Indien und Australien;
= Australien und Neuseeland bilden einen eigenständigen Machtblock im südlichen Pazifik, der sich eng an die USA anlehnt,
= Indien versucht, zur dominanten Regionalmacht Südasiens aufzusteigen
= der Iran wird eine eigenständige Regionalmacht mit Hegemonialansprüchen über Afghanistan bis Tadschikistan
= die turksprachigen Staaten Zentralasiens versuchen. sich mit Hilfe der Türkei (Turan) aus der Dominanz von Russland im Norden und einem ausgreifenden China im Osten zu befreien,
= die arabische Liga versucht zunehmend, die Gemeinsamkeiten zu stärken und ein eigenständiger regionaler Block (auch nach dem Vorbild der EU) zu werden;
= Südafrika entwickelt seine Vormachtstellung im südlichen Afrika, verbündet sich dabei mit Mächten ausserhalb der Region (BRICS) und übernimmt eine regionale Führungsrolle im Kreis der Bantu-sprachigen afrikanischen Nationen.

4.
Der Versuch von GröPaZ, die alte Vormachtstellung der USA (MAGA) wieder her zu stellen, geht zu Lasten aller anderen der gerade skizzierten regionalen und immer selbstbewusster werdenden Mächte.
Es ist ein ganz natürlicher Vorgang - ein Hegemon, der seine Vormachtstellung verliert, wird immer versuchen, diese zu erhalten oder sogar zurück zu gewinnen. Genauso handelt Putin ja in der Ukraine.
Aber dieser Versuch negiert die Gründe, die zum Verlust der Vormachtstellung geführt haben und ignoriert die Stärke, die den ehemaligen Satelliten durch die bereits erfolgten Machtverluste der Hegemonialmacht zugewachsen sind.
Was man schon vorher nicht halten konnte, lässt sich nur mit viel größerem Aufwand wieder zurück gewinnen.
Er ist daher strukturell zum Scheitern verurteilt, auch wenn eine punktuelle Zusammenarbeit immer wieder vorkommen wird.


RE: Kulturen im Konflikt - Quintus Fabius - 19.01.2026

Trump hat ja einen sogenannten Friedensrat für Gaza aufgestellt, in welchem dann die Finanziers der Hamas über die Zukunft der Hamas abstimmen können, was insbesondere in Israel schlecht ankommt.

Nun aber soll der "Friedensrat"" als Alternative für die UN weltweite Zuständigkeit haben. Die "Regeln" für diese "Organisation" welche Trump jetzt vorgestellt hat sind einfach nur noch witzig:

https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/donald-trump-friedensrat-gaza-ausweitung-vereinte-nationen

Zitat:US-Präsident Donald Trump plant laut Berichten verschiedener US-Medien, den für Gaza ins Leben gerufenen sogenannten Friedensrat unter seinem Vorsitz auf eine weltweite Zuständigkeit auszudehnen.

Demnach sollen Staaten für eine dauerhafte Mitgliedschaft in dem neuen Friedensrat eine Gebühr von mindestens einer Milliarde Dollar zahlen. Trump will den Berichten zufolge als Gründungsvorsitzender darüber entscheiden, welchen Staaten eine Mitgliedschaft angeboten wird.


Anbei: die 1 Milliarde werden zwar theoretisch an eine Art Stiftung gezahlt, aber de facto an Trump selbst, da er diese und die Mittelverwendung absolut kontrolliert.

Zitat:Entscheidungen sollen mit einfacher Mehrheit gefasst werden. Allerdings müsste der Vorsitzende – also Trump – alle Beschlüsse genehmigen. Der jeweilige Vorsitzende solle auch über seine Nachfolge entscheiden, heiße es. Dies würde garantieren, dass die USA den Vorsitz nie abgeben müssten.

Jedes Mitgliedsland solle dem Dokument zufolge für einen Zeitraum von maximal drei Jahren aufgenommen werden. Über eine Verlängerung der Mitgliedschaft entscheide "der Vorsitzende". Diese Beschränkung gelte allerdings nicht für Länder, die "mehr als eine Milliarde Dollar in bar" innerhalb des ersten Jahres nach Inkrafttreten des Gründungsdokuments beitrügen. Wofür das Geld verwendet werden soll, gehe aus der Charta nicht hervor.

