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Normale Version: Die punischen Kriege
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Man hat ein Gebiet einer Seeschlacht aus dem 1.Punischen Krieg - nämlich jener bei den ägadischen Inseln - lokalisiert und dort zahlreiche Funde gemacht.
<!-- m --><a class="postlink" href="http://www.nottingham.ac.uk/News/pressreleases/2013/november/ancient-naval-battle-site-relics-of-war.aspx">http://www.nottingham.ac.uk/News/pressr ... f-war.aspx</a><!-- m -->
Zitat:Ancient naval battle site 'rammed' with relics of war

On March 10 241BC a huge naval battle took place off the coast of Sicily between the Romans and their archenemies the Carthaginians. It put an end to the First Punic War and set the Roman Republic on its militaristic path to becoming an Empire.

The Battle of the Egadi Islands is the first ancient naval battle site ever discovered and it is now being surveyed in minute detail.

Bislang kannte man nur drei Rammsporne antiker Kriegsschiffe. Dort hat man aber bislang elf gefunden!
Aber auch historisch ist diese Seeschlacht interessant, da sie die Entscheidung im 1.Punischen Krieg brachte. Ich würde sogar behaupten, das sie eine der bedeutendsten Seeschlachten der Weltgeschichte ist.
Zudem war die Seeschlacht bei den ägadischen Inseln die quasi letzte Chance für Rom gewesen, den Krieg zu gewinnen. Im Falle einer Niederlage hätte man nicht nur Sizilien aufgeben müssen, sondern wäre auch nicht mehr in der Lage gewesen eine neue Flotte aufzustellen.
Die Funde sind allerdings spektakulär. Insbesondere in Bezug auf die Bauweise der Schiffe und die Antike Schiffsbautechnologie sind hier Durchbrüche zu erwarten.

Allgemein vielleicht ganz interessant ist, dass die antiken Flotten/Schiffe systematisch in einer Art Steckbausystem sehr schnell zusammen gesetzt wurden. Alle Teile wurden in Massenserien gefertigt und dann numeriert und dann erfolgte die Endmontage zum fertigen Schiff. Das setzt ein hohes Maß an technischem Können und Genauigkeit voraus. Die Qualität der "römischen" Schiffe war dabei keineswegs unterhalb jener der karthagischen.

Im Falle einer Niederlage wäre das Heer der Römer immer noch ungeschlagen gewesen, während sich die Karthager in Sizilien nur noch auf Bandenkampf und einige wenige abgelegene Festungen stützen konnten.

Die Versorgung der römischen Truppen auf Sizilien war im Laufe der vielen Kriegsjahre weitgehend autark geworden und war auch vorher schon - als keine Flotte vorhanden war - gesichert gewesen. Der Verlust der Flotte hätte daher die Kämpfe auf dem Land nicht zu Ende gebracht.

Für die Frage wie die Republik ihre Flotten rekrutierte wird zudem (aufgrund der römischen Quellen die eine falsche Sichtweise geben) der Beitrag der Bundesgenossen zur See (der Socii Navales) extrem unterschätzt. Diese stammten primär aus Süditalien und waren primär griechischer Abstammung und traditionell Karthago-Feindlich. Die süditalischen Griechen waren gute Schiffbauer, es gab noch genügend Wälder in Süditalien in dieser Zeit und menschliche Arbeitskraft hatte die Republik noch genug. Es wäre daher über das Bundesgenossen-System möglich gewesen, selbst nach Verlust der Flotte noch eine weitere Flotte zu bauen. Die leere Staatskasse war da kein Hinderungsgrund, die war schon lange Jahre vor der Schlacht leer gewesen und trotzdem konnten immer neue Heere über das Bundesgenossensystem und die römischen Milizen ausgehoben werden.

Speziell zu den punischen Kriegen kann ich die Werke von Lazenby besonders empfehlen, insbesondere sein Buch: The First Punic War, dass bis heute im Endeffekt das Standard-Werk zu diesem Krieg ist.
Das Bündnisssystem der Römer war systematisch auf Eroberung ausgerichtet. Es konnte starkeTruppen schnell aus dem Apennin zusammenziehen, in Notzeiten auch durch Zwang. Doch sind nur wenige Fälle von Verweigerung der Bündnispartner ob der Kriegsbelastung bekannt. Eher schickten die damals recht kriegerisch eingestellten Stämme und Städte freiwillig ihre überzähligen Söhne zum Kriegsdienst. Dagegen zahlten sich die Eroberung in barer Münze aus, sei es durch Versklavung der aufsessigen Bevölkerung, Landraub oder "Entschädigungszahlungen". Die Beute kompensierte die offiziell hohe Staatsverschuldung.

