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Normale Version: Europa im frühen Mittelalter
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eigentlich rentiert es sich nicht, für einzelne archäologische Funde und das frühmittelalterliche Umfeld jeweils einen eigenen Strang aufzumachen, daher poste ich diese interessante Meldung mal unter einem gemeinsamen Thema:
<!-- m --><a class="postlink" href="http://www.ndr.de/regional/mecklenburg-vorpommern/silbermuenzen101.html">http://www.ndr.de/regional/mecklenburg- ... en101.html</a><!-- m -->
Zitat:Anklam: Außergewöhnlicher Silberschatz gefunden

Einen 1.200 Jahre alten Silberschatz haben Archäologen in Mecklenburg-Vorpommern entdeckt.
Die Forscher bargen 82 Münzen und Münzfragmente sowie einen Armreif und drei Silberbarrenstücke in der Nähe von Anklam. Mitten auf dem pommerschen Acker - auf einem Areal von 20 mal 25 Metern - haben die Archäologen einen der spektakulärsten Funde aus dem frühen Mittelalter im südlichen Ostseeraum gemacht.

Fund beweist globalen Handel im frühem Mittelalter

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Ein Teil der bei Anklam gefundenen Münzen ist inzwischen datiert, die älteste stammt aus der Zeit um 610, die jüngste aus der Zeit um 820. Der bis dahin letzte spektakuläre Silberschatz aus dem 8./9. Jahrhundert war 1973 bei Ralswiek auf Rügen geborgen worden. "Der Fund arabischer Münzen an der Ostseeküste beweist, dass es bereits vor mehr als 1.200 Jahren einen globalen Handel gab", sagt der Greifswalder Historiker Fred Ruchhöft. Die Münzen wurden in Regionen geprägt, die heute in Nordafrika, im Iran, Irak oder Afghanistan liegen.
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Der Fund in der Nähe eines slawischen Siedlungsplatzes erweitert die Kenntnisse über den Handel im südlichen Ostseeraum und die Bedeutung dieser Region. Im Frühmittelalter war das Land an der Peene, das heute unter einem dramatischen Bevölkerungsschwund leidet, eine Art "Boomregion" im Ostseeraum, wie der Historiker berichtet. Mit der Peene hatte die Region einen direkten Zugang zur Ostsee.

Brachten arabische Kaufleute die Münzen?

Nach Einschätzung Ruchhöfts pflegten die Slawen und Wikinger als Nachbarn nicht nur ein friedliches Miteinander, sondern auch einen regen Handel. "Auf diese Weise lässt sich auch erklären, wie arabische Münzen in slawische Hände kamen." Die Münzen könnten aber auch über arabische Kaufleute oder slawische Handelsreisende direkt in die Region gebracht worden sein.
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Kein Grab in Ägypten oder in Persien, aber nicht weniger interessant. Einerseits, weil "lokal" vieles noch der Erforschung harrt, besonders in Bezug auf das frühe Mittelalter (ca. 6. bis 11. Jahrhundert) - das oftmals in der Forschung zwischen Antike und Hochmittelalter ein wenig stiefmütterlich behandelt wird -, andererseits weil auch ersichtlich wird, wie hoch entwickelt die Handwerkskunst in unseren Breiten während des sogenannten (rufgeschädigten) "finsteren Mittelalters" doch gewesen ist.
Zitat:Archäologie

Rund 1000 Jahre altes Kindergrab aus Ottonen-Zeit entdeckt

Eisleben (dpa/sa) - Ein rund 1000 Jahre altes herrschaftliches Kindergrab ist auf der Königspfalz Helfta (Landkreis Mansfeld-Südharz) bei Eisleben entdeckt worden.[…] «Der Sarkophag besteht aus sorgfältig bearbeitetem, weißen Muschelkalk.» Der Umriss des Körpers des Kindes sei genau ausgearbeitet. Das ist ein länglich trapezförmiger Hohlraum und eine extra Rundung für den Kopf. Der Fachbegriff ist Kopfnischengrab. Das Grab misst 1,25 Meter Länge und 30 bis 45 Zentimeter Breite. […]

Der Oberkörper ist von Kleintieren beschädigt, ansonsten ist das Skelett komplett. Analysen zum genauen Alter werden spezielle Messungen ergeben. Ob es für eine DNA-Analyse zur genauen Person des Kindes reicht, müsse abgewartet werden. Der Sarkophag besteht aus zwei Teilen, die mit Mörtel verbunden wurden. Das Ganze war mit einer rötlich-grauen Platte aus Zechstein abgedeckt. «Der weiße Muschelkalk sieht sehr edel aus und erinnert an Marmor, was die herrschaftliche Herkunft des Kindes unterstreicht», sagte Biermann. […]

Seit Mai haben Archäologen bislang die Grundmauern der Kirche Kaiser Ottos des Großen (912-973) freigelegt. Die Kirche wurde vor 968 gegründet und existierte etwa 500 Jahre. Bei der Kirche wurden bislang 70 Gräber aus dem 10. bis 15. Jahrhundert freigelegt.
https://www.zeit.de/news/2021-07/01/rund...t-entdeckt