Zitat:Der nun in Umlauf gebrachte Entwurf für einen neuen, erweiterten Friedensrat erwähnt jedoch Gaza den Berichten zufolge nicht mehr explizit.

Ungarn ist übrigens beigetreten und Trump hat sich persönlich bei Ungarn bedankt Big Grin


RE: Kulturen im Konflikt - Zardo - 19.01.2026

(19.01.2026, 07:19)Quintus Fabius schrieb: Ungarn ist übrigens beigetreten und Trump hat sich persönlich bei Ungarn bedankt

Oh, Ostrom muss an die Horde wieder 2000 Pfund Gold Tribut pro Jahr zahlen Big Grin

Wenn alle 193 UN Mitgliedsstaaten diese Summe aufzubringen hätten, müssten wohl die Präsidentengattinen einiger ärmerer Länder anfangen, ihre Halsketten und Ohrringe einzuschmelzen.


RE: Kulturen im Konflikt - Broensen - 19.01.2026

Zitat:Entscheidungen sollen mit einfacher Mehrheit gefasst werden. Allerdings müsste der Vorsitzende – also Trump – alle Beschlüsse genehmigen. Der jeweilige Vorsitzende solle auch über seine Nachfolge entscheiden
Na, endlich wird die Welt eine Erbmonarchie. Das wurde aber auch Zeit!


RE: Kulturen im Konflikt - DrKartoffelsalat - 19.01.2026

(19.01.2026, 07:19)Quintus Fabius schrieb: Ungarn ist übrigens beigetreten und Trump hat sich persönlich bei Ungarn bedankt Big Grin

Haushaltsdefizit, eingefrorene EU-Gelder, aber für 'ne Schmiergeldzahlung in den Trump-Club ist 'ne Milliarde schon noch übrig Big Grin


RE: Kulturen im Konflikt - lime - 19.01.2026

(19.01.2026, 09:28)DrKartoffelsalat schrieb: Haushaltsdefizit, eingefrorene EU-Gelder, aber für 'ne Schmiergeldzahlung in den Trump-Club ist 'ne Milliarde schon noch übrig Big Grin

Andere müssen eine Billion Schulden aufnehmen und hauen pro Jahr dutzende Milliarden ins Ausland hinaus. Da ist man doch mit einer Milliarde ziemlich günstig dabei. Eine clevere Investition der Ungarn.


RE: Kulturen im Konflikt - Kongo Erich - 19.01.2026

(18.01.2026, 13:52)Kongo Erich schrieb: ....
Aber dieser Versuch negiert die Gründe, die zum Verlust der Vormachtstellung geführt haben und ignoriert die Stärke, die den ehemaligen Satelliten durch die bereits erfolgten Machtverluste der Hegemonialmacht zugewachsen sind.
Was man schon vorher nicht halten konnte, lässt sich nur mit viel größerem Aufwand wieder zurück gewinnen.
Er ist daher strukturell zum Scheitern verurteilt, auch wenn eine punktuelle Zusammenarbeit immer wieder vorkommen wird.
(19.01.2026, 11:45)Kongo Erich schrieb: ...
Und die "multipolare Welt" ist nicht tot, sondern im Gegenteil - der Druck aus den zunehmend geschwächten USA führt zwangsläufig dazu, dass sich vormalige "Satelliten" ebenso zunehmend verselbstständigen und den Schulterschluss untereinander suchen. Das Handelsabkommen zwischen EU und Mercosur ist dafür ein Zeichen.

In einer solchen Multipolaren Welt gewinnt nicht der Staat an Einfluß, der den größten Druck ausübt - sondern der Staat bzw. die Staatengruppe, die am Besten und am Häufigsten gemeinsame Interessen mit anderen Partnern finden - auf Augenhöhe und zum beiderseitigen Vorteil.
...
in dem Kontext sehe ich nicht nur das Handelsabkommen zwischen EU und Mercosur.
Zitat:Trumps Unberechenbarkeit
Allianz der Enttäuschten: Wie Trump die EU und Indien zusammenbringt

Trump rüttelt Europa und Indien wach: Neu-Delhi ordnet seine Beziehungen neu und reduziert Moskaus Einfluss. Für die EU ergibt sich eine strategische Chance. Ein Gastbeitrag.