Bei Karthago sind mir solche Methoden bis zum 1. punischen Krieg nicht bekannt. Man war darauf bedacht erfolgreich Handel zu treiben und Monopole zu sichern. Krieg war allenfalls ein notwendiges Übel um wichtige Ressourcen und Handelswege zu schützen. Das Gros der wehrfähigen altkarthagischen Bevölkerung diente in der Flotte. An Land kämpften Söldner. Sie hatten den Vorteil, dass sie professionell waren und im Frieden nichts kosteten. Nur hatten sie auch die Nachteile, dass die Gefahr eines Seitenwechsels bestand und dass die Organisation der punischen Heeres so sehr inhomogen wurde. Wie dem auch sei, mit diesen Methoden ist Karthago durch friedlichen Handel unheimlich reich geworden. Es ist davon auszugehen, dass der halbe Mittelmeerraum bei den Karthagern irgendwo Schulden hatte :lol: .

Jetzt zur Flotte: Die phönizische Nautik ist seit 1000 v.Chr. sehr erfolgreich gewesen. Das Entwicklungstempo der Nautik zu dieser Zeit war aber nicht groß. So konnten andere den technologischen Vorsprung der Phönizier auch aufholen, bzw. kopieren. Schon der attische Bund stellte eine großes Gegengewicht dar. Überlegenheit erlangte die Phönizier wieder durch die Verbindung zu den finanzstarken Persern und durch die Zerstrittenheit der Griechen.

Offizielle Lehrmeinung ist, dass die Römer die karthagische Flotte besiegten, indem sie ihre Schiffe mit schweren Fußtruppen, ausgerüstet mit Enterbrücken und Artillerie verbanden. Bei den Karthager fand sich anscheinend nicht das richtige Personal für solche Taktiken. Es verwundert mich trotzdem, dass sie es nicht schafften. Denn im Prinzip waren diese Techniken schon seit Alexander dem Großen bekannt. Vielleicht können die neuen Funde dazu Aufschluss geben.

lg - blasrohr
@Quintus Fabius
Zitat:Allgemein vielleicht ganz interessant ist, dass die antiken Flotten/Schiffe systematisch in einer Art Steckbausystem sehr schnell zusammen gesetzt wurden. Alle Teile wurden in Massenserien gefertigt und dann numeriert und dann erfolgte die Endmontage zum fertigen Schiff.
Das erklärt auch, warum sowohl Rom als auch Karthago komplette Flotten innerhalb weniger Monate aufstellen konnten.

Zitat:Die Versorgung der römischen Truppen auf Sizilien war im Laufe der vielen Kriegsjahre weitgehend autark geworden und war auch vorher schon - als keine Flotte vorhanden war - gesichert gewesen.
Wie kam es dazu?
Konnten sich die römischen Truppen bei ihrer Versorgung auf die Loyalität einiger neutraler, aber karthagerfeindlicher griechischer Städte verlassen? Syrakus hatte ja schon so manchen Krieg gegen Karthago ausgefochten...

Zitat:Die leere Staatskasse war da kein Hinderungsgrund, die war schon lange Jahre vor der Schlacht leer gewesen
Die römischen Frauen hatten sogar ihren Schmuck gepfändet, damit wieder Geld in die Kriegskasse kam. Viel später, im 3.Punischen Krieg, gaben dann die karthagischen Frauen ihre Haare...

@blasrohr
Zitat: Doch sind nur wenige Fälle von Verweigerung der Bündnispartner ob der Kriegsbelastung bekannt. Eher schickten die damals recht kriegerisch eingestellten Stämme und Städte freiwillig ihre überzähligen Söhne zum Kriegsdienst.
So hielten Rom seine Bündnispartner und diese ihre Jugend bei Beschäftigung und Laune!
Aber aus welchen Motiven folgten eigentlich die Bündnispartner Rom?

Zitat:Bei Karthago sind mir solche Methoden bis zum 1. punischen Krieg nicht bekannt.
Oh doch! So versuchte Karthago ganz Sizilien unter seine Kontrolle zu bringen, scheiterte aber vor allem an Syrakus.
Witzigerweise war es zu jener Zeit mit dem Perserreich verbündet, dessen König Kambyses mal geplant hatte Karthago zu erobern! Man vermutet übrigens, das der karthagische Versuch, ganz Sizilien für sich zu erobern und der persische Angriff auf Griechenland miteinander abgestimmt waren.
Zudem hatte Karthago offenbar Sardinien erobert und gemeinsam mit den Etruskern die Griechen von Korsika vertrieben, auch wenn die karthagische Kontrolle über Korsika wohl immer schwach blieb.
Daneben hatte Karthago sein nordafrikanisches Kernland zu schützen, gegen Begehrlichkeiten etwa der Numidier, und wohl auch gegen mögliche Aufstände anderer phönizischer Städte in seinem Herrschaftsgebiet. Dort war Karthago nämlich auch nicht unbedingt beliebt.
Insgesamt wissen wir vergleichsweise wenig über die karthagische Militärgeschichte, wohl auch weil die Bibliothek von Karthago beim Untergang der Stadt zerstört wurde.