Schneemann.
Das Frühmittelalter ist eigentlich der wahre Ursprung der Gegenwart, in dem sowohl die Grundlagen für Europa als auch die für alle weiteren Teile der Welt gelegt wurden. Vom Frankenreich aus dem sowohl Frankreich wie auch Deutschland, und ebenso auch Italien wie Spanien entstanden über die Ausbreitung des Islam und wo und auf welche Weise dieser zum Stillstand kam bis hin zur Inkorporierung der Reste der Antike in der Kirche und im Christentum. Vom Schild Byzanz der es Europa überhaupt erst ermöglichte sich eigenständig weiter zu entwickeln bis hin zum massiven Einfluss von Byzanz auf die Kultur, die Wissenschaft und die technologische Entwicklung in Europa im Weiteren. Schlußendlich wurzelt das Europa der Gegenwart wie die gesamte vom westlichen Kapitalismus geprägte Gegenwart weltweit im europäischen Frühmittelalter.

Eine der interessantesten Entwicklungen im Frühmittelalter ist für mich immer die Ausbreitung der Normannen gewesen und welch erheblichen Einfluss diese dann auf die Entwicklung des Feudalsystems wie des Militärwesens in ganz Europa hatten. Ebenfalls direkte Erben des Frankenreichs von dem sie viel übernahmen konnten sie doch dem ganzen eine eigene Form aufzwingen und waren schließlich der Wegbereiter für das Hochmittelalter und gerade durch das normannische Königreich in Süditalien und Sizilien auch der erste Stein auf dem Weg Europas in die Neuzeit und die Drehscheibe über welche ein Gros der Errungenschaften der Antike wie des Orients nach Europa (zurück) kam.
@Quintus
Zitat:Vom Schild Byzanz der es Europa überhaupt erst ermöglichte sich eigenständig weiter zu entwickeln bis hin zum massiven Einfluss von Byzanz auf die Kultur, die Wissenschaft und die technologische Entwicklung in Europa im Weiteren. Schlußendlich wurzelt das Europa der Gegenwart wie die gesamte vom westlichen Kapitalismus geprägte Gegenwart weltweit im europäischen Frühmittelalter.
Das geht sogar noch über den "Schild" hinaus. Byzanz war nicht nur der Türsteher, der es den abendländischen Reichen - bei allem Zwist untereinander und bei allen Feudalstreitigkeiten - erlaubt hatte, sich in einer relativen Ruhe zu entwickeln, sondern auch ein Kulturmittler. Vieles, was in der Antike erdacht wurde, blieb in den ersten Jahrhunderten nach Christus tatsächlich auf der Strecke (insofern waren die letzten Jahre Westroms und die Übergangsphase zw. 5. und 8. Jhd. tatsächlich recht finster), wurde aber in Byzanz konserviert - auch unter Mithilfe der bzw. durch Kontakte zur islamischen Welt - und dann später quasi wieder nach dem Abendland eingespeist (wenngleich, das muss man fairerweise sagen, natürlich das Papsttum ggü. Byzanz teils äußerst feindselig eingestellt war).
Zitat:Eine der interessantesten Entwicklungen im Frühmittelalter ist für mich immer die Ausbreitung der Normannen gewesen und welch erheblichen Einfluss diese dann auf die Entwicklung des Feudalsystems wie des Militärwesens in ganz Europa hatten....
Ein sehr interessanter Aspekt, vor allem wen man bedenkt, wie weit sich die Normannen ausgebreitet hatten. Sie fuhren ja nicht nur englische, deutsche und französische Flüsse hoch und belagerten Orte im Binnenland, sondern drangen über Gibralter auch ins Mittelmeer vor und eroberten ab ca. dem Jahre 1000 auch Sizilien bzw. Süditalien (was viele übrigens gar nicht wissen - und dann immer komisch gucken, wenn man von Wikingern in Süditalien erzählt).

Hochinteressant auch die Reisen von Normannen über die russischen Seen und Flüsse (zumeist ausgeführt Dänen und Schweden), also grob via Nowgorod, Peipus-/Ladogasee und dann meistens über den Dnjepr bis zum Schwarzen Meer und von dort nach Byzanz (wo Normannen eine Art Elite-Söldner-Funktion wahrnahmen). Es finden sich teils auch sehr dramatische Erzählungen, wie z. B. die damaligen Stromschnellen ab Saporoschschje von den Normannen überwunden wurden.

Wenn man so will, waren sie wahre Kulturbringer bzw. zumindest Entdecker und auch Handel treibende Kontaktgeber zwischen den nordischen Völkern, dem Mittelmeerraum und Russland. Und das war übrigens nicht einseitig: In Schweden hat man in Wikingergräbern immer wieder Münzen aus dem arabischen Raum gefunden. Es muss also einen regen Austausch gegeben haben, der über das "Schädelspalten" hinausging.

Schneemann.