Indien macht ähnliche Erfahrungen wie die Europäer. Als Washington 2025 erneut mit Sanktionen und politischem Druck auf Neu-Delhi reagiert, weil Indien an seiner strategischen Autonomie festhält und seine Beziehungen zu Russland nicht den amerikanischen Erwartungen unterordnet, wird auch dort deutlich, wie begrenzt die Verlässlichkeit der USA inzwischen ist. Das Jahr 2025 markiert damit keinen bloßen Tiefpunkt, sondern einen Bruch in den transatlantischen Beziehungen und darüber hinaus.
...

(19.01.2026, 09:28)DrKartoffelsalat schrieb: Haushaltsdefizit, eingefrorene EU-Gelder, aber für 'ne Schmiergeldzahlung in den Trump-Club ist 'ne Milliarde schon noch übrig Big Grin
eine illustre Gesellschaft, die sich da zu bilden scheint:
Kreml prüft Teilnahme - USA laden Putin in geplanten "Friedensrat" ein


RE: Kulturen im Konflikt - Broensen - 19.01.2026

(19.01.2026, 13:39)lime schrieb:
Zitat:aber für 'ne Schmiergeldzahlung in den Trump-Club ist 'ne Milliarde schon noch übrig
Andere müssen eine Billion Schulden aufnehmen und hauen pro Jahr dutzende Milliarden ins Ausland hinaus. Da ist man doch mit einer Milliarde ziemlich günstig dabei. Eine clevere Investition der Ungarn.
Du schaffst es aber auch wirklich, jedem Blödsinn noch etwas positives abzugewinnen, solange es nur bloß nicht allzu moralisch, nachhaltig oder philanthropisch ist.


RE: Kulturen im Konflikt - Kongo Erich - 19.01.2026

(07.01.2026, 18:48)Kongo Erich schrieb: ....
Ergänzend:
Diese Karte zeigt die Einflußsphären aus russischer Sicht:
[Bild: https://www.fr.de/assets/images/41/35/41035776-kirill-dmitrijew-spricht-gestikulierend-in-ein-mikrofon-weltkarte-mit-aufteilung-in-drei-einflussbereiche-3kiU0fkzCX73.jpg]
Quelle: FR
Russland mischt sich in Grönland-Chaos ein: Putin-Gesandter verbreitet absurde Karte
Stand:07.01.2026, 13:40 Uhr
Die "Denke in Einflußsphären" ist in Moskau anscheinend deutlich intensiver, und hinsichtlich der kollabierten UdSSR auch restauratorischer, als bisher bekannt war. Nach Kirill Dmitrijew dem oben zitierten Berater von Wladimir Putin, hat sich mit Alexander Dugin ein weiterer "Vordenker" zu Wort gemeldet:
Russen-Ideologe fordert - Kremlchef soll diese 7 Länder unterwerfen
Zitat: Ein prominenter Berater des Kremls hat Wladimir Putin aufgerufen, militärische Operationen gegen sieben ehemalige Sowjetrepubliken zu starten. Die Forderung steht in direktem Zusammenhang mit Donald Trumps Äußerungen zur Annexion Grönlands.
...

Putin-Vertrauter: Kremlchef soll 7 Länder unterwerfen
Alexander Dugin, der oft als ideologischer Vordenker des russischen Präsidenten gilt, nennt Armenien, Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan als Ziele. Dugin rechtfertigt seine Forderung mit der veränderten geopolitischen Lage.

・"Russland ist verpflichtet, etwas Schreckliches zu tun, um seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen", schrieb der Ideologe auf X.

・Er fügte hinzu: "Nur Brutalität, Gewalt, Massenzerstörung und Grausamkeit zählen in einer Trump-ähnlichen Welt."

Der Kreml-Berater nutzt Trumps aggressive Rhetorik gegenüber Grönland als Begründung für eine grundlegende Neuordnung der internationalen Beziehungen. Seit Beginn der Ukraine-Invasion argumentiert Dugin wiederholt für die Wiederherstellung einer russischen Einflusssphäre im postsowjetischen Raum.