Zitat:Das Gros der wehrfähigen altkarthagischen Bevölkerung diente in der Flotte. An Land kämpften Söldner.
Einwohner von Karthago dienten auch im Heer. So gab es vor den punischen Kriegen die sogenannte "Heilige Schar", einen Eliteverband.
Allerdings scheint die Flotte in immer zunehmenderem Maße dem Heer Bürger der Stadt Karthago als Rekruten entzogen zu haben. Das ging so weit, das häufig nur noch die Offiziere Bürger der Stadt waren, was imo wohl auch darauf zurückzuführen ist das es regelrechte Offiziers-Dynastien gab.
Eine wichtige Stütze des karthagischen Heeres scheinen auch die Bürger der Städte in Nordafrika gewesen zu sein.
Tiger:

Zitat:Aber aus welchen Motiven folgten eigentlich die Bündnispartner Rom?

Einer der wenig bekannten Gründe für die Treue der Bundesgenossen war, dass diese immer genau die Hälfte der Beute erhielten und exakt die Hälfte der Truppen dafür stellen mussten, dass aber ihr Bevölkerungsanteil an der gesamten Bevölkerung des Staates deutlich höher war als der römische.
Eine römische Armee hatte daher im Verhältnis zur Bevölkerung immer deutlich höhere römische Verluste als die Bundesgenossen. Trotzdem ging die Beute immer zu 50% an die Bundesgenossen.

Noch darüber hinaus wurden diese immer an die Flanken gestellt, wo die Verluste noch geringer waren (im Schnitt), während die Römer sich das Schlachten in der Mitte bei höheren eigenen Verlusten vorbehielten.

Man hatte also weniger Lasten zu tragen und verlor weniger Blut als der Verbündete, bei gleichem Einkommen. Noch dazu kamen die Kolonien der Römer in den Gebieten der Bundesgenossen, welche als "Festungsstädte" deren Länder gegen angrenzende Feinde schützten.

Rom war immer und sofort bereit, bis zur Selbstvernichtung selbst für den kleinsten unbedeutensten Bundesgenossen zu kämpfen. Die extreme und absolut verlässliche Bündnistreue der Römer selbst zahlte sich in den punischen Kriegen immens aus, als die Bundesgenossen diese zurück zahlen konnten!

Umgekehrt konnten die Römer Verrat von offiziellen Bundesgenossen nicht ab. Das war für sie das schlimmste denkbare Verbrechen und wurde immer mit systematischem Völkermord geahndet. Der Verrat eines Bundesgenossen löste in Rom eher Panik, Hysterie und Kriegswut aus, als die Vernichtung einer römischen Armee durch irgendeinen auswärtigen Feind.

Im zweiten punischen Krieg konzentrierten sich die Römer daher auch aufgrund dieser Ideologie nach Cannae primär darauf, die Verräter anzugreifen und auszurotten, als auf die Bekämpfung Hannibals. Das war keine brilliante Vermeidungsstrategie, dass ging tiefer. Zuerst mussten die Verräter bestraft werden. Alles andere, selbst Hannibal war demgegenüber nachrangig.

Auch dieser Umstand erhöhte die Motivation wankelmütigerer Bundesgenossen, dass Bündniss einzuhalten. Man hatte im Endeffekt keine Möglichkeit aus dem Bündnis auszusteigen, ohne dabei die völlige Vernichtung zu riskieren.

blasrohr:

Zitat:Offizielle Lehrmeinung ist, dass die Römer die karthagische Flotte besiegten, indem sie ihre Schiffe mit schweren Fußtruppen, ausgerüstet mit Enterbrücken und Artillerie verbanden. Bei den Karthager fand sich anscheinend nicht das richtige Personal für solche Taktiken. Es verwundert mich trotzdem, dass sie es nicht schafften. Denn im Prinzip waren diese Techniken schon seit Alexander dem Großen bekannt.