Putin-Ideologe will es wie Trump machen

Der Ideologe propagiert eine eurasische Monroe-Doktrin nach amerikanischem Vorbild. Dugin verlangt, dass Moskau die internationale Rechtsordnung beiseite wirft und Russland offiziell zum Imperium erklärt. Der Kremlführer müsse sich an einer Neuaufteilung der Welt beteiligen, in der Russland, China und die USA die dominierenden Mächte bilden.
...
dazu:
1. Dugin blendet völlig aus, was zum Kollaps der UdSSR geführt hat - diese Probleme würde sich Russland wieder ans Bein binden.
2. Dugin hat die Rechnung ohne die genannten "Opfer" gemacht. Die werden durch solche Vorstöße nur alarmiert, sich auf ihre eigenen Interessen zu besinnen und selbst nach Verbündeten (und nicht nach einem Hegemon) zu suchen.


RE: Kulturen im Konflikt - muck - 20.01.2026

Nach dem Venezuela-Coup wurde mir hier von manchen geantwortet, meine Vorhersage, dass Trump die Welt unsicherer gemacht habe, sei eine Überreaktion. Die Aussagen Dmitrijews, Dugins und auch das Duma-Sprechers Wolodin zeigen jedoch, welche Konsequenzen Russland ziehen will.

Natürlich bricht Moskau das Völkerrecht nach Lust und Laune, und braucht keine US-Völkerrechtsbrüche als Vorlage, um sich zu rechtfertigen. Das Problem liegt anderswo: Prestige.

Russland ist krankhaft darauf versessen, als auf Augenhöhe mit Amerika stehend wahrgenommen zu werden.

Was Trump in seiner unnachahmlichen Planlosigkeit, seinem Unverständnis der geopolitischen Realitäten geschaffen hat, ist ein "Revanche pour Sadova"-Moment. Russland und auch China werden jetzt ihrerseits auf die expansionistische Tube drücken, um ihren verletzten Honor Imperii wiederherzustellen.


RE: Kulturen im Konflikt - Schneemann - 20.01.2026

@Kongo Erich
Zitat:1.
Die Ursache für den Zusammenbruch der dominanten westlichen Stellung war nicht die Hoffnung auf irgendeine Demokratisierung in irgendwelchen Weltteilen (wobei der Westen ja die undemokratischen Despoten akzeptiert hat, die auf seiner Seite waren), sondern schlicht eine Überforderung - die nicht mehr aufrecht erhalten werden musste, nachdem die UdSSR und der Warschauer Pakt als "globale Gegner" zusammen gebrochen, sprich, in den wirtschaftlichen Ruin gerüstet waren.
Ich denke nicht, dass es eine Überforderung war. Man war im Westen, gerade auch in Europa, froh darüber, dass das Schreckgespenst sowjetischer Panzerspitzen am Fulda Gap verschwunden war und dass man die durchaus hohen eigenen Militärausgaben zurückfahren konnte.
Zitat:2.
In der Folge erhoffte man sich (Stichwort: Friedensdividende) vermehrt wirtschaftlichen Wohlstand, ohne diesen durch weitere Rüstungsausgaben zu belasten. Die Frage, ob etwa lateinamerikanische Staaten jetzt durch rechtsgerichtete (Militär-)Despoten oder demokratisch gewählte Präsidenten regiert wurden, waren völlig irrelevant. Hauptsache, das waren keine Kommunisten - aber der Kommunismus war ja nach Gorbatschow und der Auflösung der UdSSR unter Jelzin ohnehin "tot".
Hier muss man etwas abgrenzen: Die Unterstützung rechtsgerichteter Diktatoren, solange sie nichts mit dem Kommunismus am Hut hatten, geschah im Rahmen des Kalten Krieges (man denke an die Lippmann-Prophezeiung nach Postulierung der Containment-Strategie), und dies kann und sollte man auch kritisieren, nach 1990 spielte diese Vorgehensweise jedoch nur mehr eine sehr untergeordnete Rolle. Manchmal ist es auch nur mehr eine Alibibehauptung, wenn es um eine Kritik an den USA geht.
Zitat:Die Lockerung - sprich, der Wegfall des gemeinsamen Gegners - hat Zentrifugalkräfte frei gesetzt, die mehr und mehr auf die Besinnung auf die - und Stärkung der eigenen - nationalen oder regionalen Bedürfnisse ausgelegt waren.
Die Frage wäre vielmehr, ob denn die Bindungen, die durch den Wegfall des Ost-West-Gegensatzes zerfielen, nicht eher auch, zumindest teils, destruktive Kräfte und teils extreme Nationalismen freisetzten und befeuerten?
Zitat:Ich nehme mal - im Uhrzeigersinn - diese Machtblöcke der Reihe nach:
= Lateinamerika um das Zentrum Brasilien wächst in die Unabhängigkeit von den USA,
Lateinamerika ist in sich zu stark gespalten, ich meine dies einerseits wirtschaftlich-innergesellschaftlich (historisch bedingt, v. a. der Konflikt zwischen Landbesitztum und Landbevölkerung), teils bzgl. Rassengegensätzen betrachtet (Weiße, Indios, Mestizen, Schwarze) und vor allem andererseits auch politisch. Ein Petro in Kolumbien kann mit Lula, aber nicht mit Bolsonaro oder Milei. Und ein Kast in Chile ist sicher kein Freund von Lula. Hinzu kommen massive andere Probleme, etwa die Kriminalität bis hin zu den Drogenkartellen.
Zitat: die USA versuchen, sich an ihren Status als Supermacht zu klammern,
Ich denke, sie sind es nachwievor, sie sollten nur ihre Schuldenpolitik in den Griff bekommen.
Zitat:die EU wächst aus dem Schatten der USA in eine immer stärkere unabhängige Rolle,
Vielleicht. Wenn Europa sein Militär weiter verstärkt und wenn es so sein wird, dass ein zunehmend konservativerer und auch international härterer Wind durch Europa zieht, auch in Einwanderungsfragen oder hinsichtlich des teils hemmenden, überbordenden Glauben an internationalen Organisationen, den es zu überwinden gilt, und dies ähnlich wie die USA definiert, dann wird Europa tatsächlich ein ernst zu nehmender Player werden. Wenn aber sich rechtspopulistische Kreise durchsetzen hin zu einer stärkeren nationalstaatlichen Zersplitterung, dann sehe ich eher eine Schwächung.
Zitat: Russland versucht eine Restauration der alten Sowjetmacht,
Nach Putin wird Russland sich erst einmal selbst wieder restaurieren müssen. Vielleicht droht sogar ein interner Konflikt.
Zitat: China erhebt sich aus dem Schatten der untergegangenen Sowjetunion und wird zur dominanten Macht Ostasiens und zur asiatischen Konkurrenz der USA,
Das wird es wohl. Aber China muss auch aufpassen, dass es seine asiatischen Nachbarn nicht zu sehr vergrault. Viele Jäger sind bekanntlich auch des Hasen Tod.
Zitat: Japan und Südkorea (mit Taiwan) versuchen, ihre Unabhängigkeit von China zu bewahren, und finden dabei in den USA einen "natürlichen Verbündeten"
Das ist sicherlich richtig.
Zitat: Südostasien wächst unter dem Titel "ASEAN" zu einer eigenständigen Wirtschaftsmacht nach dem Muster der EU - in Abgrenzung bzw. Gratwanderung zwischen China, Indien und Australien;
Das halte ich für eine Überbewertung. ASEAN entstand in den 1960ern als rein antikommunistisches Bündnis. Man dachte dann, als das kommunistische Vietnam in den 1990ern beitrat, dass dies ein Hinweis auf Lockerung sei. Dreißig Jahre später ist die Lage aber mau. Kambodscha und Thailand schießen mit schwerer Artillerie aufeinander, Myanmar muss erst seine Muslime niedermetzeln und zudem hegen sowohl Birmanen als auch Thai, Vietnamesen und Kambodschaner tiefe Ressentiments gegeneinander, die weit über innereuropäische Animositäten hinausreichen. Von 220 Millionen Muslimen in Indonesien rede ich lieber nicht. Dass diese ein Staatenbündnis eingehen könnten wie die EU untereinander mit den übrigen Staaten, ist faktisch nicht in Sicht.
Zitat: Indien versucht, zur dominanten Regionalmacht Südasiens aufzusteigen
Indien wird meiner Ansicht nach überbewertet. Die sogenannte größte Demokratie der Welt ist eine Chimäre. Das Land erstickt an seinen Menschen und im Dreck und beheimatet endemische Krankheiten wie die Lepra. Das wird auf Dauer nicht gutgehen. Hinzu kommen noch religiöse Gegensätze und politische Spannungen. Das Land wird langfristig von selbst erdrückt.
Zitat: der Iran wird eine eigenständige Regionalmacht mit Hegemonialansprüchen über Afghanistan bis Tadschikistan
Der Iran hat durchaus Potenzial, das sehe ich ähnlich. Aber er muss sich erst freischwimmen vom aktuellen, rückständigen Regime, ohne dass allzu große Leichenhaufen entstehen.
Zitat: die turksprachigen Staaten Zentralasiens versuchen. sich mit Hilfe der Türkei (Turan) aus der Dominanz von Russland im Norden und einem ausgreifenden China im Osten zu befreien,
Da ist was durchaus was dran.