Der Schiffskampf im östlichen Mittelmeer (Hellenistische Reiche) war vor den punischen Kriegen primär ein Kampf mit Katapulten und Fernwaffen, dann folgte das Entern mittels an Bord mitgeführter Marineinfanterie, die meist leicht bewaffnet war (keine Körperpanzerung beispielsweise, leichte und kleine Schilde etc). Die Karthager aber waren militärisch immer etwas veraltet bzw hingen etwas hinterher. Sie führten auch zu dieser Zeit den Kampf zur See noch nach älterem griechischem (athenischen) Vorbild primär durch das Rammen und Versenken des Feindes mittels Rammsporen.

Bei dieser Kampfweise ist eine größtmögliche Beweglichkeit notwendig, weshalb die Schiffe möglichst leicht sein müssen. Daher hatte man kaum Marineinfanterie bzw so gut wie keine Bewaffneten an Bord. Da die Karthager so gute Seeleute waren, funktionierte diese Kampfweise auch noch gegen die Diadochen sehr gut. Diese setzen auf Schiffs"geschütze", aber die Karthager versenkten sie trotzdem indem sie sie ausmanövrierten und versenkten. Dabei setzten die Karthager konträr zur Entwicklung im östlichen Mittelmeerraum auf immer schnellere Schiffe, was durch die Steigerung der Anzahl der Ruderer an Bord erreicht wurde. Sowohl die Quadrireme als auch die Quinquereme sind karthagische Erfindungen.

Die süditalischen Griechen kämpften im Endeffekt auch noch auf die gleiche Weise wie die Karthager und übernahmen von diesen die sprintschnelleren, beweglicheren Schiffstypen. Die Römer konnten nun damit nichts anfangen. Ihre einzige Kampfweise war die Landschlacht, also verwandelten sie die Seeschlachten einfach in Infanteriegefechte. Mittels der breiten Enterbrücken stürmte einfach konventionelle römische Infanterie an Bord des feindlichen Schiffes und eroberte es, gleich ob dieses das römische Schiff gerammt und damit zum Sinken verurteilt hatte. Die Römer trugen dabei einfach ihre Landausrüstung, also Metallpanzer und die schweren Schilde. Wer ins Wasser fiel, musste daher ertrinken. Außerdem gingen römische Flotten regelmäßig in "Stürmen" unter, weil die Schiffe einfach überladen und viel zu toplastig waren. Rom verlor mehr Schiffe und mehr Soldaten durch rauhe See (musste nicht mal Stürmen dafür) als durch die Karthager. Was im Laufe der Zeit übrigens dazu führte, dass man die Enterbrücken aufgab, dies allerdings erst, nachdem man die karthagische Flotte schon völlig ausgeblutet hatte.

Selbst als die Karthager darauf hin größere Mengen an Truppen an Bord ihrer Schiffe brachten, nützte dies nichts, da römische Infanterie im direkten Nahkampf jeder Karthago zur Verfügung stehenden Einheit weit überlegen war.

Auch an Land verlor ja Karthago in dieser Zeit absolut jede Landschlacht, die römischen Legionen schlachteten auf Sizilien im Endeffekt jeden offenen Widerstand binnen kürzester Zeit ab. Die Karthager konnten Rom in Bezug auf den Massennahkampf im Ersten Punischen Krieg niemals etwas entgegen setzen, weder an Land noch auf See.

Die römischen Legionen waren auf den Massennahkampf hoch spezialisiert, entstammten einem extremst kriegerischen Umfeld und Rom hatte über sein Miliz und Bundesgenossensystem einfach gigantische Truppenzahlen im Vergleich zu allen anderen Mächten dieser Zeit. Verluste waren da völlig irrelevant, da die Milizen ihre eigenen Waffen stellen mussten.
Karthago konnte für das Landheer keine so großen Truppenstärken mobilisieren, weil die damalige Flotte extrem personalintensiv war und diese zudem auch noch die lebensnotwendigen Handelswege sichern musste. Eine Ruderbesatzung (ca. 150 pro Kahn) benötigte Ausbildung und Nahrung genauso, wie die Soldaten der Landstreitkräfte. In den großen Seeschlachten konnte Karthago etwa 150 Schiffe mobilisieren. Durch die geografische Exposition waren die weit auseinander gezogenenTerretorien viel zu angreifbar und banden viele Schiffe und Besatzungen. Die Römer hingegen operierten aus einer sehr günstigen zentralen Position mit großen Ressourcen. Die Karthager hatten schon Probleme schnell genug ihre Streitkräfte zusammen zu ziehen, deren Nachschubwege sie auch noch gegen Piraten und konkurierende Griechen sichern mussten.