In dem Sinne:
Zitat:dazu:
1. Dugin blendet völlig aus, was zum Kollaps der UdSSR geführt hat - diese Probleme würde sich Russland wieder ans Bein binden.
2. Dugin hat die Rechnung ohne die genannten "Opfer" gemacht. Die werden durch solche Vorstöße nur alarmiert, sich auf ihre eigenen Interessen zu besinnen und selbst nach Verbündeten (und nicht nach einem Hegemon) zu suchen.
Das könnte der Untergang des heutigen Russland werden, ähnlich wie Polen im 18. Jahrhundert. Die russische Armee ist ein desolater Sauhaufen, der nicht mal mit der Ukraine fertig wird. Und nun will man sieben andere Staaten gleichzeitig angreifen? Wenn sie das probieren, wird sich China den Osten schnappen, die zentralasiatischen Staaten - ggf. mit türkischer oder gar iranischer Unterstützung - den Süden und die Europäer könnten ja ihre Satrapen (Ukraine, Georgien, Armenien) zum Zugriff auf den Südwesten animieren. Ich fürchte aber, dass es da dann unkalkulierbare Entwicklungen gibt, denn die Kamarilla in Moskau wird angesichts dieser Debakels dann wohl mit Atombomben um sich werfen.

Schneemann


RE: Kulturen im Konflikt - Schwabo Elite - 20.01.2026

(20.01.2026, 06:54)Schneemann schrieb: Die Frage wäre vielmehr, ob denn die Bindungen, die durch den Wegfall des Ost-West-Gegensatzes zerfielen, nicht eher auch, zumindest teils, destruktive Kräfte und teils extreme Nationalismen freisetzten und befeuerten?

Solche destruktiven Kräfte waren schon immer da, hatten aber keine Reichweite.

Das Internet ist der Gamechanger.

Und hier insbesondere das Smartphone und die Asozialen Medien.

Menschen sind nicht dafür gemacht, derart viel Information, wie ihnen präsentiert wird, sinnvoll zu verarbeiten.
Der schlauere Teil der Bevölkerung weiß das, und baut selbst beschränkende Filter ein.
Der weniger schlaue Teil der Bevölkerung bekommt die Volle Dosis und dreht in Folge regelrecht ab.

Das Resultat sind Donald Trump, die MAGAs und die AfD.

Die so massiv ausgelöste Unsicherheit schreit dann fast automatisch nach Autoritäten.

Insoweit eine Parallele zu Weimar: Wir fördern die Strassenschlachten, um uns anschliessend als die Kraft zu präsentieren, die Ordnung schafft.

Ich hoffe, dass man diesen an sich ganz einfachen Kausalzusammenhang sieht und die Konsequenzen zieht.
Mindestens in Europa.


RE: Kulturen im Konflikt - lime - 20.01.2026

(20.01.2026, 17:14)Schwabo Elite schrieb: Und hier insbesondere das Smartphone und die Asozialen Medien.

Oh Hilfe, die Menschen können sich abseits parteiischer Medien frei informieren, das geht ja gar nicht Big Grin